Einladung an alle

Klartext
Die Gedanken zu den Sonntagspredigten im Juni und Juli stammen von Jürgen Wandel. Er ist Redakteur der zeitzeichen.

Licht aufgegangen

ZWEITER SONNTAG NACH TRINITATIS, 18. JUNI

Ihr sucht in den Schriften, denn ihr meint, ihr habt das ewige Leben darin; und sie sind’s, die von mir zeugen; aber ihr wollt nicht zu mir kommen, dass ihr das Leben hättet. (Johannes 5,39-40).

Als die ersten christlichen Gemeinden entstanden, verhielten sich Juden sehr unterschiedlich, ja gegensätzlich: Die einen arbeiteten von Anfang an mit. Andere blieben den Gemeinden dagegen fern und dem alten Glauben treu. Sie konnten in Jesus nicht den Messias erkennen, den Jesaja prophezeit hatte.

Die innerjüdische Auseinandersetzung spiegelt sich auch im Johannesevangelium. Es erzählt, wie sich der Jude Jesus mit den Glaubensgenossen und Landsleuten auseinandersetzt, die ihm die Anerkennung als Gesandten Gottes versagen.

Aber das ist alles schon lange her. Was geht ein innerjüdischer Streit von damals heutige Christen an? So könnten sich diejenigen, die am heutigen Sonntag in der Kirche sitzen, nach der Verlesung des Predigtabschnittes zurücklehnen und darüber freuen, dass es Jesus seinen Gegnern gegeben hat. Aber wer historisch ein wenig beschlagen und selbstkritisch ist, weiß: Christen suchen seit 2000 Jahren „in den Schriften“, vor allem im Neuen Testament, Jesus und „das Leben“. Und was ist dabei herausgekommen?

In diesem Jahr wird der Beginn der Reformation vor 500 Jahren gefeiert. Unter der Losung „allein die Schrift“ wies Martin Luther der Bibel eine zentrale Stellung zu, für die Kirche wie für jeden einzelnen Christen. Im 19. und 20. Jahrhundert haben evangelische Universitätstheologen bei der Erforschung und der Auslegung des Alten und Neuen Testamentes Großartiges geleistet. Und fromme Protestanten lesen regelmäßig, wenn nicht gar jeden Tag, in der Bibel. Aber die Geschichte zeigt: Auch eifrige Leser und Ausleger des Neuen Testamentes können Jesus verfehlen. Jahrhunderte lang rechtfertigten Theologen und andere Kirchenleute Kriege, Sklaverei, die Todesstrafe, die Verfolgung Homosexueller und die Unterordnung der Frau unter den Mann - und beriefen sich dabei auf die Bibel, Liebesgebot hin, Bergpredigt her.

Ist das Suchen „in den Schriften“ also sinnlos, weil doch jeder das hinein- und herausliest, was er will - zur Zeit Jesu wie heute? Nein! Denn das ist ja das Faszinierende der Bibel, das macht ihren Reichtum aus: Denen, die sie lesen und erforschen, geht immer wieder - ohne ihr Dazutun - ein Licht auf: Jesus erweist sich als lebendig und spricht in die Gegenwart. Diese Erfahrung haben Martin Luther und Martin Luther King gemacht. Und ihr Vorbild ermutigt Menschen, in der Bibel „das Leben“ zu suchen.

Christentum der Tat

DRITTER SONNTAG NACH TRINITATIS, 25. JUNI

Der König sandte seine Knechte aus, die Gäste zur Hochzeit zu rufen; doch sie wollten nicht kommen. (Matthäus 22,3)

Stärker als am vergangenen Sonntag wird heute deutlich, wie sehr die Evangelien innerjüdische Auseinandersetzungen spiegeln. Nach Matthäus erzählt Jesus das Gleichnis von der königlichen Hochzeit den „Hohepriestern“ und „Ältesten des Volkes“. Mit den Gästen, die die Einladung zur Hochzeit ausschlagen, sind diejenigen Juden gemeint, die Jesus nicht als Messias anerkennen, sondern dem alten Glauben treu bleiben. Aber damit sind die Christen nicht aus dem Schneider. Sie werden zwar zur Hochzeit eingeladen und nehmen die Plätze ein, die die Juden freigelassen haben, die nicht zur christlichen Gemeinde gestoßen sind. Aber diejenigen täuschen sich, die drinnen sind und daher überzeugt, dass Gott ihnen einen Ehrenplatz reserviert hat. Denn wer von ihnen nicht Gottes Willen tut, also die dritte Bitte des Vaterunsers nicht erfüllt, wird dorthin geworfen, wo „Heulen und Zähneklappern“ ist.

Was Jesus in diesem Gleichnis sagt, erinnert an Drohungen, die christliche Fundamentalisten von heute ausstoßen. Aber sie drohen Außenstehenden, Nichtchristen mit der Hölle. Die Propheten und Jesus haben dagegen die eigenen Leute im Blick. Ihnen wollen sie mit drastischen Worten und Bildern einschärfen: Gott erwartet von denen, die an ihn glauben, dass sie etwas tun, dass sie sich für Frieden und Gerechtigkeit einsetzen. Diese Auffassung durchzieht das Matthäusevangelium. So überliefert es die Worte Jesu, dass nicht alle die „Herr, Herr“ sagen „in das Himmelreich kommen, sondern die den Willen tun meines Vaters im Himmel“.

Matthäus legt also großen Wert auf ein Christentum der Tat. Ob und wie das mit der Sicht des Römerbriefes vereinbar ist, wonach der Mensch vor Gott „gerecht wird“ ohne gute Taten, „allein durch den Glauben“, sollte im Jahr des Reformationsjubiläums wieder bedacht und diskutiert werden. Im Protestantismus hat es immer Strömungen gegeben, die die Bedeutung der Ethik, sprich: von guten Taten hervorgehoben haben. Das gilt für die Schweizer Reformatoren Ulrich Zwingli und Johannes Calvin, für Methodisten, Quäker, religiöse Sozialisten, Vertreter des Social Gospel in den USA und viele andere Christen. Sie konnten sich auf das Matthäusevangelium - und den Jakobusbrief - berufen und wie Gustav Werner (1809-1887), ein Pionier der württembergischen Diakonie, feststellen: „Was nicht zur Tat wird, hat keinen Wert.“

Ohne Folgen?

VIERTER SONNTAG NACH TRINITATIS, 2. JULI

Die Pharisäer und die Schriftgelehrten murrten und sprachen: Dieser nimmt die Sünder an und isst mit ihnen. (Lukas 15,2)

Wie an den beiden vergangenen Sonntagen wird erzählt, dass sich Jesus mit einem Gleichnis an die Theologen und frommen Glaubensgenossen wendet, die ihn ablehnen. Aber dieses Mal, im Gleichnis vom verlorenen Schaf, droht ihnen Jesus nicht. Vielmehr versucht er, seine Kritiker und Gegner zu überzeugen und für einen barmherzigen Umgang mit denen zu gewinnen, die religiöse Regeln übertreten und sich unmoralisch verhalten. Auch hier spiegelt sich eine innerjüdische Auseinandersetzung. Aber noch deutlicher und bedrängender als an den beiden vergangenen Sonntagen wird deutlich: Das, was Jesus sagt, geht auch Christen des 21. Jahrhunderts an.

Bei bestimmten Anlässen, in der Kantine oder bei einem Staatsempfang, isst man auch mit Leuten, die man nicht mag, weil sie unsympathisch oder feindlich eingestellt sind. Aber zu einem größeren Essen, das wir vorbereiten, bestellen und bezahlen, laden wir nur Gleichgesinnte und Freunde ein. Bei Jesu Abendmahl war das anders. Da saßen ein Verräter mit am Tisch, ein Großmaul, das Jesus Treue schwor, um ihn dann zu verleugnen, und Hasenfüße, die sich aus dem Staub machten, als es brenzlig wurde.

Trotzdem hatte sie Jesus an seinen Tisch geladen. Umso erstaunlicher ist, dass die Kirche schon sehr früh den Zugang zum Abendmahl begrenzte. Die evangelischen und altkatholischen Kirchen sind da offener. Aber auch bei ihnen ist die eucharistische Gastfreundschaft auf die Getauften beschränkt. Wenn man das Abendmahl in eine Linie mit den Mahlzeiten Jesu stellt, müssten eigentlich alle eingeladen werden. Darüber sollte breit und intensiv nachgedacht und diskutiert werden. Eine allgemeine Zulassung zum Abendmahl würde schließlich mit einer uralten kirchlichen Tradition brechen.

Gegen den Geist Jesu verstößt auf jeden Fall ein Ausschluss vom Abendmahl, zum Beispiel die Exkommunikation von römischen Katholiken, die nach einer Scheidung wieder geheiratet haben und ihre Liebe auch körperlich ausdrücken. Aber darüber darf nicht die Zumutung vergessen werden, die das Abendmahl überhaupt bedeutet. Denn es verbindet Reiche und Arme, Alte und Junge, Frauen und Männer, Farbige und Weiße, Hetero- und Homosexuelle, Freunde und Feinde. Jeder bekommt dieselbe Portion Brot, und alle trinken aus einem Kelch Wein derselben Qualität. Und hat das Folgen für die Kirchen und christlich geprägten Gesellschaften?

Wie bei Jesus

FÜNFTER SONNTAG NACH TRINITATIS, 9. JULI

Ihr gedachtet es böse mit mir zu machen, aber Gott gedachte es gut zu machen. (1. Mose 50,20)

Immer noch geistert unter Christen, und - wie es scheint - noch mehr unter Nichtchristen, die Vorstellung herum, im Alten Testament zeige sich ein Gott der Rache, im Neuen Testament dagegen der Gott der Liebe. Und ein evangelischer Theologieprofessor meinte vor einiger Zeit, dass das „christliche Selbstbewusstsein“ beim Lesen alttestamentlicher Texte „fremdele“.

Dass beide Auffassungen nicht zutreffen, dürfte schon derjenige merken, der im Sonntagsgottesdienst die Psalmen mitbetet. Und erst recht, wer die Josephsgeschichte liest. Der Schriftsteller Thomas Mann (1875-1955) nannte sie die „Perle des Alten Testamentes“. Sie regte ihn an, sich 16 Jahre lang mit der Hebräischen Bibel und ihrer Erforschung zu beschäftigen. Und heraus kam der Roman „Joseph und seine Brüder“, der 2000 Seiten in vier Bänden umfasst. So nahm Mann auf, was Johann Wolfgang von Goethe über die Josephsgeschichte geäußert hatte: „Höchst anmutig ist diese natürliche Erzählung, nur erscheint sie zu kurz, und man fühlt sich berufen, sie ins einzelne auszumalen.“

Diese alte Geschichte spricht Menschen an, weil sie von Erfahrungen handelt, die zu allen Zeiten gemacht werden. Streit unter Geschwistern sind Vielen vertraut. Und wenn Christen auf ihr Leben zurückblicken, werden etliche bekennen: Mitmenschen wollten „es böse mit mir machen, aber Gott gedachte es gut zu machen“. Oder wie der jüdische Religionsphilosoph Martin Buber (1878-1965) übersetzt: „Ihr habt Böses wider mich geplant, Gott hat’s umgeplant zum Guten.“

Das kann wie bei Joseph nur im Rückblick erkannt und bekannt werden. Es ist eine Interpretation des Lebens im Licht des Glaubens und keine allgemeine Aussage über einen Gott, der am Ende alles auf ein Happy End hinauslaufen lässt. Die Josephsgeschichte bietet keinen billigen Trost an. Sie ermutigt vielmehr dadurch, dass sie Einzelne wie Gruppen zu einer Deutung des Lebens einlädt, die der Volksmund so ausdrückt: „Der Mensch denkt, Gott aber lenkt.“ Und wenn Christen die Josephsgeschichte lesen, fällt ihnen die Geschichte Jesu ein. Darin haben die Mächtigen nicht nur Böses geplant, sondern verübt. Doch „Gott hat’s umgeplant zum Guten“. So ist das Christentum entstanden und hat sich von einer jüdischen Sekte zu einer Weltreligion entwickelt, allen Verfolgungen zum Trotz.

Jürgen Wandel

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