Selig sind, die sich nicht ärgern

Die Osterbotschaft bringt auf neue Wege
In den politischen Debatten dieser Zeit scheint der Ärger die dominante Emotion geworden zu sein.

Das Brettspiel „Mensch, ärgere dich nicht“ trägt nicht umsonst seinen Namen: Wir waren kurz davor, unsere Spielfiguren sicher ins Ziel zu bringen, da werden wir geschlagen. Wir müssen zurück zum Start. Ausgerechnet dann will der Würfel die Sechs nicht zeigen! Sind wir wieder im Spiel, wollen wir unsere Mitspieler „rausschmeißen“ und gewinnen dann erst recht nicht. Wenn wir dann noch freundlich auf den Namen des Spiels verwiesen werden, ärgern wir uns um so mehr.

In den politischen Debatten dieser Zeit scheint der Ärger die dominante Emotion geworden zu sein. Die Flüchtlingsbewegung und ihre Konsequenzen scheint den Ärger an die Oberfläche zu bringen. Mir geht es oft auch so. Ist nicht die Leichtfertigkeit, mit der der Respekt vor der Menschenwürde, die Barmherzigkeit, oder noch radikaler, das Gebot der Feindesliebe, aufs Spiel gesetzt werden – gelegentlich sogar im Namen des „christlichen Abendlandes“ – ein Grund zum Ärgern?

Der große antike Philosoph Aristoteles hat dem Ärger ein ganzes Kapitel in seiner „Rhetorik“, der Schule der Redekunst, gewidmet und eine detaillierte Analyse über den Ärger als Gemütszustand, über die Menschen, die uns dazu provozieren, und über seine Gründe vorgelegt. Nach seinem Verständnis ist Ärger schmerzhaft, auf die eigene Person konzentriert und rückwärts gewandt. Die Zurücksetzung, die wir in der Herabsetzung unserer Person und unserer Überzeugungen erfahren, lässt das Verlangen nach Richtigstellung, ja nach (zumindest verbaler) Vergeltung in uns aufsteigen.

In der Verkündigung Jesu findet sich der Satz: „Selig ist, wer sich nicht an mir ärgert.“ (Matthäus 11,6) Dieser Satz folgt direkt auf die Schilderung von Jesu Wirken als dem Bringer der Gottesherrschaft, der neuen Gerechtigkeit, die die Wunden der Schöpfung heilt. Daran wird deutlich: Das Evangelium kann Ärger auslösen, aber dem Nicht-Ärgern wird Seligkeit verheißen. Was kann das in dieser Zeit nach Ostern heißen, in der wir wieder die Botschaft von der Auferweckung des Gekreuzigten, von der Durchsetzung der Gerechtigkeit Gottes gehört haben und uns für Momente vom Osterlachen über das Scheitern des Bösen haben anstecken lassen? Die Ostererfahrung bedeutet, dass Christenmenschen auf den Weg gebracht sind vom Tod zum Leben, von der Ungerechtigkeit zur Gerechtigkeit, von Trauer zur Freude.

Durch die Ostererfahrung wird auch eine andere Kultur der Affekte und Emotionen eingeführt. Die Blickrichtung ändert sich: An die Stelle rückwärts gewandter Ärgers tritt der Glaube an Gottes schöpferische Gerechtigkeit, an die Stelle der Ausgrenzung die Liebe, an die Stelle der Trauer über das Verlorene die Hoffnung. Kein Wunder, sondern nachvollziehbar konsequent ist es, wenn die Freude, die den Ärger verfliegen lässt, mit der Güte gepaart wird. „Freuet euch in dem Herrn allewege ... Eure Güte lasst kund sein allen Menschen!“ (Philipper 4,4) Damit ist die Empörung über alles, was dem Maßstab der neuen Gerechtigkeit, der Güte, widerspricht, nicht abgeschafft, aber der Ärger kann verfliegen. Rückblickend wirkt er ohnehin auch auf uns eher komisch. Mensch – ärgere dich nicht.

Christoph Schwöbel ist Professor für Systematische Theologie an der Universität Tübingen und Herausgeber von zeitzeichen.

Christoph Schwöbel

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