Frauen blieben auf der Strecke

Die Reformation vernichtete Bildungschancen für Mädchen
Foto: privat
Durch die Wirren der Reformationszeit geriet das Bildungssystem durcheinander. Besonders hart traf es die Mädchen.

Auf einer Tagung in Baden-Württemberg berichtete ein bekannter Theologe ausführlich über die segensreiche Umwandlung von Klöstern in Schulen - für Jungen. Als ich ihn fragte, was mit den Frauenklöstern und den Mädchen passiert sei, wusste er darüber nichts. Das war kein Einzelfall, sondern ist eher symptomatisch für den Blick auf das Thema Bildung und Reformation.

Eine Grundausbildung erhielten im Mittelalter beide Geschlechter in den Kirchspiel- oder städtischen Schulen. Durch die Wirren der Reformationszeit geriet dieses System jedoch durcheinander, nicht umsonst musste Luther die Stadträte immer wieder anmahnen, sich um ein geordnetes Schulwesen zu kümmern. Besonders hart traf es die Mädchen, die häufig nicht einmal mehr die Elementarbildung, also lesen, schreiben und rechnen, erhielten.

Jahrhundertelang waren Stifte und Klöster für die höhere Ausbildung der Mädchen verantwortlich, manches Frauenstift auch für Jungen, denn sie waren häufig nicht nur für den eigenen Nachwuchs geöffnet. Hier erhielten Mädchen die Ausbildung in den "Sieben Freien Künsten" und fundierte theologische Kenntnisse. Mit der Auflösung der Klöster gab es für sie diese Möglichkeiten nicht mehr, denn evangelische Stadt- und Landesherren nutzten die Gunst der Stunde und enteigneten die Klöster. Dabei bereicherten sie sich mit dem Vermögen und den Rechten der Konvente. Geistliche Gemeinschaften, auch die der Frauen, waren ja immer auch Herrschaftsbereiche und Wirtschaftsbetriebe.

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Stellen Sie sich diese Enteignungen mal ganz plastisch vor: Sie haben ein Haus und leben mit den Ihren darin. Dann kommt ein Stärkerer, und wenn Sie Glück haben, nimmt er nur den Besitz und lässt Sie gnädig weiterhin darin wohnen. Es kann aber auch sein, dass er Sie vor die Tür setzt, das Haus, mit allem was ihnen lieb ist, einreißt und etwas ganz anderes darauf baut. Oder er setzt jemand anderes in das Haus hinein, der dann Ihre Habe, Bücher, Betten, Geschirr, Möbel usw., benutzt, und Sie stehen ohne Alles da.

Das geschah mit den Klostergebäuden, und wie erging es den Konventen? Die Mönche hatten die Möglichkeit, als Pastoren oder Professoren in Lohn und Brot zu kommen. Aber was wurde aus den Frauen? Wenn sie jung waren, wurden sie mit Glück auch ohne Mitgift geheiratet, siehe Katharina von Bora. Schwierig wurde es aber für die alten und kranken Nonnen oder für diejenigen, die bewusst diese Lebensform gewählt hatten und nicht heiraten wollten. Trotz hoher Bildung konnten sie diese nicht beruflich nutzen, weil sie Frauen waren.

Bei über 200 Frauenklöstern allein in Nordwestdeutschland wurde dies zu einem Problem. Vor allem dem Adel und den städtischen Patrizierfamilien brachen die Bildungs- und Lebensmöglichkeiten für die Töchter weg. Deshalb konnten einige Gemeinschaften entrechtet, enteignet und laisiert nach landesherrlichen Vorgaben als evangelische Klöster überleben. Von der ursprünglichen Bildungsvermittlung, dem Beherrschen der Wissenschaftssprache Latein oder gar in der Weiterentwicklung der evangelischen Theologie, ist in den nächsten drei Jahrhunderten nichts mehr festzustellen.

Überhaupt Latein - außer an den nur Männern zugänglichen Schulen und Universitäten - wurde diese Sprache in Gottesdienst und Leben verboten. Anders in den katholischen Klöstern, denn für den Gottesdienst waren Lateinkenntnisse erforderlich. Die Schulorden förderten diese Sprachkompetenz in den höheren Schulen. Aber diese Ordensfrauen erteilten auch Elementarunterricht und berufliche Bildung für Mädchen, damit diese selbstständig leben konnten und nicht nur, um versorgt zu sein, heiraten mussten.

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Mit der Auflösung der meisten Klöster in den evangelisch regierten Gebieten blieb für die Frauen dort nur die Möglichkeit der Ehe. Dies war theologisch so gewollt und durch die Fortführung von Luthers Hausväterlehre abgesegnet. Schon 1523 hatte Luther geschrieben: "Ein Weibsbild ist nicht dazu geschaffen, Jungfrau zu sein, sondern Kinder zu kriegen." Diese Lehren veranlassten Mütter dazu, erwachsene Töchter gegen deren Willen aus den Klöstern zu holen und unter Zwang zu verheiraten. Bildung war für diese Ehen eher hinderlich, und das blieb auch die nächsten Jahrhunderte so. Deshalb konnten nur Frauen, die auf dem Heiratsmarkt nicht mehr aktiv waren, wie Stiftsäbtissinnen und Fürstenwitwen, zu ihrer privat erlangten, oft großen Bildung, stehen.

Wiederum auf einer Tagung befragte ich eine bekannte Historikerin dazu. Sie meinte, Bildung für Frauen war möglich, aber nicht öffentlich, wurde also zur Geheimsache. Damals las ich meinen Enkelkindern gerade das Buch vor: "Lotta kann radfahren, im Geheimen". Wer das Buch nicht kennt, dem sei gesagt, für Lotta ging das Lernen nicht schmerzlos aus - und für viele Frauen auch nicht!

Johanna Pointke ist Kapitularin des Stiftes Börstel und Historikerin.

Johanna Pointke

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