Das „Völkische“ kommt zurück

Abgründige Bosheit am Tag der Deutschen Einheit
Auf das „christliche Abendland“ kann sich nicht berufen, wer Menschen ausgrenzt, verächtlich macht und in der Sprache des „Dritten Reichs“ als „Volksverräter“ bezeichnet.

Der 3. Oktober 2016 wird lange in Erinnerung bleiben. Das Menetekel des „Völkischen“ wurde dem Tag der Deutschen Einheit angeklebt. Ein Polizist, der einer nicht angemeldeten Demonstration die Demonstrationsauflagen vorlas, wünschte den Versammelten abschließend einen „erfolgreichen Tag“. Worin bestand der Erfolg? Frauke Petry, die Vorsitzende der AfD, will das „Völkische“ wieder im normalen Sprachgebrauch der Deutschen heimisch machen. Seit dem „erfolgreichen Tag“ von Dresden wissen wir, was das bedeutet. Wer sich der rechtsextremen Definition des „Völkischen“ nicht fügt, wird als „Volksverräter“ bezeichnet. Wer so bezeichnet wird, wird ausgestoßen und vertrieben. „Haut ab“ hieß am 3. Oktober in Dresden der Slogan, mit dem die Verfassungsorgane des demokratischen Gemeinwesens diffamiert wurden. Die abgründige Bosheit dieser Mentalität zeigte sich, als ein afrikanischer Gottesdienstteilnehmer den Spießrutenlauf zur Frauenkirche hinter sich bringen musste. Er wurde mit „Affenlauten“, dem „Affengang“ und der Aufforderung „Abschieben“ verhöhnt. Das nötigt zu der Feststellung: Wir stammen alle von Afrikanern ab. Denn dort wurden die frühesten Überreste des Homo sapiens gefunden; von dort aus kam die Menschengattung nach Europa. Doch kann man die „Völkischen“ mit einem solchen Hinweis noch erreichen? In einer erschütternden Eindeutigkeit steht ein solches Denken, eine solche Wortwahl, ja: ein solcher Tabubruch in Kontinuität zu der Denkweise von Adolf Hitler und der Wortwahl von Joseph Goebbels. Es war konsequent, dass ein Goebbels-Zitat bei dieser Gelegenheit ungehindert hochgehalten werden konnte. Bei früheren Anlässen hat unsere Kirche es an der klaren Zurückweisung völkischen Denkens fehlen lassen. Es fand in manchen Spielarten des Nationalprotestantismus sogar einen Nährboden. Erst wollte man solchen Extremismus nicht so wichtig nehmen. Schneller als gedacht erschien es schon als gefährlich, etwas dagegen zu tun. Doch die Verteidigung der Menschenwürde endet nicht, wenn Mut erforderlich ist. Der Verweis auf die Menschenwürde kann freilich auch inflationär verwendet werden. Doch jetzt geht es nicht um Inflation. Unzweideutig ist klarzustellen: Auf das „christliche Abendland“ kann sich nicht berufen, wer Menschen ausgrenzt, verächtlich macht und in der Sprache des „Dritten Reichs“ als „Volksverräter“ bezeichnet. Wer so redet, verabschiedet sich aus dem demokratischen Konsens, der auf Menschenwürde und Menschenrechten beruht. Wer im „Abendland“ zu Hause sein will, muss die universale Geltung der Werte achten, zu denen wir uns seit den schmerzlichen Lernprozessen des 20. Jahrhunderts bekennen. Die wichtigsten Werte des Abendlands sind diejenigen, die überall gelten. Übrigens entstand der Begriff „Abendland“ nur, weil vorher vom „Morgenland“ die Rede war. Dorther kamen nach Martin Luthers wortschöpferischer Übersetzung die Weisen, die den neugeborenen König der Juden suchten. Ohne das „Morgenland“ gäbe es das „Abendland“ gar nicht. Ohne die anderen wären wir nicht.

—-— Wolfgang Huber war Bischof in Berlin und Ratsvorsitzender der EKD. Er ist Herausgeber von zeitzeichen.

Wolfgang Huber

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