Sadismus

Punktum
Da steht sie, die 67 nach Köpenick! Ich renne los, bin fast da, noch drei Meter, noch zwei … dann schließt die Tür. Waaas?

Berlin-Schöneweide macht seinem Namen keine Ehre. Jedenfalls nicht, wenn man dort bei Temperaturen um den Gefrierpunkt mit der S-Bahn ankommt, bereits leicht verspätet aus vorheriger Fahrt, und weiß, dass in zwei Minuten die Straßenbahn 67 abfährt, die man erwischen muss, um nicht zu spät zum Termin zu kommen. Mit einer schönen Weide hat das Ganze nichts zu tun, sondern eher mit einem hässlichen Vorstadtmoloch, in dem man sich zudem schwer orientieren kann.

Natürlich will ich die Beine in die Hand nehmen, um die 67 noch zu erreichen. Aber wohin? Wer in Schöneweide vom S-Bahnsteig die Treppe hinuntergeht, sieht, dass im Durchgangsschacht sowohl nach links wie nach rechts angezeigt steht, es gehe zur Straßenbahn, aber eben nicht zu welcher. Na toll, also erst mal nach rechts, schnell, schnell… Nein, an dieser Seite des Bahnhofs fährt die 67 offenkundig nicht ab. Also ab zur anderen Seite, da muss sie dann ja … und richtig: Da steht sie, die 67 nach Köpenick! Ich renne los, bin fast da, noch drei Meter, noch zwei … dann schließt die Tür. Waaas? Ich lächle in Richtung Fahrer, der schaut mich unverwandt an. Ich berühre die Tür, sende flehende Blicke, klopfe an die Scheibe. Sekunden vergehen, mehrere Sekunden. Dann schüttelt der Fahrer verächtlich den Kopf und fährt ab.

Im Schneeregen zurückbleibend wird mir klar: Der Mann ist ein Sadist! Er hatte mich bemerkt, er hatte mein Bemühen gesehen, er hatte bei geschlossener Tür nochmal einige Sekunden gewartet, den Kopf über mich geschüttelt und ist dann abgefahren. Der Lump! Wie oft halten Busfahrer wieder an, wenn sie schon angefahren sind und lassen Güte und Barmherzigkeit gegenüber Heranhetzenden walten! Lob und Dank für sie, aber dieser Straßenbahnsadist hat eine Strafe verdient. Während ich frierend auf die nächste 67 nach Köpenick warten muss, fällt mir auch ein, welche: Es gibt in Berlin – wie an dieser Stelle ja neulich bereits erwähnt (vergleiche zeitzeichen 12/2015) – die Plage dilettantisch agierender Musiker. Eine besonders schlimme Ausprägung dieser Plage ist ein musikalisches Sturmkommando, das aus drei jungen Männern besteht und zumeist auf der Tourismus-S-Bahnlinie vom Zoologischen Garten bis zum Alexanderplatz sein Unwesen treibt: Einer bläst richtig schlimm Trompete, einer zieht eine wummernde Lautsprecherbox hinter sich her, der dritte sammelt Geld, und es erklingt immer dasselbe Stück, nämlich „O when the Saints go marchin in“.

Mit diesem Trio im Wagen, so mein rachedurstige Gedanke, müsste dieser 67-er Fahrer einmal eine ganze Nacht eingesperrt im Straßenbahndepot verbringen müssen. Ha, super, das wär’s, soll er doch die Englein singen hören…! Und als die nächste Straßenbahn der Linie 67 mich in Schöneweide aufnimmt und treulich gen Köpenick trägt, ist mir, oh Wunder, ganz warm geworden…

Reinhard Mawick

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