Leichthändig

Clementines gesegnetes Album
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Eine Mischung aus drängendem Freddy Mercury und salbaderndem Helge Schneider.

Das Adjektiv „gesegnet“ ist selbst in der Kirche selten geworden, im Alltag erst recht. Bloß ein Bekannter meint immer mal wieder, sein Hund, der habe eine gesegnete Verdauung. Wer indes Gelegenheit hatte, den klavierspielenden Sänger und Songwriter Benjamin Clementine aus London auf einer der deutschen Stationen seiner „Wandering Tour“ zu erleben, darf sich wirklich gesegnet schätzen: stupende Musikalität, rasante Stimmungswechsel und leichthändige Intensität, die fesseln, mitunter erschrecken, Abgründe ahnen oder gar fürchten lassen, die man aber nicht missen mag.

Clementine ist ein echtes Phänomen der aktuellen Musiklandschaft. Unterwegs mit Bass und Drums, dazu Sample-Einspielungen (keine Gitarre, obwohl er mit der doch nach seiner Flucht nach Paris dort auf der Straße Geld verdiente) und seine Auftritt theatralisch, introvertiert, schneidend, einfühlsam, lautmalerisch und unglaublich präsent. Stets sucht er Kontakt zum Publikum, ist dann wieder völlig losgelöst und eben doch packend ganz da, im Gesang als eine Mischung aus drängendem Freddy Mercury und salbaderndem Helge Schneider, ProgRock-Impressario, Dada-Vokalist, innigem Flüsterer und Balladenmeister.

Wie die „Wandering Tour“-Shows ist auch das neue Album I Tell A Fly. Es beginnt mit Jahrmarktklängen und auch stimmlich heimelnder Theaterinszenierung, die plötzlich in Hardrockgeschrei kippt. Die dann folgende eindringliche Ballade God Save The Jungle versetzt ins gleichnamige Immigranten-Ghetto von Calais. Flüchtlinge, die nach einem sicheren Hafen suchen wie er selbst, sind auch der Tenor der Platte, etwa in dem Song Jupiter, in dem er die Erfahrung seines ersten usa-Besuchs verarbeitet, als er in seinem Visum den verwirrenden Vermerk „an alien of extraordinary abilities“ entdeckte, zu deutsch etwa: „Ein Fremder“ oder „Außerirdischer mit außergewöhnlichen Fähigkeiten“. Clementine setzt dem ein aufgebrachtes „Ich bin ein Mensch“ entgegen, auch musikalisch.

So changiert das ergreifende Album zwischen Low-Tempo-Stücken und unabsehbaren Explosionen, die stets das große Ganze finden und einem noch lange nachgehen. One Ackward Fish etwa mit einen tickenden intensiven Drum’n’Bass-Schlagzeug als Basis, darüber liegen ein galoppierender Bass, Cembalo, Chorstimmen und der mal summende, dann wieder sinnierende Clementine.

Eine unruhige Seele, äußerst sympathisch, verletzlich, ganz wandernder Geist, der aus all dieser Fragilität eine musicalhafte Revue schafft, deren Faszination immens ist – in Ave Dreamer setzt Clementine dazu am Ende den Doppelpunkt: „Seid gegrüßt, ihr Träumer auf einer Welt, in der man der Menschen Söhne und Töchter wertschätzt und gelten lässt!“ Ein Segen.

Udo Feist

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