Der Wert dahinter

Wir sollten verbal abrüsten, damit Integration gelingt
Egal ob Schweinefleisch oder Badebekleidung, stets geht es um das große Ganze, um Sexismus, Feminismus, Islamismus, Freiheit, Grundgesetz und Demokratie und immer auch um Leitkultur.

Der Aufschrei war mal wieder groß. Die Diskriminerung von Frauen werde zementiert, empörte sich etwa die CDU-Politikerin Julia Klöckner. Sexualität werde tabuisiert, erklärte der Psychologe Ahmed Mansour und warnte vor der Resignation vor patriarchalischen Familienstrukturen und konservativen religiösen Vorstellungen. Offenbar droht mal wieder die Unterwerfung des christlichen Abendlandes unter den Islam. Die Kampfzone diesmal: Ein Schwimmbecken in Herne, genauer gesagt der Schwimmunterricht eines Gymnasiums dort. Das hatte zwanzig Burkinis angeschafft, die Schülerinnen aus konservativ muslimischen Familien leihweise zur Verfügung gestellt wurden, damit sie am Schwimmunterricht teilnehmen können. Pragmatisch, praktisch, gut – schließlich gehört zum Bildungsauftrag der Schule, den Kindern das Schwimmen beizubringen. Mit wieviel Stoff am Körper das geschieht, sollte dabei eigentlich nebensächlich sein.

Ist es aber nicht in diesen Zeiten, in denen die Angst vor der muslimischen Unterwanderung unserer Gesellschaft plötzlich überall Schlachtfelder des Kulturkampfes eröffnet. Egal ob Schweinefleisch oder Badebekleidung, stets geht es um das große Ganze, um Sexismus, Feminismus, Islamismus, Freiheit, Grundgesetz und Demokratie und immer auch um Leitkultur und Bedingungen, die wir hier denen stellen, die aus dem Morgenland zu uns kommen.

Geht es nicht auch eine Nummer kleiner? Integration ist kein einseitiger Prozess, in dem sich die Minderheit der Mehrheit anpasst. Das wäre Assimilation, die kann man wollen, dann muss man das aber auch so benennen. Und sich dann klar machen, dass dieses Ziel nicht erreichbar ist. Viel zu breit aufgefächert und differenziert ist unsere Gesellschaft mittlerweile, auch eine Folge jahrzehnterlanger Migration nach Deutschland, aber viel mehr Ergebnis von veränderten Rollenbildern und größerer gesellschaftlichter Freiheit. Das ist ohne Einschränkung zu begrüßen, bedarf aber eines andauernden Verhandlungsprozesses in der Gesellschaft: Wo können wir den Anderen anders sein lassen, wo müssen wir uns auf gemeinsame Werte einigen? Was verstehen wir unter Freiheit? Hängt sie an der Badebekleidung, am Kopftuch, am Schweinefleisch?

Ist es nicht auch ein Akt der Unfreiheit, Mädchen im Namen der Freiheit in den Bikini zu zwingen und sie so in große Loyalitätskonflikte zu stürzen? Könnte der pragmatische Ansatz, den die Schule im Ruhrgebiet gegangen ist, nicht wegweisend sein?Dann würden manche hochgejazzten Konflikte möglicherweise schnell gelöst werden. Wenn männliche muslimische Jugendliche ihrer Lehrerin nicht die Hand geben wollen und die Lehrerin darauf besteht, geht es doch eigentlich nicht um das Handeschüttelln, sondern um das Zeigen von Respekt. Der ist nicht verhandelbar, möglicherweise aber die Geste, die ihn zum Ausdruck bringt. Gemeinsam nach dieser zu suchen, wäre ein konkretes Beispiel für die bei der Integration notwendigen Aushandlungsprozesse.

Sicher, man wird stets auch an Grenzen stoßen, die Lösung wird nicht immer schnell zu finden sein. Aber wenn beide Seiten sich über den Wert (Respekt, Religion, Bildung) hinter dem Symbol (Händeschütteln, Schweinefleisch, Burkini) einigen, sollten Wege gefunden werden, diesem Ausdruck zu verleihen.

Stephan Kosch

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