Wünsche und Utopien reichen nicht

Warum die wachstumskritische Degrowth-Bewegung (leider) irrelevant ist
Foto: privat
Die Degrowth-Bewegung lehnt ökonomische Modelle jeglicher Richtung ab, hat als Alternativen aber nur Wunschvorstellungen und Utopien zu bieten.

Auf der im September in Leipzig veranstalteten Degrowth-Konferenz hätte der Europäischen Kommission eigentlich ein Sonderpreis für die konsequente Beschädigung des Wachstumspotenzials europäischer Volkswirtschaften verliehen werden müssen. Mit ihrem Sparkurs, der so genannten Austeritätspolitik, hat sie für eine nachhaltige Stagnation, in einigen Eurostaaten gar für eine kontinuierliche Schrumpfung der Wirtschaftsleistung gesorgt. Ist das nicht Degrowth in praktischer Vollendung? Wachstumskritiker würden das natürlich vehement zurückweisen. "Eure Rezession ist nicht unser Degrowth", äußern sie in einer Selbstbeschreibung.

Aber was ist dann "Degrowth"? Man kann Degrowth wohl aus zwei Perspektiven betrachten. Zum einen geht es vielen Mitgliedern der Degrowth-Bewegung darum, Volkswirtschaften weniger abhängig von wirtschaftlichem Wachstum zu machen. Das unterstütze ich voll und ganz. Niemand kann garantieren, dass wir in den Industriestaaten fortgesetzt hohe Wachstumsraten beobachten werden. Es wäre wunderbar, wenn wir vernünftige Konzepte hätten, die zerstörerischen Effekte langer Stagnationsphasen und Rezessionen zu vermeiden.

Zum anderen geht es der Degrowth-Bewegung aber auch um eine freiwillige Rücknahme von Produktion und Konsum. Damit habe ich so meine Probleme. Das erste ist: Man sollte eigentlich meinen, dass eine freiwillige Wachstumsrücknahme erst dann empfohlen werden kann, wenn die Degrowth-Bewegung das erste Ziel ihres Projektes erreicht hat, uns also stichhaltig erklären kann, wie eine Wachstumsrücknahme in einer durchorganisierten Industriegesellschaft so gestaltet werden kann, dass die negativen Effekte einer Rezession ausbleiben. Das aber ist sie bislang schuldig geblieben. Die Degrowth-Bewegung lehnt ökonomische Modelle jeglicher Richtung ab, hat als Alternativen aber nur Wunschvorstellungen und Utopien zu bieten. Das ist zu wenig.

Mein zweites Problem ist, dass die Degrowth-Bewegung, wenn es um Wachstumsrücknahme geht, den Pfad wissenschaftlicher Argumentation gänzlich verlässt und hoffnungslos ideologisch wird. Grünes Wachstum auf Grundlage der Entwicklung umweltfreundlicher Technologien hält sie pauschal für einen Irrweg. Entwicklungspolitik für die Länder des Südens hält sie für kulturimperialistisch. Die Bürger der Industriestaaten hält sie mehrheitlich für durch Werbung verführte und von Neid auf andere getriebene Konsumjunkies, die in einer Welt ohne Wachstum viel glücklicher wären.

Gegenargumente ignoriert

Zu all diesen dogmatischen Glaubenssätzen existieren etliche Gegenargumente, die aber nicht zur Kenntnis genommen oder ihrerseits als "ideologisch" bezeichnet werden. Um nur ein wichtiges Beispiel zu nennen. Man kann - man sollte sogar - in Übereinstimmung mit der Degrowth-Bewegung der Auffassung sein, dass die Industriestaaten eine besondere Pflicht haben, Maßnahmen gegen ihren massiven Ressourcenverbrauch und den Ausstoß von Treibhausgasen zu ergreifen. Es ist aber fraglich, ob dieses Ziel mit der simplen Strategie einer Produktions- und Konsumrücknahme und der Aufgabe des "Irrwegs grünen Wachstums" erreicht werden kann. Sicher würden die Industriestaaten durch Wachstumsrücknahme einen kleineren ökologischen Fußabdruck hinterlassen. Die Entwicklungs- und Schwellenländer würden aber mit der vorhandenen Technologie so wachsen, wie wir es bislang getan haben: dreckig.

Die Industriestaaten könnten ihrer Verantwortung weit besser gerecht werden, wenn sie ihren Reichtum und ihr Wissen für die Entwicklung umweltfreundlicher Technologien einsetzen und zugleich Ressourcenverbrauch und Schadstoffemissionen verringern. Dazu ist eine Wachstumsrücknahme weder notwendig noch sinnvoll. Zwei kürzlich erschienene Studien des New Climate Economy Project und des IWF zeigen, dass eine solche Transformation in gesamtwirtschaftlicher Betrachtung aufgrund ihrer vielen positiven Nebenwirkungen quasi umsonst zu haben ist. Wenn sie scheitert, dann nicht aufgrund von Kosten, technologischen Grenzen oder Reboundeffekten. Sie scheitert an knallharten wirtschaftlichen Interessen. Diese letztlich politischen Probleme einfach zu ignorieren oder für unlösbar zu halten und stattdessen Verzicht zu predigen, ist eine enttäuschende Mischung aus Fatalismus und Selbstgerechtigkeit und wird den großspurigen Selbstansprüchen der Degrowth-Bewegung in keiner Weise gerecht.

In der Degrowth-Bewegung steckt viel Energie und Sachverstand. Beschränkt sie sich aber weiterhin darauf, gefällige Utopien einer glücklich machenden Schrumpfung zu entwerfen, statt wissenschaftlich fundierte und realistische Alternativen zu entwickeln, wird sie den gleichen Weg wie die Occupy-Bewegung gehen. Sie wird sich hauptsächlich um sich selbst drehen und am Ende wirkungslos verpuffen.

Andreas Mayert ist Referent für Wirtschafts- und Sozialpolitik beim Sozialwissenschaftlichen Institut der EKD.

Andreas Mayert

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