Im Keller

Drei "Bootleg Series"-Versionen
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Ist das Kommerzkalkül nach dem Motto "Unser jährlich' Dylan gib uns heute"? Und wenn, wäre es egal...

Schummriges Licht aus vergilbter Neonröhre, der Metallhandlauflack ist fleckig. Wenige Stufen noch, man sieht sie kaum, fürchtet zu stolpern. Dann schwingt die Tür auf und die Musik ist unverstellt zu hören, trotzdem leise, fern, wie aus einer anderen Zeit. Die Band im Keller steht vor Rohren der Heizungsanlage, ein Tonbandgerät läuft. Mit im Raum sind Mrs. Henry, Quinn, der Eskimo, Feuerschlucker, Clown, Gewichtheber, und eine Vaudeville-Tänzerin mit aufreizendem BH: Das Cover der "Basement Tapes", des ersten und wohl berühmtesten Bootlegs der Popgeschichte.

1975 wurde es dann regulär auf LP herausgebracht, aber ohne "Quinn, the Eskimo". "Ereignet" hatten sich die "Basement Tapes" schon 1967: Nach seinem Motorradunfall war Bob Dylan in die Nähe von Woodstock gezogen. Seine Begleitmusiker (Rick Danko, Levon Helm, Garth Hudson, Richard Manuel, Robbie Robertson), fortan "The Band", mieteten nicht weit davon ein Haus, das wegen des Anstrichs "Big Pink" hieß. In dessen Keller trafen sie sich von Juni bis Oktober, um spontan Musik zu machen, die radikal vom Hauptweg damaliger Pop-Hyperproduktionen abbog. Während die Beatles "Sgt. Pepper's Lonely Hearts Club Band" vorlegten, ließen Dylan & The Band Studiobombast weg und kultivierten einen erdig leichten, an Country und Folk orientierten Rocksound Geburtsstunde all dessen, was heute "Americana" und "Alternative Country" heißt.

Azetatpressungen, also ungeschnittene Bänder, gaben sie an andere weiter, die sich daraus Songs zum Covern aussuchen konnten. Rasch kursierten davon enorm einfluss- und erfolgreiche Raubpressungen (Bootlegs), so dass der "Rolling Stone" bereits 1968 eine Veröffentlichung forderte. Denn endlich gab es wieder neue Dylan-Songs. Es dauerte, und 1975 kamen bloß 24 Basement Tapes-Songs heraus. Ein Bruchteil, vor allem gemessen am Einfluss, den sie längst hatten. Verstreut gab es einige auf andern Dylan-Alben und der "Band"-LP "Music from Big Pink".

Fast 50 Jahre später ist es jetzt soweit: Sony macht im Rahmen der Dylan-"Bootleg Series"-Reihe auf Vol. 11 das so lang Ersehnte zugänglich. Kommerzkalkül nach dem Motto "Unser jährlich' Dylan gib uns heute"? Und wenn, wäre es egal, denn es lohnt sich, nicht nur für Dylanfans und -exegeten. Man braucht jedoch Zeit für diese Keller-Welt und Bereitschaft, sich in Alternativersionen und noch nie veröffentlichte Dylan-Songs zu vertiefen.

Derer 30 sind es auf der teuren Vollversion mit 138 Tracks und prallem Fotobuch. Denn die "Bootleg Series-Basement Tapes" gibt es in drei Fassungen: Raw (zwei CDs, 38 Tracks), Raw de luxe (drei LPs, Fotobuch im LP-Format, zwei CDs, 38 Tracks) und eben complete ..., sozusagen vom Volksbrockhaus bis zur 24-bändigen Enzyklopädie mit Goldschnitt. Für alle gilt die Verheißung: Wer Ohren hat zu hören ... Schummriges Licht aus vergilbter Neonröhre. Himmlischer Keller-Songkosmos.

Bob Dylan: The Basement Tapes Raw. The Bootleg Series Vol. 11, Smi ColSony Music 2014.

Udo Feist

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