Die Stadt auf dem Berg

150 Jahre Bethel - Grundlinien einer Unternehmensgeschichte
Schlafsaal im Haus Ebenezer, 1909.„Der Anstaltsvater wurde als normative Instanz relativiert, historisiert und musealisiert“. Foto: v. Bodelschwinghschen Stiftungen
Schlafsaal im Haus Ebenezer, 1909.„Der Anstaltsvater wurde als normative Instanz relativiert, historisiert und musealisiert“. Foto: v. Bodelschwinghschen Stiftungen
Im Jahre 1867 wurde vor den Toren Bielefelds die „Rheinisch-westfälische Anstalt für Epileptische“ gegründet, die seit 1874 den Namen Bethel trägt. 1869 kam die Westfälische Diakonissenanstalt Sarepta hinzu, 1877 die Westfälische Diakonenanstalt Nazareth. Diese drei Stiftungen wurden 1921 zu einem Verbund, den v. Bodelschwinghschen Anstalten, zusammengefasst, wie die Kirchenhistoriker Matthias Benad und Hans-Walter Schmuhl erläutern.

Die Anfänge waren bescheiden. Die „Rheinisch-Westfälische Anstalt für Epileptische“, die 1867 im Steinkampschen Hof unterhalb der Bielefelder Sparrenburg eingerichtet wurde, nahm im ersten Jahr ihres Bestehens gerade einmal 24 epilepsiekranke Knaben auf. Das neue, 1873 fertiggestellte Haus, das den Namen Bethel erhielt, der bald auf die gesamte Anstaltsortschaft überging, sollte ursprünglich nicht mehr als 150 Kranke aufnehmen. Das war der Bielefelder Bürgerschaft zugesichert worden, die gegen eine private „Irrenanstalt“ vor ihrer Haustür protestiert hatte. Pastor Friedrich v. Bodelschwingh d. Ä., der 1872 die Leitung der „Epileptischenanstalt“ und des Diakonissenhauses übernahm, setzte sich über diese Zusicherung souverän hinweg. Bei seinem Tod im Jahre 1910 war aus der Anstalt eine Kleinstadt von über 4.000 Einwohnern mit dem Status einer selbstständigen Kirchen- und Ortsgemeinde entstanden. In mehreren Dutzend Pflege- und Krankenanstalten wurden über 2.000 „Pfleglinge“ betreut. Etwa 1.250 Sarepta-Diakonissen und 450 Nazareth-Diakone taten in Bethel und weit darüber hinaus Dienst. Die Anstaltsortschaft verfügte über eigene Handwerksbetriebe, ein Kaufhaus, eine Kirche, einen Friedhof, Schulen, Ausbildungsstätten für angehende Pastoren und war Sitz der Evangelischen Missionsgesellschaft für Deutsch-Ostafrika. Hinzu kamen die Zweiganstalten Eckardtsheim in der Senne und Freistatt im Diepholzer Moor, außerdem die Hoffnungstaler Anstalten in Lobetal bei Berlin, die 1905 gegründet worden waren, um sich der Obdachlosen aus der Reichshauptstadt anzunehmen. Die Arbeitsfelder hatten sich seit den Anfängen enorm ausgeweitet und aufgefächert. Zu der Arbeit mit Epilepsiekranken waren in rascher Folge die Fürsorge für psychisch Kranke, Alkoholkranke, „Nervöse“ und „Neurastheniker“, geistig behinderte Menschen und Tuberkulosekranke hinzugekommen. Mit der Wandererfürsorge - 1882 hatte Bodelschwingh in der Senne die Arbeiterkolonie Wilhelmsdorf gegründet, die erste Einrichtung dieser Art in Deutschland - war ein völlig neuartiges Arbeitsfeld eröffnet worden. Seit dem Jahr 1900 hatten die Anstalten schließlich auch Aufgaben im Bereich der Fürsorgeerziehung übernommen.

Dieser erstaunliche Expansionsprozess muss vor dem Hintergrund des beschleunigten wirtschaftlichen und sozialen Wandels in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts betrachtet werden. Industrialisierung, Binnenwanderung und Verstädterung führten vermehrt zur Aussonderung von Menschen, die aufgrund von Krankheit, Behinderung oder sozialer Marginalisierung dem Konkurrenzdruck der modernen Gesellschaft nicht gewachsen waren. Der Staat war von dieser Zusammenballung von sozialen Problemlagen ebenso überfordert wie die überkommenen Netzwerke der Familie, Nachbarschaft, Gemeinde oder Stadt. Neue Lösungen mussten gefunden werden. Friedrich v. Bodelschwingh stellte sich der Herausforderung der Moderne - der er mit tiefer Skepsis gegenüberstand. Bethel verstand sich jahrzehntelang als christlicher Gegenentwurf zur Moderne. Die „Stadt auf dem Berge“ sollte beispielhaft vor Augen führen, wie eine Gesellschaft aussehen könnte, in der die Kräfte der inneren Mission die Entchristlichung der modernen Welt überwunden und Familie, Kirche und politisches Gemeinwesen wieder mit dem Geist des Evangeliums durchdrungen hatten.

Auf Expansionskurs

Wäre das alles gewesen, dann wäre Bethel heute Geschichte, ein Kuriosum, das irgendwo im Dunstkreis von Kirche, Sekte und Lebensreformbewegung einzuordnen wäre. Entscheidend für die Entwicklung zum diakonischen Unternehmen wurde, dass sich die Betheler Anstalten seit den 1890er Jahren zunehmend in den Dienst des im Entstehen begriffenen modernen Sozialstaats stellten, sich im Auftrag und unter der Aufsicht des Staates - und vor allem auch aus staatlichen Mitteln refinanziert - um „Epileptiker“, „Behinderte“ und „verwahrloste“ Kinder und Jugendliche kümmerte. So kam es, dass Bethel immer weiter expandieren konnte und schon in den Zwanzigerjahren einen festen Platz im Weimarer Wohlfahrtsstaat und nach 1945 im bundesdeutschen Sozialstaat fand. Die Kehrseite dieser Entwicklung war, dass sich Bethel zunehmend staatlichen Vorgaben zu beugen hatte: Unter dem Druck des Staates musste man - entgegen der ursprünglichen Intention einer „Kolonie der früh Sterbenden“ - der Medizin und den Medizinern immer mehr Raum geben. Die vom Staat gezahlten Pflegesätze erlaubten zwar endlich eine zuverlässige Haushaltsplanung, führten aber zugleich zu einem Unterbietungswettkampf mit öffentlichen Trägern. Im Bereich der Fürsorgeerziehung wurde man zu einem Teil des staatlichen Zwangserziehungsapparates. Die größte Herausforderung kam, als der nationalsozialistische Staat Menschen mit Behinderungen und psychischen Erkrankungen nach dem Leben trachtete und die meisten Betheler Patienten - nicht alle! - nur knapp bewahrt werden konnten. Zwischen dem Tod „Vater Bodelschwinghs“ im Jahre 1910 und dem Beginn des Ersten Weltkriegs im Jahre 1914 kam es zu einer Serie schwerer Leitungskonflikte, bis sich der neue Vorsteher, Friedrich (Fritz) v. Bodelschwingh d. J., endgültig durchgesetzt hatte. Damit setzte eine Phase kontinuierlich geteilter Leitungsverantwortung ein. Der sensible, kooperative Leitungsstil Fritz v. Bodelschwinghs, der sich deutlich von der selbstherrlichen, eigenwilligen und sprunghaften Art seines Vaters unterschied, erwies sich als Glücksfall angesichts der gewaltigen Herausforderungen im „Zeitalter der Weltkriege“. In seine Amtszeit fielen der Erste Weltkrieg, das Ende des Kaiserreichs und die Revolution von 1918/19, die Hyperinflation von 1923 und die Weltwirtschaftskrise von 1929, die „braune Revolution“ 1933, der Zweite Weltkrieg, der Massenmord an psychisch erkrankten und geistig behinderten Menschen und schließlich der Zusammenbruch des nationalsozialistischen Deutschlands. Es gelang der Führungsriege um Fritz v. Bodelschwingh, die Betheler Anstalten in diesen bewegten Zeiten nicht nur zusammenzuhalten, sondern sogar noch weiter auszubauen. Aber der Krieg forderte zahlreiche Menschenleben unter Patienten und Pflegekräften, rund 1.000 Anstaltsplätze wurden ausgebombt.

Als 1956, gut zehn Jahre nach Kriegsende, der Wiederaufbau Bethels nach den Kriegszerstörungen in seinen Grundzügen beendet war, wuchs die Aufmerksamkeit dafür, dass die überkommene Ordnung der Bethelgemeinde in absehbarer Zeit an ihr Ende kommen würde. Seit den ausgehenden Fünfzigerjahren zeichnete sich ein grundlegender Umbruch in der Arbeit Bethels ab. Die in den Siebzigerjahren neu etablierten Teams aus Vertretern verschiedener Professionen brauchten aufwändige Abstimmungsverfahren, setzten aber spürbare Verbesserungen im Lebens- und Arbeitsalltag der betreuten Menschen durch. Breit besetzte Leitungsgremien hatten bisweilen unklare Verantwortlichkeiten zur Folge. Fachliches Wissen und finanzielle Verantwortung blieben voneinander getrennt, die Zuteilung finanzieller Ressourcen erfolgte durch die Zentrale nach intransparenten Kriterien relativ fern von den Arbeitsfeldern. Wie teuer diese Strukturen waren, trat zu Tage, als die Kostenträger in den Achtzigerjahren das Kostendeckungsprinzip aufgekündigten.

Leitbild und Controlling

Um die Mitte der Achtzigerjahre wurde in Bethel das Paradigma des diakonischen Unternehmens kontrovers diskutiert - und schließlich akzeptiert. Es setzte die bis heute andauernde Phase der Gestaltung eines diakonischen (Groß-)Unternehmens ein. Sie steht unter den von der Europäischen Union beeinflussten und vom deutschen Gesetzgeber gewollten Rahmenbedingungen der partiellen Ökonomisierung sozialer Arbeit und der Einführung von Marktelementen in die Sozialwirtschaft. Ein Leitbild für Bethel als diakonisches Unternehmen wurde entwickelt, Führungsgrundsätze formuliert, Controlling etabliert, Personalentwicklung und Führungsqualifizierung für diakonisches Management eingeführt, mittelfristige strategische Planungen unternommen - und das alles routinemäßig überprüft und überarbeitet. Ab den Neunzigerjahren wurde die Budgetveranwortung und die Aushandlung von Pflegesätzen in die Geschäftsfelder verlagert, 2001 die Organisation nach Teilanstalten zugunsten von Stiftungsbereichen mit eigenen Geschäftsführungen abgeschafft. Der Vorstand fungiert mittlerweile als operative Holding, die strategische Vorgaben macht und mit den Stiftungsbereichen inhaltliche und ökonomische Ziele aushandelt.

Es fällt auf, dass der Wendepunkt in der Anstaltsentwicklung mit dem gesellschaftlichen Auf- und Umbruch von „1968“ zusammenfiel. In Bethel war dies mit einem Wechsel in der Anstaltsleitung verbunden. Nachdem 97 Jahre lang immer ein Friedrich v. Bodelschwingh die Anstalt Bethel oder die Gesamtanstalten geleitet hatte, trat Ende 1968 der dritte Träger dieses Namens, ein Enkel des Übervaters, in den Ruhestand. Kurz vorher hatte der Vorsteher von Sarepta erklärt, dass das Diakonissenmutterhaus infolge Nachwuchsmangels den Auftrag zurückgeben müsse, für alles weibliche Pflege- und Betreuungspersonal in Bethel zu sorgen. Es fehlte an jungen Frauen, die bereit waren, ein zölibatäres Leben in der Diakonissengemeinschaft zu führen und sich trotz hoher beruflicher Qualifikation mit einem Taschengeld anstelle eines Gehaltes zufrieden zu geben. Auch in Nazareth hatte sich die Zahl der Eintritte junger Brüder halbiert.

Das Bewerbungsgespräch mit seinem Nachfolger hatte Friedrich v. Bodelschwingh III noch im Arbeitszimmer seines Großvaters geführt, das nach dessen Tod 1910 an Ort und Stelle verblieben war. Es kann als symbolischer Akt verstanden werden, dass das Arbeitszimmer „Vater Bodelschwinghs“ nach der Amtsübernahme des neuen Vorstehers, Pastor Alex Funke, geräumt wurde, um die Möbel in der Historischen Sammlung Bethel wieder aufzubauen. Das neue Anstaltsmuseum wurde im Steinkampschen Hof eingerichtet, in dem Bethel 1867 seine Arbeit begonnen hatte: Der „Anstaltsvater“ wurde als normative Instanz relativiert, „historisiert“ und „musealisiert“.

Matthias Benad / Hans-Walter Schmuhl

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Foto: Kirchliche Hochschule Wuppertal Bethel

Matthias Benad

Matthias Benad ist emeritierter Professor für Neuere Kirchengeschichte, Diakonie und Sozialgeschichte. Er lebt in Bielefeld.


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