Öffnung statt Abschottung

Heilsame Wege aus der Selbstbezüglichkeit
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Unsere Welt ist laut. Verkehrslärm, Baulärm, Fluglärm gehören zum Geräuschpegel insbesondere städtischer Gebiete. Auch in Gebäuden kann man Lärm vielfach nicht entgehen. Heizungen tuckern, Lüftungen zischen. Geräuschkulissen dieser Art gehören zu den Nebenwirkungen der modernen Technik. Zu Zeiten der Bibel war das noch anders. Lärm war kaum ein Thema. Nur wenige Stellen in der Bibel erwähnen Lärm. Und die Lärmquellen beschränken sich auf Hörner und Trompeten, auf Kriegsgeräte wie insbesondere Pfeile und nicht zuletzt auf Menschenmengen. Es handelt sich um laute Geräusche, aber das störende Element, das wir heute mit dem Wort Lärm assoziieren, stand noch nicht im Vordergrund. Heute hingegen ringen wir mit Lärmverschmutzung. 75 Prozent der Deutschen fühlen sich von Lärm belästigt. Der Lärm als Technikfolge erfordert neue Techniken, um Lärm einzudämmen.

Aber was ist eigentlich Lärm? Wann nehmen wir Geräusche als Lärm wahr? Kurt Tucholsky prägte den viel zitierten Satz: „Lärm ist das Geräusch der anderen.“ Er zeigt: Lärmempfinden hat etwas zu tun mit Fremd- und Selbstwahrnehmung. Eine(r) aus zehn Deutschen gab bei einer Befragung als eine störende Lärmquelle Kindergeschrei an. Gemeint sind die Kinder anderer. Die eigenen Kinder rufen ausgelassen durch die Gegend, die fremden produzieren Lärm. Lärm überschreitet eine Grenze zwischen dem Lebensraum anderer und dem eigenen Lebensraum. Lärmempfinden geht mit dem Empfinden von Respektlosigkeit und mangelnder Anerkennung einher. Die Geräusche nehmen mir etwas, sie tangieren meine Selbstbestimmung. Das Gegenstück zu solchem Lärm ist nicht einfach die Abwesenheit von Geräuschen, Stille. Das Gegenstück ist ein Raum, in dem man ungestört ist, in dem man selbst entscheiden kann, auf welche Anforderungen man eingeht, in dem die eigenen Bedürfnisse respektiert werden, ein Freiraum für das eigene Tun und Lassen.

Lärmempfinden ist ambivalent. Einerseits ist es eine Gabe, denn es setzt die Fähigkeit des Hörens und die Sensibilität für die Vielfalt und unterschiedliche Qualität von Geräuschen voraus. Aber es ist auch ein Symptom von Selbstbezüglichkeit. Der eigene Rasenmäher lärmt eben weniger als der des Nachbarn, auch bei gleicher Dezibel-Zahl. Wir messen mit zweierlei Maß. Solcher Selbstbezüglichkeit, wie sie sich etwa im Lärmempfinden ausdrückt, lässt sich nicht gänzlich entkommen. Aber es hilft, sich ihrer bewusst zu werden. Das ist eigentlich das Thema der Fastenzeit. Im Fasten geht es um feste Einhaltung von Regeln des Verzichts mit dem Ziel der äußeren und inneren Reinigung. Das Ziel ist nicht Selbstfixierung, sondern Selbstbegrenzung, nicht Abschottung, sondern Öffnung. Die evangelische Fastenaktion regt in diesem Jahr an, auf Hektik, Stress und „Sofort“ zu verzichten. „Denn in der Ruhe entwickelt man häufig ein Gespür für die wichtigen Dinge im Leben“ - so heißt es im Aufruf zur Fastenaktion. Um zur Ruhe zu kommen, ist es oft nötig, sich Lärmquellen zu entziehen. Aber zur Ruhe gekommen ist man erst dann, wenn man wieder neu hinhören kann. Die Auseinandersetzung mit dem „Lärm“ der anderen kann dazu beitragen.

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Friederike Nüssel ist Professorin für Systematische Theologie in Heidelberg und Herausgeberin von zeitzeichen.

Friederike Nüssel

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