Leidenschaft

Thriller über Konversion
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"Jenseits" ist ein lesenswerter IS-Aussteiger-Thriller, allerdings mit einem sprachlich blindem Fleck.

Stehen sie im Regal an der richtigen Stelle, weiß man bei passionierten Tomaten ja auch, was gemeint ist, und sie werden trotz falscher Etikettierung nicht schlechter schmecken. Irritation bleibt aber doch. Mit Yassin Musharbashs Roman „Jenseits“ ist das so ähnlich. Der mit gekonnt gesteigerter Spannung auf sein fatales Ende zulaufende Thriller erzählt die Geschichte des jungen Gent aus Norddeutschland, der in Berlin zum Islam konvertiert und sich als Kämpfer dem blutrünstigen IS-Kalifat in Syrien anschließt. Mit wechselnden Perspektiven und markanten Protagonisten umkreist der Roman die Frage, wie es dazu kam, und baut eine fesselnde Story auf, denn Gent deutet in einer verschlüsselten Mail an seine Mutter an, dass er zurück möchte. Hier kommt ein engagierter Aussteiger-Profiler des Verfassungsschutzes ins Spiel, der mit einer findigen Journalistin kooperiert.

Ebenfalls mit im Boot sind eine NGO, die IS-Aussteigern beim Ausstieg zu helfen versucht und sich um deren konsternierten Angehörigen kümmert, ein karrieristischer BKA-Mann, ein sanfter, undurchsichtiger Imam, fehlgeleitete Idealisten und knallharte IS-Kader.

Yassin Musharbash entwickelt die Story facettenreich und treibt sie fesselnd auf die Spitze. Der Journalist schrieb bereits für taz und Spiegel Online und arbeitet heute im Investigativteam der Zeit. Handwerkszeug und die nötige Sachkenntnis hat er, und sein Roman schafft es, dass der Leser mit Gents Augen zu sehen beginnt und trotz allem Schrecklichen auf dessen gelingenden Ausstieg hofft.

Gents Welt und ihre Schieflage werden so nun auch im publikumsreichen Unterhaltungsgenre Krimi exemplarisch zugänglich, nachdem zuvor schon viele Sachbücher das Phänomen europäischer IS-Aussteiger zu ergründen versuchten. Hier indes kommen – nicht zuletzt aus genuin protestantischer Warte, in der das Wort zählt (sola scriptura) – die passionierten Tomaten in den Blick. Denn an entscheidender Stelle schludert Musharbash sprachlich, obwohl doch Sprache sein primäres Handwerkszeug ist und auch ein Lektor, dem er eigens dankt, beteiligt war. Aber vielleicht ist dieser Lapsus ja sprechend!

Mehrfach steht im Roman nämlich an Stellen, wo es um Gents Wechsel von Weltbild oder Weltanschauung, also wie auch immer konturiertem Erlebnis oder Finden von neuem Sinn geht, das Wort Konvertierung. Gemeint, das ist klar, ist Konversion, also Bekehrung, Glaubenswechsel, Berufung, das Treffen auf höchstem Lebenssinn. Aus dem heraus dann geschieht, was passiert, wenn auch durchaus passioniert ... Eine Lässlichkeit, die der Duden hernach positiv sanktionieren mag, nach dem Motto: Wir wissen, was gemeint ist, warum nicht? Doch hier ist Einspruch geboten. Wo es um das Leben und das daraus folgende Handeln letztgültig prägende Entscheidungen geht, ist Leidenschaft (passio) nicht genug, es zählt auch Genauigkeit, denn nur die ist für das, was passiert, behaftbar. Der ärgerliche Schlendrian mag Zeitgeist und Epoche geschuldet sein, in der scheinbar alles irgendwie mit Computern zu tun hat. Da kommt der Begriff Konvertierung schließlich her: Dateien für ein anderes Betriebssystem lesbar zu machen, kompatibel, sie zu übersetzen. Und dahinter steht die Auffassung, dass alles, was Menschen im tiefsten Inneren bewegt, auch auf ihr Betriebssystem hin abbildbar sei, sprich: auf ihr Gehirn – als seien wir nur das Produkt unserer Kopfverkabelungen und erschöpfte sich Sinn in schaltkreisig purer Neurologie. Seele, Herz, Gefühl, der vielleicht ja fiktive, aber fraglos vorhandene Kern von Ich und Person fallen dabei hinten runter.

Dass jedoch Aha-Erlebnisse eigener Güte eine Rolle spielen, trotz des Zusammenwirkens von psychischer und gesellschaftlicher Disposition, von Schicksalsschlägen und Begegnungen wie mit dem sanften Imam, wie das der Roman auch deutlich zeigt, verbietet begriffliches Schludern. Es muss ja nicht gleich ein Damaskus-Erlebnis sein ... Dennoch ist Jenseits ein lesenswerter IS-Aussteiger-Thriller, bloß eben mit sprachlich blindem Fleck. Also demnächst bitte Konversion statt Konvertierung. Menschen sind mehr als Festplatten und Dateien.

Udo Feist

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