Keine Angst vor Weihnachten

Von Gottes Ja zu unserer wenig heilen Welt

Angst und Weihnachten - passt das zusammen? Da geht es doch um Liebe, Frieden, Familie! Ich finde, der Themenschwerpunkt in diesem Heft passt gut. Auch in der Weihnachtsgeschichte geht es um ungeklärte Beziehung, überraschende Schwangerschaft, Volkszählung durch die Besatzungsmacht, Geburt in der Fremde und dann noch um die Flucht nach Ägypten. Die Weihnachtsgeschichte der Bibel ist eben in keiner Weise kitschig, lieblich, konfliktfrei. Sie thematisiert die Spannungen in persönlichen Beziehungen und das Ausgeliefertsein von Menschen angesichts der Konflikte der Welt.

Dann sind da die Familien, all die Erwartungen. Inzwischen äußern Kinder Angst vor Weihnachten, weil all die harmonischen Bilder nicht erfüllt werden können. Zudem sind es dieses Jahr volle drei Tage Feiertage, weil Heilig Abend auf den vierten Adventssonntag fällt. Da werden Menschen aufeinander gewiesen, die sich im Alltag oft aus dem Weg gehen. Da entladen sich Konflikte, die lange angestaut sind. Noch dramatischer kann es bei Scheidungsfamilien sein: Wer feiert wann, wo und mit wem? Und so rät eine Psychotherapeutin getrennt lebenden Eltern: „Ein ‚Waffenstillstand‘ ist das schönste Weihnachtsgeschenk, das sie ihren Kindern machen können!“ Und schließlich ist da die Angst in unserer Welt insgesamt. Terrorismus, Kriege und Kriegsdrohung, Zuwanderung, neuer Nationalismus, Klimawandel - da kann uns in der Tat angst und bange werden!

Weihnachtsgottesdienste sind eine besondere Herausforderung. Wie viele Erwartungen sind da im Raum! Die einen sind glücklich das erste Mal mit der Liebsten im Gottesdienst, die anderen haben eine Scheidung hinter sich. Hier sind allein Lebende, da Eltern, die nicht wissen, ob sie allem gerecht werden. Vielleicht ist es deshalb auch für unseren Berufsstand wichtig, das zu hören: Keine Angst vor Weihnachten! Die Fragen ansprechen, liebevoll auf die Menschen zugehen. Auf keinen Fall darüber klagen, dass es heute voll ist und sonst nicht, sondern sich freuen, über die Menschen, die ein gutes, ermutigendes Wort suchen bei uns.

Am Ende bleibt die zentrale Botschaft, die die Engel wie eine Visitenkarte in der Weihnachtsgeschichte verkünden: Fürchtet euch nicht! Wir können im Leben nicht alles glatt bügeln, wir wollen die Welt ja verbessern, aber allzu oft gelingt das nicht. Und doch ist da Gottes Ja zu dieser Welt, in der so wenig heil ist. Manche sagen, das sei eine zu seichte Botschaft, mehr Gericht und auch die bedrohliche Seite Gottes müssten verkündigt werden. Ich bin überzeugt, die Menschen heute brauchen nicht noch mehr Angst vor dem Leben mit seinen Herausforderungen und der Welt mit ihrem Wüten, sondern Zuversicht und Hoffnung. Gott ist dieser Welt nicht fern, sondern wir können Gott finden in kleinen Gesten der Liebe. Im Lachen über einen verpatzten Weihnachtsabend. In der Entspannung von der Anspannung. Das heißt nicht, dass wir nicht herausgefordert werden, etwas zu ändern. Aber gewiss kann an Weihnachten die Freiheit der Christenmenschen aufleuchten, die sich Gottvertrauen verdankt.

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Margot Käßmann ist Botschafterin des Rates der EKD für das Reformationsjubiläum und Herausgeberin von zeitzeichen.

Margot Käßmann

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