Identität und Macht

Geschlechtergerechte Sprache übt neues Denken ein
Foto: privat
Tief eingeschriebene Denk- und Sprachstrukturen wahrzunehmen und zu verändern, ist ein lohnendes Wagnis.

Wir brauchen eine geschlechtergerechte Sprache - und zwar solange, bis Geschlechtergerechtigkeit in unseren Kirchen, unserer Gesellschaft und weltweit realisiert ist. Es geht also theologisch gesprochen um eine eschatologische Vision: "Da ist nicht jüdisch noch griechisch, da ist nicht versklavt noch frei, da ist nicht männlich und weiblich: denn alle seid ihr einzig-einig im Messias Jesus" (Galater 3,28). Paulus richtet seine Worte an die Menschen-Gemeinden des Messias Jesus. Unter ihnen sollen ethnische Herkunft, sozialer Status und Geschlecht keine Hierarchien begründen. Ein kurzer Blick auf die damalige römisch-hellenistische Gesellschaft zeigt, dass dieser Slogan absolut außergewöhnlich war. Denn Macht und Einfluss hatte, wer römischer Bürger, wer frei und männlich war. Galater 3,28 bietet in Kurzform die Vision eines anderen, eines friedlichen und versöhnten Miteinanders in der Gruppe von Menschen, die ihre Identität "in Christus" hat.

Mit diesen Sätzen verändern die Menschen ihre Gegenwart und erfahren eine neue Wirklichkeit im Lichte der gerechten Welt Gottes, indem sie auf gerechte Beziehungen unter ganz unterschiedlichen Menschen setzen. Dass dabei Geschlechterfragen eine zentrale Rolle spielen, ist also nicht erst eine Erkenntnis der theologischen Genderforschung unserer Zeit. Als Kirche wissen wir um die Wirkmächtigkeit des Wortes und haben geschlechtergerechte Sprache schon an vielen Stellen selbstverständlich in unsere Kommunikation aufgenommen. Sprache ist ein Spiegel der Wirklichkeit und hat zugleich eine verändernde Kraft, indem sie neue Bilder schafft und Räume öffnet. Martin Luther hat auf die Sprachkraft der Bibel vertraut und sie in seiner großartigen Übersetzung den Menschen in ihrer Muttersprache eröffnet. Mit seinen Sprachschöpfungen hat er nicht nur die deutsche Sprache bis in unsere Gegenwart grundlegend geprägt, sondern auch die Kirche und Gesellschaft. Eine Vielzahl von Bibelübersetzungen haben sich seitdem in diese Tradition gestellt und sie weiterentwickelt.

Sprache ist in ständigem Wandel, passt sich gesellschaftlichen Prozessen an und bietet ihnen ein kritisches Gegenüber. Einen verantwortlichen Umgang mit Sprache zu ermöglichen, gehört zu den wichtigen Bildungsaufgaben einer demokratischen Gesellschaft. In meiner Kindheit war es eine gängige Redewendung, etwas "bis zur Vergasung" zu tun. Das höre ich nun zum Glück nur noch selten. Denn mittlerweile gibt es ein Bewusstsein dafür, wie der Nationalsozialismus eine eigene ideologische Sprache entwickelt hat, die eine grausame Realität verherrlichte. Über den Alltagsrassismus in unserer Sprache gibt es mittlerweile eine engagierte Diskussion. Auch hier wächst das Bewusstsein dafür, dass Menschen über Sprache ausgegrenzt und verletzt werden können. Diese Beispiele zeigen, dass sich unsere Sprache verändert.

Zum Hassthema geworden

Geschlechterfragen sind Zukunftsfragen - unter diesem Motto wurde im April dieses Jahres in Hannover das Studienzentrum der EKD für Genderfragen eröffnet. Die Etablierung eines solchen Zentrums wurde möglich, weil sich gesamtgesellschaftlich das Geschlechterverhältnis verändert hat. Die Herausforderungen lassen sich an der Auseinandersetzung um Familie und Lebensformen ablesen, die nach der Veröffentlichung einer Orientierungshilfe des Rates der EKD im vergangenen Jahr entbrannte. Der Ton der Auseinandersetzung verschärft sich noch, wenn Kirche sich positiv zu Genderfragen positioniert, die in manchen Kreisen geradezu zu einem Hassthema geworden sind. Die Ablehnung der "Ideologie des Genderismus" bedient dabei oftmals rechtspopulistische Klischees. Diese behaupten, dass Gender die Unterschiede von Frau und Mann auflösen will und damit auch christliche Identität in Gefahr bringt. Sie streiten ab, dass es grundlegend um Fragen der Geschlechtergerechtigkeit geht, und machen geschlechtergerechte Sprache als Anliegen einer Minderheit lächerlich.

Auch wenn dies extreme Positionen sind, so weisen sie doch auf einen zentralen Punkt in der Gender-Debatte hin, der nicht unterschätzt werden darf: Es geht um Identität und um Macht, um Definitionsmacht und um konkrete Macht im Geschlechterverhältnis - eine brisante Mischung, die erklärt, warum die Diskussion oft so hochemotional geführt wird. Niemand steht außerhalb.

Wenn wir unsere Sprache verändern, verändern wir uns mit. Viele Menschen verunsichert das. Es gibt eine Sehnsucht nach Einfachheit und klaren Zuordnungen. Die gibt es im Blick auf das Geschlecht nicht mehr. Neuere Sprachentwicklungen gehen dahin, Menschen nicht nur nach Männern und Frauen einzuteilen, sondern auch Raum für weitere Geschlechter zu lassen, für intersexuelle, transsexuelle, queere Menschen. In der Schriftsprache wird das durch den so genannten Gender-gap ausgedrückt, einen Unterstrich, der das große I ablöst: Leser_innen, Arbeiter_innen... Über weiterführende Sprachschöpfungen wie die Endung x wird öffentlich diskutiert: Professorix..., was sicher auch bewusst provozieren will. Manches wird sich durchsetzen, vieles nicht. Aber Kreativität und Freude am Experimentieren können neues Nachdenken anregen und auf Probleme hinweisen, die bisher nicht im Blick sind. Auch das Bewusstsein für die (sprachliche) Präsenz von Frauen in allen Bereichen des öffentlichen Lebens ist eine neuere Entwicklung.

Impulse aus der Basis

Hat Geschlechtergerechtigkeit in der evangelischen Kirche eine Chance? Ja, und zwar deshalb, weil die Impulse dazu aus der kirchlichen Basis kommen. Die Bibel in gerechter Sprache wurde seit 2006 fast 90.000 Mal verkauft. Mit ihren grundlegenden Kriterien: soziale Gerechtigkeit, Gerechtigkeit im christlich-jüdischen Gespräch und Geschlechtergerechtigkeit sucht sie nach Wegen, die Verkündigung der gerechten Welt Gottes heute verständlich zu machen, gerade auch für Menschen, denen die biblische Sprache nicht mehr vertraut ist. Das Bewusstsein für geschlechtergerechte Sprache auf allen Ebenen kirchlicher Praxis geweckt zu haben, gehört zu den Erfolgsgeschichten unserer Kirche. "Sie ist unser bester Mann! Wirklich?" - unter diesem Titel haben Diakonie und EKD aktuell ein Faltblatt erstellt, das ganz praktische Tipps gibt, wie gerechte Sprache unkompliziert, ohne holprige Satzungetüme im Alltag eingesetzt werden kann.

Geschlechtergerecht zu sprechen, ist eine Herausforderung, der ideologische Besserwisserei wenig dienlich ist. Denn es geht darum, ein neues Denken einzuüben und sich über die eigene Identität bewusst zu werden. Perfektion ist dabei kein Maßstab. Es sind immer auch Gefühle im Spiel, tief eingeschriebene Denk- und Sprachstrukturen. Sie wahrzunehmen und zu verändern ist ein Prozess, der auch an eigene Verletzungen rührt, der beschämen kann oder wütend macht. Es ist ein Wagnis, sich darauf einzulassen. Entscheidend ist nicht das Ergebnis, sondern jeder kleine Schritt auf dem Weg in eine geschlechtergerechte Wirklichkeit. Im Brief an die Gemeinde in Rom ermutigt Paulus dazu, den Aufbruch getrost zu wagen: "Ich ermutige euch, Geschwister: Verlasst euch auf Gottes Mitgefühl und bringt eure Körper als lebendige und heilige Gabe dar, an der Gott Freude hat. Das ist euer vernunftgemäßer Gottes-Dienst. Schwimmt nicht mit dem Strom, sondern macht euch von den Strukturen dieser Zeit frei, indem ihr euer Denken erneuert. So wird euch deutlich, was Gott will: das Gute, das, was Gott Freude macht, das Vollkommene." (12,1-2)

Jürgen Wandel: Besetzen und umdrehen

Claudia Janssen

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