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Ein akademisch anspruchsvolles Werk für Spezialisten.

Empirische Studien belegen, dass heute immer mehr Menschen ihre angestammte Religion verlassen. Gründe gibt es viele: weil sie von ihrer Herkunftsreligion oder von Religion allgemein nicht mehr überzeugt sind, oder weil sie zu einer anderen Religion konvertieren. Immer häufiger gibt es auch eine dritte Option: Die ursprüngliche Religion wird mit einer anderen Religion oder deren Inhalten kombiniert. Theologen sprechen gerne von Synkretismus, also von "Religionsvermischung", was oft abwertend gemeint ist. Neutraler sind die Bezeichnungen "hybride" oder "Patchwork-Religiosität". Das Thema dieses Buches führt genau in diesen Bereich hinein. In eine nur schwer zu fassende und zu beschreibende Grauzone zwischen Judentum und Christentum, deren belastetes Verhältnis zueinander die Kontroverse um das Phänomen des seit rund 150 Jahren so genannten Hebräischen Christentums - seit vierzig Jahren vorwiegend "messianisches Judentum" genannt - noch zusätzlich zuspitzt.

Zur Genese dieser modernen Bewegung hier nur so viel: Das messianische Judentum ist überwiegend ein Produkt zunächst der "Judenmission" von Seiten der evangelikalen Bewegung und der protestantischen Mission, doch neuerdings, seit rund sechzig Jahren, zunehmend ein Phänomen der charismatischen Bewegung, wie allein schon die meist von so genannter Anbetungsmusik geprägten Liturgien zeigen. Das Messianische Judentum ist eine aus diesen Milieus des Christentums stammende Bewegung. Die meisten Anhänger und Gruppen gehen auch in den entsprechenden christlichen Kirchen auf.

In der Tat lehnen bis heute alle theologischen Richtungen des Judentums eine Anerkennung Messianischer Juden als jüdisch ab. Schon weil religionsrechtlich gesehen sehr viele von ihnen gar keine jüdische Abstammung (mehr) haben. Auch der Staat Israel betrachtet sie als Nichtjuden. Gleichwohl leben in Israel einige Tausend Messianischer Juden, deren sprachlicher, ethnischer und kultureller Hintergrund höchst vielfältig ist. Über diese zahlenmäßig überschaubare Gruppe innerhalb der jüdisch-christlichen Grauzone hat Hanna Rucks (siehe auch Seite 45) ihre Dissertation geschrieben. So ist dieses akademisch anspruchsvolle Werk mit mehr als 2.300 Anmerkungen, fremdsprachigen Zitaten und vierzigseitiger Literaturliste für keine breite Leserschaft geeignet, sondern für Spezialisten.

Das Buch hat vier Hauptteile: nach einer Einführung in das Thema, zum Forschungsstand sowie zur methodischen Vorgehensweise schildert die Autorin zunächst sehr ausführlich die Theologiegeschichte der Messianischen Juden in Israel bis 1990. Der dritte Teil beschreibt deren zeitgenössisches theologisches Denken auf der Basis von Interviews der Autorin mit Gesprächspartnern vor Ort. Ein leider allzu knapp ausfallender Schlussteil skizziert "Ansätze einer theologischen Annäherung an das Messianische Judentum", vor allem in kritischer Auseinandersetzung mit Peter von der Osten-Sacken. Überzeugend ist der methodische Ansatz Rucks nicht bei irgendwelchen Wahrheitsfragen, sondern empirisch bei den zu untersuchenden Gruppen selbst. Den Forschungsgegenstand bilden organisatorisch (kirchen-) unabhängige Gruppen in Israel, die sich selbst als jüdisch und zugleich als Jesus-gläubig verstehen. Das sind nach Angaben der Autorin 8.000 bis 10.000 Menschen in rund 120 Gemeinden. Das theologische Denken Messianischer Juden in Geschichte und Gegenwart wird jeweils anhand folgender sechs Merkmale dargestellt: Messias- und Torabegriff, Verhältnis zu Kirche und Judentum, Mission, Liturgie sowie Eschatologie.

Rucks ist sich der Brisanz ihres Forschungsgegenstandes "nach Auschwitz" voll bewusst. Als protestantischer Theologin geht es ihr um eine völkerchristliche Theologie, die an der bleibenden Erwählung des jüdischen Volkes festhält. Am Ende plädiert sie dafür, das messianische Judentum als einen legitimen "jüdischen Weg im Leib Christi" anzuerkennen, was zugleich beinhalte, Messianischen Juden ihr jüdisches Selbstverständnis nicht abzusprechen.

Die Anerkennung fordert Rucks von beiden Seiten, der jüdischen wie der völkerchristlichen, ein. Was mit Blick auf das Judentum sicher chancenlos ist. Auch der Rezensent ist geneigt, der Ansicht der jüdischen Gelehrten Recht zu geben, das heutige Messianische Judentum sei letztlich doch ein primär christliches Phänomen. Es ist ja nicht dasselbe wie das antike Judenchristentum. Für dieses war und blieb das "Schma Jisrael" konstitutiv, Jesus der Messias galt ihnen als ein neuer, zweiter Moses. Für Messianische Juden hingegen ist der Glaube an die Trinität sowie das Bekenntnis zur Gottheit Jesu zentral. Sie sind Erben der späteren Konzilsdogmen. Auch das zeigt Rucks Untersuchung: Wer wie Uriel Ben-Mordechai dann doch Jesu Göttlichkeit ablehnt, wird exkommuniziert. 1990 hatte die Konferenz messianisch-jüdischer Gemeindeleiter in Israel eine Erklärung zur Gottheit Jesu verfasst. Diese musste seit dem Fall Ben-Mordechai 2001 nicht nur von allen Gemeindeleitern anerkannt, sondern auch unterschrieben werden.

Die Dialektik der Exklusion ist bemerkenswert. Messianische Christen sitzen zwischen den Stühlen, sie werden von beiden Seiten ausgegrenzt, aber sie grenzen ihrerseits diejenigen aus, die nicht linientreu sind. Dies zeigt: So randständig diese Bewegung ist, so wenig einheitlich ist ihr Erscheinungsbild. Alles in allem, also weltweit gesehen, haben wir es mit einer modernen, hybriden Form der Religiosität zu tun, die sich den evangelikalen und charismatischen Milieus der Christenheit verdankt.

Es ist größtenteils Christentum in jüdischem Gewand. Manchmal ist es aber auch Judentum in christlichem Gewand, so dass man mit dem reformjüdischen Rabbiner Dan Cohn-Sherbok einen Teil des Messianischen Judentums auch als eine Richtung innerhalb des Judentums begreifen könnte. Leider geht die Autorin dieser Option nicht nach: inwiefern dieses Phänomen nicht auch ein christlicher Sonderweg im jüdischen Bundesvolk sein könnte.

Hanna Rucks: Messianische Juden. Neukirchner Verlagsgesellschaft, Neukirchen 2014, 570 Seiten, Euro 34,-.

Martin Bauschke

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