Mehr Kultur im Streit

Jubiläum 2017: Inhalte sind wichtiger als Deutungshoheit
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Es ist bemerkenswert, wie wenig Aufmerksamkeit in der Debatte um das Reformationsjubiläum dem inhaltlichen Verständnis von Gottes Gnade und Rechtfertigung zuteil wird, das für die Reformatoren zentral war.

Während der Bundestag um eine Belebung seiner Streitkultur ringt, wird in der kirchlich-theologischen Öffentlichkeit gegenwärtig außerordentlich lebendig debattiert und auch gestritten. Dabei stehen anders als häufig in der Politik Fragen zur Debatte, die selbst engagierte Christen erst wieder neu für sich entdecken. Im Zentrum steht das Reformationsjubiläum 2017, auf das sich die Kirchen der EKD mit der Lutherdekade vorbereiten. Nach hundert Jahren ökumenischer Bewegung kann und will man mit diesem Jubiläum die Chance wahrnehmen, sich der evangelischen Identität nicht im Kontrast zur katholischen zu vergewissern, sondern das Denkwürdige der Reformation gemeinsam herauszustellen.

Worin besteht im Kern das theologische Erbe der Reformation? Und was sagt es uns heute?

Mit diesen beiden Fragen befasst sich der neue EKD-Text "Reformation und Freiheit" - und stellt die kirchlich-theologische Streitkultur gleich wieder vor neue Herausforderungen. Thomas Kaufmann kritisierte den Text unlängst in den zeitzeichen ob seines geschichtslosen Reformationsverständnisses. Seine Erklärung der Rechtfertigungslehre für die Gegenwart überspringe die neuzeitlichen Umformungsprozesse und münde in ein dogmatisches Konstrukt. Demgegenüber die Reformation als geschichtliche Epoche gerade auch in ihrer Fremdheit zu erschließen, ist allerdings kein weniger konstrukt-behaftetes Unterfangen. Um Konstruktionen kommt man beim Gedenken so oder so nicht herum.

Beachtlich an der gegenwärtigen Debatte ist ihre Komplexität, dreht sie sich doch nicht nur um die Frage, wie ein sachgerechtes Reformationsgedenken möglich ist, sondern zugleich darum, wer die Deutungshoheit in der Auslegung der Reformation behält oder gewinnt. Diese doppelte Ebene wiederum ist typisch für moderne Streitkulturen. Dabei wird man immerhin das Faktum, dass heute Deutungshoheiten nicht schon feststehen, sondern dass um sie gerungen werden kann ohne Folgen für Leib und Leben, als eine Folge der religiösen, kulturellen und politischen Weichenstellungen ausmachen dürfen, die auf die Reformation zurückgehen. Bemerkenswert ist aber auch, wie wenig Aufmerksamkeit in der Debatte dem inhaltlichen Verständnis von Gottes Gnade und Rechtfertigung zuteil wird, das für die Reformatoren zentral war und das der EKD-Text für heutiges Verstehen zu übersetzen sucht. Stattdessen hat sich an dem Text ausgerechnet ein neuer ökumenischer Konflikt entzündet. Von katholischer Seite wird moniert, dass die katholisch-lutherische Überwindung der kirchentrennenden Differenz in der Rechtfertigungslehre nicht zur Geltung kommt. Überdies irritieren die knappen Hinweise zu katholisch-evangelischen Differenzen. Man kann nur hoffen, dass diese Enttäuschungen und Desiderate in einer Streitkultur reflektiert und verarbeitet werden können, die nicht dem menschlichen Interesse an Selbstrechtfertigung und Selbstinszenierung frönt, sondern sich von der Sache leiten lässt. Dann, aber nur dann, kann man ihr in den Vorbereitungen auf das Jahr 2017 bei aller Irritation etwas abgewinnen.

Friederike Nüssel ist Theologieprofessorin in Heidelberg und Herausgeberin von zeitzeichen.

Friederike Nüssel

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Friederike Nüssel

Friederike Nüssel ist Professorin für Systematische Theologie in Heidelberg und Herausgeberin von zeitzeichen.


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