Hier und jetzt

Über die eigene Täuschung
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Es gibt nichts zu tun, nichts zu erreichen. Und dann kann getan werden, was die konkrete Situation in genau diesem Augenblick erfordert.

Dieses Buch ist eine einzige Enttäuschung - im besten und eigentlichen Sinne des Wortes. So ist auch der Titel gemeint: Ent-Täuschung. Normalerweise eine negativ besetzte Erfahrung, die jedermann zu vermeiden trachtet. Wer mag es schon, von anderen Menschen, von Situationen oder vom Leben als solchem enttäuscht zu werden. Doch das Problem sind nicht die anderen, sondern ich selbst bin es. Nicht sie haben mich getäuscht, sondern ich habe mich in ihnen getäuscht. Es sind meine Vorstellungen, meine Erwartungen, meine Hoffnungen, die die anderen oder das Leben selbst nicht bedient haben. Es kann uns also nichts Besseres passieren, als diese Selbsttäuschungen aufzudecken und zu durchschauen und dem Leben unverstellt zu begegnen, wie es ist. Dies wäre schon eine ganz gute Haltung im Sinne des Zen. Denn „Zen ist Ent-Täuschung“, meint Alexander Poraj, der selbst Zen-Meister ist und zugleich einer der Leiter des „Benediktushofes“, eines der größten Zentren für Meditation und Achtsamkeit in Europa, sowie Vorstand der „West-Östlichen Weisheit - Willigis Jäger Stiftung“.

Das Buch ist nicht einfach zu lesen, doch das Bemühen des Autors ist durchweg zu spüren, jeden Interessierten bei seinen alltäglichen Erfahrungen abzuholen und immer tiefer zu graben nach noch wesentlicheren Selbsttäuschungen, bis es ans Eingemachte geht. Ein erster knapper Teil ist mit „Wer wir sind und warum wir enttäuscht werden“ übertitelt. Unsere Selbsttäuschungen haben, wie angedeutet, mehr mit unseren eigenen Gedanken und Projektionen zu tun als mit der Wirklichkeit selbst. Einschließlich unserer Gedanken über uns selbst, unser so genanntes „Ich“. Womit ein längerer zweiter Teil beginnt: „Unsere Vorstellungskraft ist filmreif“. Auch unser „Ich“ im Sinne eines irgendwie stabilen, dauerhaften, womöglich unsterblichen Selbst ist letztlich eine Täuschung, die der Ent-Täuschung bedarf. Nicht nur im Zen, sondern auch sonst in der spirituellen Szene, gegen die der Autor wiederholt polemisiert, wird gerne die Metapher von der „Leinwand-Existenz“ verwendet: wir projizieren unser Ich auf eine Leinwand, wir spielen die Hauptrolle in einem großen Filmdrama, das wir „Unser Leben“ nennen, und verwechseln den Film mit der Wirklichkeit selbst. Verwechseln das Sprechen über das Leben damit, das Leben direkt zu erfahren, so, wie es ist - und nicht so, wie wir es gerne hätten oder wie es nach unseren Vorstellungen sein sollte. Hier, in der Mitte, beginnt der dritte, letzte und längste Teil des Buches: „Die Wirklichkeit, wie sie ist, und was wir aus ihr machen“. Immer deutlicher wird im Verlauf des Buches die Abgrenzung des Zen, als einer Form von Spiritualität, von jeglicher Religion. Religion ist, so der Autor, stets in Konzepten gefangen und in Dualitäten, wenn nicht sogar Dualismen, gespalten: Gott und Mensch, Himmel und Erde, Gut und Böse, Erlösung und Verdammung, Urzeit und Endzeit. Dem Zen zufolge gibt es weder ein Ich noch ein göttliches beziehungsweise dämonisches Über-Ich. Weder Vergangenheit noch Zukunft, außer in Gedanken, sondern „nur das Hier und Jetzt“. Also gibt es oder sollte es auch bei dem, der Zen-Meditation übt, kein Ziel geben, auf das hin er übt, denn auch das wäre eine Täuschung. Es gibt nichts zu tun, nichts zu erreichen. Und dann kann getan werden, was die konkrete Situation in genau diesem Augenblick erfordert. „Zen ist Unmittelbarkeit“ in diesem Sinne. „Alles, was ist, will da sein, sonst wäre es nicht da.“ So ist es vollkommen, voll gekommen und ganz willkommen geheißen. Zen aber ist keine Meta- oder Ersatzreligion, nicht der letzte Strohhalm des restlos enttäuschten Ich. Denn die Wirklichkeit, die wir selber sind, braucht kein Zen. Bleibt zu hoffen, dass Sie diese Besprechung enttäuscht hat.

Martin Bauschke

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