Vielfalt ist nicht nur Ballast

Ökumene braucht keine neutrale Überkonfession
Zu fragen, warum wir noch zwei Kirchen haben, ist eine ausgesprochen deutsche Frage.

„Warum haben wir noch zwei Kirchen?“ So titelte die ZEIT zu Pfingsten, illustriert durch einen Jesus, der sich mit dem Finger an den Kopf tippte, als wolle er uns einen Vogel zeigen. Die alten konfessionellen Unterschiede wirken für viele überholt. Kaum einer scheint zu verstehen, worin die Differenz zwischen evangelisch und katholisch besteht. Sollten wir nicht eher froh sein, dass es überhaupt noch Christen gibt, als am konfessionellen Dual festhalten?

Richtig ist: Es ist gut, dass die beiden großen Kirchen durch die ökumenische Entwicklung der letzten Jahrzehnte gelernt haben, einen anderen Umgang als früher miteinander einzuüben. Sie führen längst keine Konfessionskriege mehr. Ökumenische Projekte, in den Gemeinden wie auf offizieller Dialogebene, haben die Kenntnis voneinander und das Verständnis füreinander vertieft. Konfessionsverbindende Ehen sind eine Selbstverständlichkeit. Die alte Abgrenzung, evangelisch sei gerade, nicht katholisch zu sein, und umgekehrt, wird nicht mehr (oder zumindest kaum noch) vollzogen. Die Einsicht dominiert, dass uns mehr verbindet, als uns trennt. Man ist sich bewusst geworden: Über der konfessionellen Vielfalt steht die Einheit des dreieinigen Gottes, von dem her alle Christen glauben und leben. Aber: Zu fragen, warum wir noch zwei Kirchen haben, ist eine ausgesprochen deutsche Frage. Sie kann nur gestellt werden angesichts der spezifischen konfessionellen Geschichte dieses Landes mit der Dominanz der beiden großen Kirchen. In anderen Ländern, in denen es eine Vielfalt von Konfessionen gibt, würde niemand auf die Idee kommen so zu fragen. Und auch in Deutschland gibt es nicht nur zwei Kirchen. Wo kommen in dieser Frage Altkatholiken, Baptisten und Orthodoxe vor?

Und: Zu fragen, warum wir noch zwei Kirchen haben, ist eine die Kontextualität des Menschen übergehende Frage. Sein Glaube kann nur kontextuell entstehen. Die meisten Christinnen und Christen sind durch die Konfession, in der sie groß geworden sind, geprägt. Das beginnt bei Liturgie, Liedgut und der Atmosphäre im Gottesdienstraum, geht über unterschiedliche Akzente in der Predigtpraxis und endet bei Fragen wie der, ob auch Frauen dem Abendmahl vorstehen dürfen oder nicht. Beim letzten Punkt deutet sich an, dass hinter manchen Differenzen fundamentalere theologische Unterschiede stehen, die der sorgsamen Klärung in ökumenischen Dialogen bedürfen.

Natürlich: Konfessionelle Besonderheiten sind nicht statisch, sondern im Fluss. Aber sie sind prägend, weil Menschen nicht im Abstrakten, sondern im Konkreten existieren. Wäre es wirklich ein Gewinn, eine möglichst neutrale „Überkonfession“ zu entwickeln, die den kleinsten gemeinsamen Nenner dieser Prägungen darstellte, aber konfessionelle Besonderheiten einebnen müsste?

Das bedeutet: Im Verhältnis der Konfessionen zueinander tut Differenzierung not. Es ist gut, dass wir uns nicht mehr die Köpfe einschlagen, nicht mehr das Christsein und meist auch nicht mehr das Kirchesein absprechen. Ebenso ist zu hoffen, dass sich theologische Differenzen so lösen lassen, dass Abendmahlsgemeinschaft möglich ist. Aber konfessionelle Unterschiede können auch Reichtum der einen Kirche sein. Sie sind nicht einfach überflüssiger Ballast.

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Christiane Tietz ist Professorin für Systematische Theologie in Zürich und Herausgeberin von zeitzeichen.

Christiane Tietz

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