Hilfe, ich kann zuhören

Ein Punktum
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Alles ist Original-Ton: kein Satz, kein Wort, keine Silbe entgeht mir, ob ich will oder nicht. Ich werde Mithörer und Mitwisser dieser Gesellschaft.

Viele Menschen hören mit dem Altern immer schlechter, vermehrt ab dem fünften Lebensjahrzehnt, so sagt es jedenfalls die Wissenschaft. Ich entspreche zwar der Empirie, doch bei mir ist es genau anders herum: Ich höre jeden Tag besser. Morgens beginnt es mit den Telefonaten meiner Mitfahrer in der S-Bahn. "Hi Pussel, ich bin gerade in die Bahn eingestiegen und fahre nun los." "Mein Arzt hat mir ein Antibiotikum verschrieben, das die Pille außer Kraft setzt. Da müssen wir wohl ein Plastiksäckchen demnächst benutzen." "Hallöle, die Krankschreibung habe ich in der Tasche, jetzt kann es losgehen."

Alles ist Original-Ton: kein Satz, kein Wort, keine Silbe entgeht mir, ob ich will oder nicht. Ich werde Mithörer und Mitwisser dieser Gesellschaft, in der anscheinend immer mehr Menschen ein steigendes Mitteilungsbedürfnis entwickeln. Aber heißt es nicht schon in Matthäus 12,34 "Wes das Herz voll ist, des gehet der Mund über ..."

Über den Tag gesehen, verstärkt sich das unfreiwillige "Hören" über das interessierte "Hinhören" zum auferlegten "Zuhören". Zugegeben, jemandem geschäftlich oder privat aufmerksam zu folgen, ist für viele nicht immer einfach. Der französische Moralist François de La Rochefoucauld empfand es schon vor gut 300 Jahren so: "Einer der Gründe, warum man in der Konversation so selten verständige und angenehme Partner findet, ist, dass es kaum jemanden gibt, der nicht lieber an das dächte, was er sagen will, als genau auf das zu antworten, was man zu ihm sagt."

Vereinfacht gesagt: Die Menschen wollen ihr Herz ausschütten, und ich bin eines ihrer seltenen Gefäße. Wenn nach Feierabend liebe Gäste kommen, folgt auf mein "Na, wie gehts euch denn so?" das Phänomen: Es bricht nur so aus ihnen hervor, ihr Redefluss ist nicht zu stoppen, sie nehmen kein Blatt vor den Mund, sagen endlich offen alles, machen ihrem Herzen Luft, heulen sich bei mir aus. Der gemeinsame Abend ("Es war sehr schön bei Euch!") endet dann wie immer: Ich habe von allen alles gehört, aber mein ganzer Stolz, zum Beispiel die frisch getünchte Wohnung, sie wurde nicht beachtet, noch war mein Schweigen der Rede wert.

Nein, ich will und darf nicht klagen. Ist doch das "Herz ausschütten" der Anfang allen menschlichen Betens. Die Geschichte von Hanna (Samuel 1,13-17) steht dafür. Bei der jährlichen Wallfahrt ins Heiligtum litt sie unter ihrem Frauenleben auf Sparflamme. Sie aß und trank nichts vor lauter Kummer und betete im Tempel still vor sich hin. Eli hielt sie für betrunken und sprach sie an. Hanna antwortete ihm: "Ich habe nur dem Herrn mein Herz ausgeschüttet." Und Eli sagte: "Geh in Frieden!"

Sollten es also verschlüsselte Gebete sein, mit denen sich meine Mitmenschen bei mir Gehör verschaffen, dann will ich ihnen verzeihen. Schließlich ist frisch geklagt halb gelitten.

Kathrin Jütte

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Kathrin Jütte

Kathrin Jütte ist Redakteurin der "zeitzeichen". Ihr besonderes Augenmerk gilt den sozial-diakonischen Themen und der Literatur.


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