Ein Wunder in Wesernähe

1200 Jahre Christentum im Weltkulturerbe Corvey
Foto: pixelio/Dietmar Meinert
Strahlende Finsternis - so schön kann das Böse klingen.

Vor kühler Kulisse zelebriert der Dessauer Jago sein flammendes Anti-Credo. „Nach all dem Spott“, ätzt er, „kommt der Tod“. Und dann? Die Musik schöpft, von dunkel glänzenden Celli getragen, leise Hoffnung. Und dann? Immer noch Hoffnung, die Celli verklingen. Da bricht es aus Ulf Paulsen, der diesen Jago singt, nein feiert, mit Urgewalt heraus: „Der Tod ist das Nichts. Und der Himmel ein altes Märchen.“ Strahlende Finsternis.

So schön kann das Böse klingen. Das berühmte atheistische Glaubensbekenntnis aus Giuseppe Verdis Oper „Otello“ ist nur einer von unzähligen genialen Momenten, in denen der alte Meister auf dem Gipfel seiner Schöpferkraft die Seele der Protagonisten und Zuhörer zum Klingen bringt. Ein von Eifersucht zerfressener Titelheld Otello, die blütenweiß-unschuldige Gattin Desdemona, beide zerstört durch schurkische Intrigen Jagos. Das ist erschütternd, bis heute.

Nun hatte Verdis vorletzte Oper am Anhaltischen Theater in Dessau Premiere: eine von Roman Hovenbitzer inszenierte Produktion, die nicht nur, aber allem voran ein musikalisches Ereignis ist. Vor zeitlosen Gerüsten und riesenhaften Staffeleien in Schwarz-Weiß-Ästhetik können die Akteure sich entfalten. Das Ensemble wird nicht von eingekauften Gästen getragen, sondern von großartigen eigenen Solisten, an deren Spitze neben Ulf Paulsen als Jago der Texaner Ray M. Wade Jr. als Otello und Iordanka Derilova als Desdemona stehen. Die Anhaltische Philharmonie präsentiert sich unter Leitung von Generalmusikdirektor Markus Frank in Höchstform, ebenso die von Chordirektor Sebastian Kennerknecht auf die herkulischen Aufgaben einstudierten Opernchöre.

Das Anhaltische Theater wurde Ende des 18. Jahrhunderts auf Geheiß des aufgeklärten Fürsten Leopold iii. Friedrich Franz von Anhalt-Dessau gegründet und später zu einem bedeutenden Wagner-Spielort. In den Fünfzigerjahren galt Dessau als „Bayreuth des Nordens“, aber auch viel beachtete Verdi-Inszenierungen gab es am Haus. In den letzten Jahren musste das neben Magdeburg und Halle größte Theater in Sachsen-Anhalt schwere Schläge einstecken: Ab der Spielzeit 2014/15 strich die Landesregierung fast drei Millionen Euro an Zuschüssen. Nur durch große Solidarität und freiwilligen Lohnverzicht gelang es, alle vier Sparten zu erhalten. Es steht als gefährdete Einrichtung auf der Roten Liste des Deutschen Kulturrates.

In zahlreichen Kooperationen wirkt das Haus in die Stadt hinein. Eng ist die Verbindung zur Evangelischen Landeskirche Anhalts, die ihren Sitz in Dessau hat. Seit 2008 bietet man in der innerstädtischen Johanniskirche gemeinsam Theaterpredigten an, die ein bürgerliches ebenso wie kirchliches Publikum ansprechen und zum festen Bestandteil des Kulturlebens geworden sind. In der 20. Dessauer Theaterpredigt nahm zeitzeichen-Chefredakteur Reinhard Mawick Bezug auf „Otello“. Der Hoffnungslosigkeit des Dramas stellte er mit „Joseph und seine Brüder“ eine biblische Geschichte der Hoffnung entgegen. Die musikalische Gestaltung übernahm, an der Orgel begleitet von Stefan Nusser, Otello persönlich: Ray M. Wade sorgte mit geistlichen italienischen Arien für Gänsehaut. Dabei klang das „Ingemisco“ aus Verdis „Requiem“ wie ein spätes Gnadengesuch Jagos aus anderem Munde: „Doch aus Gnade lass geschehen, / Dass ich mög der Höll entgehen. / Bei den Schafen gib mir Weide, / Von der Böcke Schar mich scheide, / Stell mich auf die rechte Seite.“

Nächste Vorstellungen von Verdis Otello: 10. November (Freitag, 19:30 Uhr), 26. November (Sonntag, 16 Uhr). Weitere Vorstellungen im Februar und März.

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Johannes Killyen

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