Viele schwarze Schafe

Der boomende Coachingmarkt erinnert an die Psychoszene der Achtzigerjahre
Auch Pfarrern wird Coaching angeboten. Das EKD-Papier "Kirche der Freiheit" forderte ein "neues Qualitätsbewusstsein". Foto: epd/ Bertold Fernkorn
Auch Pfarrern wird Coaching angeboten. Das EKD-Papier "Kirche der Freiheit" forderte ein "neues Qualitätsbewusstsein". Foto: epd/ Bertold Fernkorn
Wenn es Probleme im Beruf gibt oder wenn Sinnfragen aufbrechen, wird die Hilfe von Coaches in Anspruch genommen. Was sich in dieser Zuwachsbranche tut, schildert Michael Utsch, Diplompsychologe und Referent der Evangelischen Zentralstelle für Weltanschauungsfragen. Dass auch Kirchenleitungen die Hilfe von Coaches in Anspruch nehmen, hält er für sinnvoll, sieht aber eine Gefahr für die christliche Identität, wenn Methoden aus der Wirtschaft unreflektiert übernommen werden.

Coaching ist eine Spezialform psychologischer Beratung. Und Beratung dient der Aufarbeitung und Überwindung persönlicher oder sozialer Konflikte außerhalb der Heilkunde. Natürlich kommen dabei psychotherapeutische Techniken zum Einsatz. Doch während die Psychotherapie seelische Störungen mit Krankheitswert heilen oder zumindest lindern will, geht es bei der Beratung um Hilfestellungen für psychisch gesunde Menschen mit konkreten Lebensproblemen.

Coaching ist ein Sammelbegriff für zielorientierte Kurzzeitberatung. Anders als Supervision, die auch in der Kirche zu einem bewährten Instrument der Reflexion und Optimierung beruflicher Praxis geworden ist, sind die Entwicklungsziele eines Coachingprozesses häufig schwer zu überprüfen oder nur vage formuliert. Doch trotz der oft unklaren Zielvereinbarungen investieren deutsche Unternehmen pro Jahr rund 27 Milliarden Euro in Coachings zur Personalentwicklung. Kritiker fragen deshalb zynisch: "Heißt Coaching, den Einzelnen zu optimieren, um ihn besser ausbeuten zu können?"

Von der Wortbedeutung her ist der "Coach" der Kutscher, der die Pferde des Wagens steuert. Später etablierte sich der Begriff im Sport und ersetzte die Bezeichnung "Trainer". Und heute ist er besonders in der Wirtschaft präsent. Beschränkte sich Coaching zunächst auf Führungskräfte, hat sich mittlerweile daraus ein umfassender Beratungsmarkt entwickelt. Coachingexperten für die richtige Entscheidungsfindung sind dabei gut im Geschäft. Es gibt nicht nur Unternehmens-, Finanz-, Steuer- oder Verbraucherberater. Vielmehr wird für alle möglichen Lebenssituationen und beruflichen Anforderungen ein professioneller Beratungsbedarf unterstellt: Lehrer werden für den Schuldienst gecoacht, Politiker für Wahlkämpfe, Frauen nach einer Familienpause für die Rückkehr in den Beruf und Pfarrer für gutes Predigen

Nur wenige Psychologen

Gesellschaftliche Unübersichtlichkeit und Unberechenbarkeit befördern das Bedürfnis nach Sicherheit und Kontrolle. Die Sehnsucht nach einfachen Rezepten wächst in dem Maß, wie die eigene Lebenswirklichkeit als komplex, unübersehbar und widersprüchlich empfunden wird. So boomen Lebenshilfeangebote, Ratgeberliteratur und griffige Coachingkonzepte. Angebote zur individuellen Begleitung und ganzheitlichen Förderung, Übungen zur Leistungsverbesserung. Tipps zur Stressresistenz und Beratungen zur Herstellung der "Work-Life-Balance" prägen den Markt der Personalentwicklung und des Führungstrainings. Derzeit bieten im deutschsprachigen Raum bis zu 50.000 Coaches entsprechende Dienste an, deren Qualitäten sehr unterschiedlich ausfallen. Kritiker werfen vielen Anbietern fehlende fachliche Qualifikationen vor und sprechen von einem Optimierungs- oder Coachingwahn.

Welche professionelle Grundausbildung nützt, ist umstritten. Zahlreiche Anbieter auf dem Coachingmarkt sind keine Psychologen. Der Berufsverband Deutscher Psychologen, der eine eigene Zertifizierung psychologischer Coaches anbietet, geht davon aus, dass viele Coachingprozesse scheitern, weil nichtpsychologischen Coaches das Wissen fehle, psychische Störungen zu erkennen, oder sie mit der Psychodynamik helfender Beziehungen nicht vertraut sind.

Erst feste und überprüfbare Qualitätsstandards eines professionellen Berufsverbandes gewährleisten, dass Klienten fachlich geführt werden und keinem Motivationsguru auf den Leim gehen. Weil der Begriff "Coaching" aber nicht geschützt ist und keine eindeutige professionelle Identität hat, tummeln sich unter diesem Label die unterschiedlichsten Angebote: Es gibt Glücks-, Hypnose-, Astro- und Tantracoaches, Bachblüten- und Kinesiologie-Coaching (der "feinstoffliche Mensch") sowie Berater, die Karrierewege an der Schädelform ablesen wollen. Und explizit spirituelles Coaching findet zunehmend Anklang bei Menschen mit einem ganzheitlich-esoterischen Gesundheits- und Weltverständnis. Kein Wunder, dass Experten die Coachingszene als "Markt der schwarzen Schafe" kennzeichnen.

Standards festgelegt

Zum Glück konnte die Scharlatanerie beim Businesscoaching in den vergangenen zehn Jahren eingedämmt werden. Die Professionalisierung der etwa 300 Coachingausbildungsinstitute in Deutschland ist fortgeschritten, überprüfbare Qualitätsstandards sind festgelegt. Intensiv hat man sich im Businesscoaching mit den Gurufallen und schwarzen Schafen in den eigenen Reihen beschäftigt. Schon 2005 diagnostiziert eine von der Deutschen Gesellschaft für Supervision in Auftrag gegebene Studie ein "Scharlatanerie-Problem", wies auf Qualitätsprobleme hin und gab Professionalisierungsempfehlungen. 2010 verabschiedete der Berufsverband Deutscher Psychologen nach einem fünfjährigen Beratungsprozess ein eigenes Coachingzertifikat. Und 2011 legte der Fachverband für Supervision praktische Hinweise zur Unterscheidung von Supervision und Coaching vor.

Professionelles Coaching findet unter klar definierten Bedingungen statt. Ein Coach trifft sich mit einem Klienten zu zehn bis 15 Einzelgesprächen, die je eineinhalb bis zwei Stunden Zeit in Anspruch nehmen und sich über sechs bis neun Monate erstrecken. Üblicherweise sucht der Coach dabei die Führungskraft an ihrem Arbeitsplatz auf. Die Kosten, die meist vom Arbeitgeber übernommen werden, liegen im Schnitt bei 3?000 bis 6?000 Euro. Typische Themen sind die Verbesserung sozialer Kompetenzen sowie von Management- und Führungskompetenzen, der Abbau von Leistungs-, Kreativitäts- und Motivationsblockaden oder Lösungsmöglichkeiten für akute Konflikte. Doch auch der Umgang mit Stress im Job und die Work-Life-Balance können wichtige Themen sein.

Im Hinblick auf Scharlatanerie kann aber keine Entwarnung gegeben werden, weil nach wie vor über zwanzig Coachingverbände in Deutschland um die Marktherrschaft konkurrieren und eigene Zertifikate verleihen. Ein übergreifender Berufsverband mit verlässlichen Kriterien und verbindlichen Ethikrichtlinien fehlt bis heute. Der aktuelle Coachingmarkt kann mit der experimentierfreudigen Psychoszene der Achtzigerjahre verglichen werden. Der damalige Wildwuchs ist inzwischen durch gezielte Forschungen, das Psychotherapeutengesetz und die Verklammerung dieses Heilberufs eingedämmt worden. Ein analoges Vorgehen empfiehlt sich, um auch im Coaching die Spreu vom Weizen zu trennen. Die aktuelle Entwicklung zielt dabei deutlich auf mehr Professionalisierung und wissenschaftliche Forschung. Schon fünf Hochschulen bieten akkreditierte Master-Studiengänge "Coaching" an.

An Krisen wachsen

Ein Hauptproblem des Coachings besteht darin, dass seine Ziele meist erst im Laufe eines Beratungsprozesses klarer hervortreten. Zuweilen ändern sie sich auch, weil im Beratungsverlauf die Bedeutung bislang unbekannter Einflussfaktoren verstanden wird. Manchmal berühren die Fragen auch existenzielle Themen. Wie mit religiösen und spirituellen Bedürfnissen professionell umzugehen ist, diskutieren die Fachverbände noch intensiv. Coaching kann Kommunikationsprozesse fördern, Strukturen klären und Entwicklungsprozesse anstoßen. Eine fachlich begründete Beratung hat dabei immer ein klar begrenztes und erreichbares Beratungsziel im Blick. Allerdings versprechen viele Coaching-Angebote optimale Selbstentfaltung und Selbst(er-) findung und teilweise auch die Beantwortung existenzieller Lebensfragen.

Wenn Alltagskonflikte sofort an Fachleute weitergeleitet werden, ist der Einzelne zunächst die Verantwortung los. Eine Delegationsmentalität wird sich aber als Bumerang erweisen. Denn sie übersieht, dass eine Persönlichkeit maßgeblich an der Bewältigung von Krisen wächst. Wird allen Konflikten und Krisen aus dem Weg gegangen, beraubt man sich der zwar schmerzhaften und mit Niederlagen versehenen, aber letztlich charakterprägenden Identitätsbildung. Außerdem sollte man bedenken, dass anderen Menschen Einfluss auf das eigene Leben eingeräumt wird, was ausgenutzt werden und bis in die Unmündigkeit führen kann.

Coaching wird noch diffuser, wenn umfassende Lebensberatung in den Blick genommen wird: Heute ist "Life-Coaching" sehr gefragt. Wenn das eigene Leben als Projekt und Unternehmen aufgefasst wird, das ständig neu erfunden werden will, ist dabei Unterstützung doch hilfreich, oder? Und weil es im Leben nicht nur um Geldmaximierung geht, sondern um Sinn und Werte, befriedigen spirituelle Coaching-angebote spezifische Bedürfnisse, die anderswo übersehen werden. Gerade bei Life-Coaching-Angeboten besteht die Gefahr, dass sie nicht behutsam und zurückhaltend mit der spirituellen Dimension umgehen.

Spiritualität floriert

Weil die Nachfrage nach Sinn- und Werteorientierung und ethischer Führung hoch ist, florieren spirituelle Coachingangebote. Das von Willigis Jäger gegründete Meditationszentrum Benediktushof rief im vergangenen Jahr eine eigenständige Akademie ins Leben, die ausdrücklich Führung und Spiritualität zusammenführt. Aber nicht nur buddhistisch geprägtes Coaching ist gefragt. In den vergangenen 15 Jahren fand - unter dem Dauermotto "Mit Werten in Führung gehen" - achtmal der evangelikal geprägte "Kongress christlicher Führungskräfte" statt. Er erreichte insgesamt mehr als 20?000 Teilnehmer, und es entstand in diesem Milieu ein stabiles Netz.

"Die Manager entdecken plötzlich die Ethik", bilanzierte kürzlich ein Wirtschaftsmagazin und belegte mit zahlreichen Beispielen, dass Führungskräfte zunehmend kirchliche Ratschläge in Anspruch nehmen. Manche Geschäftsführung berichtet stolz, dass Jesuiten ihre Topmanager coachen. Und schon vor zehn Jahren stellte die hannoversche Landeskirche zwei Pfarrer für das Projekt "Spiritual Consulting" frei (siehe Foto). In kleinen Gruppen werden Manager zum Pilgern angeleitet und ziehen sich zur Burnoutprophylaxe in Zisterzienserklöster zurück.

Kirche und Diakonie haben Führen und geistliches Leiten zu einem Kernanliegen gemacht, um aktuellen Herausforderungen wie Überalterung, Mitgliederschwund und zunehmende religiöse Indifferenz zu begegnen.

Entscheidende Anstöße dazu lieferte 2006 das EKD-Papier "Kirche der Freiheit". Kompetenzzentren sollten die gesamte Kirche coachen. Allerdings wurde vielfältig kritisiert, dass der geforderte "Mentalitätswandel" Gemeindepfarrer massiv unter Druck setze, indem das Papier dem gesellschaftlichen Trend zur ständigen Optimierung folge. Die wohl profilierteste Kritikerin, die Bochumer Theologieprofessorin Isolde Karle, diagnostizierte einen "Reformstress", weil die EKD ihre Veränderungsstrategien nach marktwirtschaftlichen Kriterien ausrichte und geistliche und theologische Aspekte vernachlässige. Das Impulspapier folge konzeptionell nicht primär theologischen Einsichten, sondern den Vorgaben strategischer Managementberatung - Coaching statt geistlicher Führung. Und der Braunschweiger Landesbischof Christoph Meyns bemängelte, die Reformstrategie der EKD orientiere sich an den alten Idealen einer Mehrheitskirche und könne so kirchlich Distanzierte oder Kirchenferne nicht erreichen.

Eine Organisation wie die evangelische Kirche, die über zehn Milliarden Euro Einnahmen im Jahr verfügt, ist sicher gut beraten, sorgfältige und bestmögliche Personalführung zu betreiben. Insofern liegt es nahe und ist plausibel, dass manche Landeskirchen durch Coachingbeiräte oder Coachingpools ihren Führungskräften professionelles Training anbieten. In dieser Richtung sind zahlreiche praktische Initiativen entstanden und nützliche Anregungen gegeben worden, wie professionelles Coaching Führung in der Kirche verbessert. Allerdings harren kritische Rückfragen noch einer Antwort, etwa die, ob theologische Begründungen und Argumente der ökonomischen Rationalität untergeordnet werden sollen. Die Spannungen zwischen religiösen und betriebswirtschaftlichen Zielen und Methoden dürfen in der Kirche nicht verwischt werden, hier bedarf es einer sorgfältigen Differenzierung. Bischof Meyns benennt ihre Gegensätze schlagwortartig mit Aktivismus statt Vertrauen, Tausch statt Geschenk, Nutzen statt Wahrheit und Hierarchie statt Netzwerk. Geistliche Führung ist anderen Werten verpflichtet und verfolgt andere Strategien als marktwirtschaftliches Kalkül. Sicher ist zur Verbesserung der Kirchenleitung professionelles Coaching wünschenswert, aber eine unreflektierte Übernahme des ökonomischen Weltbildes mit seinen Methoden höhlt die christliche Identität langfristig aus.

Michael Utsch

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