Sein oder Bargeld

Punktum
Post von der Deutschen Bahn kann Spaß machen. Aber sie hilft nicht immer weiter...

Die Deutsche Bahn – kurz DB – schreibt gerne Briefe und was für welche! Wenn man ein guter Kunde ist, findet man immer wieder gediegene Papier-Laubsägearbeiten im Briefkasten. Wunderbar zum Beispiel vor einiger Zeit ein Din-A5-Umschlag, in den mit Sorgfalt und in Riesenlettern das Wort „Nähe“ eingestanzt war. Schaute man näher hin, fand man unter der riesenhaft ausgestanzten „Nähe“ noch einen kleingedruckten Satz: „… entsteht nicht dadurch, dass man eine räumliche Distanz verringert“. Aha, gut. Was will uns die Deutsche Bahn damit sagen? Meine Neugier war geweckt. Im Umschlag befand sich ein Gutschein für eine kostenlose Bahnfahrt. Ah, wie gewitzt, wie galant und welch gelungenes Understatement, liebe Bahn. Du schenkst uns einen kostenlosen Fahrschein und sagst uns dabei gleichzeitig voller Demut, dass zu wahrer menschlichen Nähe natürlich mehr gehört als bloß die Herstellung von Nähe mittels einer Bahnfahrt. Der Gutschein ließ meine Gedanken schweifen: Gabe und Aufgabe, Zuspruch und Anspruch, Gesetz und Evangelium … wow, liebe Bahn. Kürzlich kam wieder ein Umschlag. Darin war eine Klappkarte, und auch hier hatte sich die beauftragte Firma für Grafik- und Papierkunst wieder große Mühe gegeben: In unterschiedlicher Größe glänzte dem Betrachter in ansprechendem warmen, aber nicht zu warmen Rot diese Wortfolge entgegen: „Einladung, Gast, Kaffee, Tasse, Aufmerksamkeit, Genuss für Sie, Freude, Pause, Geschenk, Entspannung“, und das Ganze war mittels eines am rechten Rand angedeuteten Henkels in Form einer Kaffeetasse dargeboten. Nein, wie cool! Drinnen im Umschlag befand sich ein Gutschein über fünf Euro „für einen Kaffee, einen Espresso, einen Cappuccino oder eine andere Leckerei“, einzulösen bis zum 31.12.2016 bei „unserer DB Bordgastronomie“. Der Grund für diese großzügige, wenn auch in erster Linie überaus großzügig verpackte Gabe: „In diesem Jahr fällt der Tag des Kaffees auf den 1. Oktober.“ Also gut, man muss die Feste feiern, wie sie fallen, flugs bei nächster Gelegenheit im ICE beim Kellner der DB Bordgastronomie einen Kaffee bestellt, inklusive eines Schokoriegels – man gönnt sich ja sonst nichts. Aber als es ans Bezahlen ging, verdrehte der Kellner die Augen und sagte kurz angebunden und grammatikalisch durchaus gewagt: „Ich bin heute Bargeld“. Tja, liebe Bahn, dumm gelaufen. Vielleicht sollte nächstes Mal noch ein klitzekleines PS auf die Gutscheine für die DB Bordgastronomie gedruckt werden, solchen oder ähnlichen Inhalts: „Fragen Sie bitte vor Einlösung, ob das Personal unser DB Bordgastronomie nicht nur Bargeld is(s)t“. – Was lehrt uns das? Keine Ahnung, aber irgendwie musste ich fatal an einen Satz denken, den ein Bekannter kürzlich auf Facebook postete: „Weil das WLAN im ICE 1508 nicht funktioniert, haben sie zum Ausgleich die Heizung abgestellt.“

Reinhard Mawick

Liebe Leserin, lieber Leser,

Dieser Inhalt ist nur für zeitzeichen-Abonnenten zugänglich. Bitte geben Sie Ihre Kundennummer ein *:
Ihre Kundennummer finden Sie entweder auf Ihrer Rechnung (online-Bezug) oder über dem Versandetikett Ihrer Zeitschrift. Bei der Kundennummer handelt es sich um eine 8-stellige Zahl, die mit der Ziffer 1 beginnt.

* Das einmalige Einloggen reicht aus, Sie erhalten damit automatisch Zugang zu allen anderen Artikeln. Beim Verlassen der Webseiten von zeitzeichen werden Sie automatisch ausgeloggt, Sie müssen sich dann bei Ihrem nächsten Besuch erneut anmelden.

Online Abonnement

Die App für Tablets und Smartphones

Print
Abonnement

Wir schicken Ihnen zeitzeichen ins Haus

Ihre Meinung


Weitere Beiträge zu "Meinung"