Facettenreich

Über das Kalifat
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So wenig wie es ein einheitliches christliches Kaiser-, Zaren- oder Papsttum gegeben hat, habe es je das Kalifat gegeben.

Der britische Arabist Hugh Kennedy hat ein höchst interessantes Buch über die Geschichte des Kalifenamtes geschrieben. Es lässt sich über weite Strecken leicht lesen und auch ohne besondere Kenntnisse über den Islam gut verstehen. Die große Stärke dieser Darstellung ist nicht allein die hervorragende Kenntnis der historischen Primärquellen seitens des Autors, sondern auch seine Absicht, die reiche und sehr vielfältige Tradition dieses Amtes deutlich zu machen. Kennedy betont immer wieder: „das Kalifat hat viele Facetten.“ So wenig wie es ein einheitliches christliches Kaiser-, Zaren- oder Papsttum gegeben hat, habe es je das Kalifat gegeben.

Vielmehr zeige die Geschichte, „dass es viele verschiedene Arten von Kalifen gab, kriegerische, fromme, intellektuelle, vergnügungssüchtige, inkompetente, grausame und tyrannische. Sie alle sind Teil der Kalifentradition“. Mehr noch: es gab nicht nur höchst unterschiedliche Kalifen, sondern Kalifen stießen zu allen Zeiten auf mehr oder weniger Ablehnung unter Muslimen.

Nie gab es einen Kalifen, der die Zustimmung aller Muslime fand. Im zehnten Jahrhundert gab es sogar drei rivalisierende Kalifen gleichzeitig: den Abbasiden-Kalif in Bagdad, den Umayyaden-Kalif in Cordoba sowie einen schiitischen Kalifen in Kairo. Die Vielfalt und Rivalität der Kalifen hat mit unterschiedlichen Antworten auf drei Grundfragen zur Idee des Kalifats zu tun, die Kennedy herausgearbeitet hat. Denn zu allen Zeiten und bis heute sind muslimische Gelehrte uneins darüber, wie zunächst ein Kalif zu wählen und wer überhaupt ein geeigneter Kandidat für dieses Amt sei. Soll der Kalif von allen Muslimen oder von einem Gremium oder von einer einzelnen Autorität gewählt beziehungsweise ernannt werden? Oder soll er von Gott selbst (doch in welcher Form?) bestimmt werden? Muss der Kalif ein direkter Nachkomme des Propheten Mohammed sein oder nicht? Soll er der frömmste, der angesehenste oder vielleicht der mächtigste Mann sein?

Die zweite Grundfrage, die Kennedy behandelt, lautet: Was genau ist ein Kalif? Ist er eine Art „Stellvertreter“ Gottes auf Erden, ähnlich dem katholischen Papst, oder nur der „Nachfolger“ des Propheten Mohammed? Das arabische Wort „khalifa“ enthält beide Bedeutungen. Damit verbunden sind Fragen nach den Aufgaben eines Kalifen, was seine Befugnisse und die legitimen Formen seiner Machtausübung sind.

Und drittens: auf der Basis welcher Quellen und Beispiele beziehungsweise historischer Vorbilder sollen alle diese Fragen entschieden werden? Und wie sollen diese Quellen überhaupt ausgelegt werden? Schon die historischen Umstände der ersten drei Jahrzehnte nach dem Tod Mohammeds, die zur „Wahl“ (in unterschiedlichen Formen) von vier Kalifen führten (von denen drei ermordet wurden), und die von Sunniten, Schiiten und Charidschiten bis heute unterschiedlich bewertet werden, zeigt und belegt zugleich das Dilemma des Kalifats.

Wer auch immer die Kalifen waren, und wie auch immer sie ihr Amt verstanden und ausübten, stets hatte ein Kalif Gegner, die ihn nicht anerkannten. Schlimmstenfalls führen diese Gegnerschaften, wie bereits in den Anfängen und heute im Nahen Osten, zu Bürger- und Bruderkriegen. Der letzte Kalif mit nennenswerter Gefolgschaft war der osmanische Kalif Abdülmecid II. 1924 wurde er abgesetzt und das Kalifenamt von Mustafa Kemal abgeschafft. Seither hat keiner, so Kennedy, „der Anspruch auf das Kalifat erhob, je wieder eine breite, allgemeine Anerkennung in der muslimischen Welt gefunden“. Schon gar nicht der selbsternannte Kalif der IS-Miliz.

Die Moral von der Geschicht’: Kalifen kommen, Kalifen gehen. Der Islam aber, der älter als das Kalifat ist, bleibt.

Martin Bauschke

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