Im Kammerton des Konsens

Das neue Sozialwort der Kirchen will nicht anecken und reizt gerade deshalb zur Kritik
Tötet diese Wirtschaft? Das Sozialwort folgt dem Papstwort nicht. Foto: epd/ Falk Orth
Tötet diese Wirtschaft? Das Sozialwort folgt dem Papstwort nicht. Foto: epd/ Falk Orth
Was ist los, wenn Arbeitgeber und Gewerkschaften einhellig sind in ihrem Lob? Wenn Sarah Wagenknecht von der Linkspartei und das Bundeswirtschaftsministerium gleichermaßen zufrieden sind? Die Antwort: Die Kirchen haben ein Sozialwort geschrieben. Joachim Frank, Chefkorrespondent der Mediengruppe DuMont, vergleicht das neue Papier, das Ende Februar vorgestellt wurde, mit dessen vielbeachteten Vorgänger von 1997 und dem Apostolischen Schreiben "Evangelii Gaudium" von Papst Franziskus.

Gemeinsame Verantwortung für eine gerechte Gesellschaft", heißt das 60-Seiten-Papier, das die Spitzenvertreter von Katholiken und Protestanten in Deutschland, Erzbischof Robert Zollitsch und Altpräses Nikolaus Schneider, in Frankfurt präsentierten. Fast zwei Jahrzehnte nach dem Vorgänger-Dokument zur wirtschaftlichen und sozialen Lage war nach Ansicht der Kirchen ein Update angesagt. Und tatsächlich wird keiner bestreiten, dass sich die immer gleiche Frage nach größtmöglicher Gerechtigkeit für eine größtmögliche Zahl von Menschen seit 1997 mit anderen Akzenten und vor einem anderen Erfahrungshorizont stellt als damals.

Nur beginnt genau hier schon das Problem: Das Inhaltsverzeichnis, das in zehn Anläufen (Kurzkapiteln) auf den Begriff zu bringen sucht, wie die Kirchen "gemeinsame Verantwortung" ausbuchstabieren, lässt die heute aktuellen und drängenden Themen erkennen: Nachhaltigkeit, ordnungspolitisch-ethische Grundierung der Wirtschaft, Herausforderungen durch Energiewende, demografischen Wandel und Migration. Aber haben wir das denn nicht längst gewusst? Gilt am Ende nicht das Wort der Ermüdeten, es sei längst alles gesagt, nur vielleicht noch nicht von allen?

Dagegen könnten die Verfasser einwenden, dass sich die Kirchen durch solche Bedenken schon deshalb nicht beirren lassen dürfen, weil sie in der Gesellschaft eine gewichtige Stimme haben und man ihnen darum vorwerfen könnte, dass sie dort nicht zu vernehmen seien, wo es um die entscheidenden Zukunftsfragen geht. Zudem stehen sie für ein Referenzsystem, das der Präambel des Grundgesetzes noch geläufig, in der gesellschaftlichen Debatte aber vielen verloren gegangen ist: die Verantwortung "vor Gott und den Menschen".

Dem trägt das Papier durchaus Rechnung. Nicht indem es die Wirtschafts- und Sozialpolitik des säkularen Staates zu taufen sucht, sondern indem es christliche Grundwerte wie Nächstenliebe und die Solidarität mit den Schwachen und Armen als "vernünftige Option" für die ganze Gesellschaft vorstellt. Als Paränese, als ethische Mahnrede, ist das einnehmend und stimmt nachdenklich, zumal die gewählten Episoden und Kernsätze aus dem Alten und Neuen Testament - wie das Gleichnis vom barmherzigen Samariter oder die Seligpreisungen der Bergpredigt - auch für Nicht-Christen suggestive Kraft haben.

Dass die Verfasser damit auf einer richtigen Spur sind, zeigt der Seitenblick auf einen nur wenige Monate älteren Text: Das Apostolische Schreiben "Evangelii Gaudium" von Papst Franziskus ist unmittelbar nach seinem Erscheinen zu dem vielleicht wichtigsten Mahnwort kirchlichen Ursprungs am Anfang des 21. Jahrhunderts geworden. Allerdings gibt es zwischen dem Dokument aus Rom und dem Gemeinschaftswerk von Bischofskonferenz und EKD aus Bonn und Hannover einen wesentlichen Unterschied. Der Papst macht ernst mit dem Charakter prophetischer Rede, indem er zuspitzt, plakativ formuliert, die Provokation und den Widerspruch sozusagen einpreist: Das fünfte Gebot der Bibel (du sollst nicht töten) wendet Franziskus in einer kühnen Volte auf eine "Wirtschaft der Ausschließung und der Disparität" an und befindet: "Diese Wirtschaft tötet."

Von dieser einprägsamen Tonlage sind Bischöfe und EKD-Rat denkbar weit entfernt. Sie üben sich im gepflegten Kammerton des Konsenses, formal wie inhaltlich: Die einen sagen dies, die anderen sagen das - so setzen sie schon gleich zu Beginn bei ihrem Resümee gesetzgeberischer Veränderungen des überkommenen Wirtschafts- und Sozialmodells im vergangenen Jahrzehnt ein. Dieses "Sowohl als auch" ist deskriptiv korrekt, unverfänglich, aber eben auch wenig inspirierend, um nicht zu sagen "einschläfernd", wie es der Frankfurter Sozialethiker Bernhard Emunds, Inhaber des Nell-Breuning-Lehrstuhls an der Jesuitenhochschule St. Georgen, in einer schonungslosen Kritik formuliert.

Segen für die GroKo

Ob das am Entstehen des Papiers lag? Die Frankfurter Allgemeine lieferte in ihrem Vorabbericht, der mitsamt einer süffisanten Interpretation als "nachträglicher kirchlicher Segen zum Koalitionsvertrag" schon zu lesen war, noch ehe sich die Verfasser selbst zum Erringen der Deutungshoheit anschicken konnten, auch gleich eine entsprechende Erklärung: Im Papier wechselten marktkritische Töne des Protestanten Gerhard Wegner (als Ideengeber des bayerischen Bischofs Heinrich Bedford-Strohm) und marktfreundlichere Passagen des Katholiken Peter Schallenberg (als Berater des bayerischen Kardinals Reinhard Marx) einander ab. Tatsächlich ist das "Einerseits, andererseits" als hermeneutisches Prinzip der Konfliktvermeidung den ganzen Text hindurch wiedererkennbar. Oder aber, eine weitere Möglichkeit, die Überlegungen zu bestimmten Fragen brechen dort ab, wo die Sache heikel und strittig zu werden beginnt.

Beispiel Energiewende: Mit ihr habe Deutschland bereits Verantwortung beim Aufbau einer ökologisch-sozialen Marktwirtschaft übernommen, lobt das Papier und lässt einen bezeichnenden Konditionalsatz folgen: "Wenn Deutschland dabei ein wettbewerbsfähiger Wirtschaftsstandort bleibt und das deutsche Sozialmodell allgemeinen Wohlstands nachhaltig gestaltet werden kann, kann die Ökologisch-Soziale Marktwirtschaft zu einem Vorbild und Modell für andere Staaten werden." Das ist nun auf fast rührende Weise selbstverständlich und dürfte von kaum jemandem bestritten werden. Wie auch? Sehr wohl strittig ist dann aber, wie die gestellte Bedingung zu erreichen sei. Einige wenige Hinweise dazu wären selbst in einem Thesenpapier mit Selbstbescheidung in Sachen Konkretion wünschenswert, ja notwendig gewesen, etwa zur Rolle der Atomkraft als Übergangstechnologie oder Teil eines Energiemix´.

Der Katholik Thomas Sternberg, Direktor der Sozialakademie Franz-Hitze-Haus in Münster, beklagt in einem Kommentar zum neuen Sozialwort einen "Alleingang" der Verfasser. Insbesondere die katholische Seite - ohne Namensnennung ist damit Kardinal Marx gemeint - habe es sträflich versäumt, die im Zentralkomitee der deutschen Katholiken (ZdK) organisierten Laienverbände ins Boot zu holen. "So entsteht eine Unwucht: auf evangelischer Seite ein synodales Gremium, auf katholischer eines von Bischöfen", schreibt Sternberg. Er war in den 1990-er Jahren am Entstehen des damaligen Wirtschafts- und Sozialworts beteiligt: Zusammen übrigens mit eben jenem Kardinal Marx, der, damals von bischöflichen Weihen noch entfernt, als Sozialethiker wirkte und auf dem Weg zum Sozialwort der Kirchen für breite Konsultation und Partizipation der Laien plädierte. Augenscheinlich ziehen Amts- und Rollenwechsel bisweilen abrupte Kurs- und Perspektivwenden nach sich.

Profilierung für Marx

Das aktuelle Sozialwort war auch ein Asset zur Eigenprofilierung des machtbewussten Münchners. So wissen es Mitbrüder von Marx mit hörbarer Distanz zu berichten. Deshalb habe das Papier auch unbedingt noch vor der Vollversammlung der Bischofskonferenz vom 10. bis 13. März in Münster vorgestellt werden müssen, wo Marx als Nachfolger von Robert Zollitsch zum Vorsitzenden der deutschen Bischofskonferenz gewählt wurde. Umgekehrt habe vor allem die evangelische Seite darauf gedrängt, dem Sozialwort von 1997 einen neuen gemeinsamen Text folgen zu lassen, während die Neigung in der Bischofskonferenz insgesamt weniger stark ausgeprägt gewesen sei. In diese Gemengelage passt der maliziöse Verdacht hochrangiger EKD-Vertreter, der Termin für die Präsentation - zwar durch den Abgleich von Schneiders und Zollitschs Kalendern gewonnen - sei dem einen oder anderen katholischen Funktionär gut zupass gekommen, weil am selben Tag der Rücktritt des Kölner Kardinals Joachim Meisner amtlich werden sollte. Das zu erwartende gewaltige Medienecho, so das vermutete Kalkül, würde dann die Erstrezeption des Sozialworts schon auf ein wünschenswert niedriges Niveau drücken. Sicher ist: Bereits einen Tag nach der Publikation war das öffentliche Interesse - wenn je vorhanden - wieder perdu. Der Stein, den Schneider und Zollitsch rhetorisch ins Wasser zu werfen gedachten, sinkt bereits dem Grund entgegen, ohne dass sich die Wasseroberfläche erkennbar gekräuselt hätte.

Bernhard Emunds macht dafür nicht nur die Aufmerksamkeits-Ökonomie der Mediengesellschaft verantwortlich, sondern auch die Erwartungshaltung bei den des Papiers: "Die Kirchenleitungen wollen offenbar im Dialog mit den Eliten einen Punkt setzen, ohne damit groß anzuecken." Hinter dem aktuellen Papier stecke "in erster Linie der Versuch einiger führender Kirchenvertreter, mit den wirtschaftlichen und politischen Eliten des Landes ins Gespräch zu kommen." Dieses Ansinnen sieht der Frankfurter Theologe nicht zuletzt "in deutlichem Kontrast zu dem, was Papst Franziskus will". Zwar liegen manche wirtschaftspolitischen Ziele - Regulierung der Märkte, sozialstaatliche Ergänzungen - auf der päpstlichen Linie. Aber sowohl die Sprache als auch "die Ortsangabe" sei bei Franziskus eine komplett andere: "Er will, dass Christen an die Ränder gehen. Sie sollen die zentralen politischen Herausforderungen von den Benachteiligten und Schwachen her identifizieren." Die deutschen Kirchenleitungen dagegen gingen in die Mitte, brächten den Konsens der Wohlmeinenden auf den Begriff und träten "als religiöse Garanten der Sozialen Marktwirtschaft auf".

Nicht nur weil Emunds an der Erstellung des Vorgänger-Dokuments beteiligt war, liegt hier erneut ein Rückblick nahe. Thomas Sternberg sieht den Erfolg des Papiers von 1997 darin begründet, dass es Ergebnis eines Prozesses gewesen sei. "Dessen Wirkung hat der fertige Text nicht mehr erreicht." Seinerzeit machten insbesondere die Laien den amtskirchlichen Vertretern Beine und sorgten dafür, dass der Text jene Würze bekam, die Helmut Kohl - bildlich gesprochen - die Zornestränen in die Augen getrieben haben soll. Jedenfalls war der damalige Kanzler alles andere als erfreut, dass ihm ausgerechnet die Kirchen mit ihrer Kritik an einer sozialen Schieflage in Deutschland vor dem Bundestagswahlkampf 1998 in die Parade fuhren.

Besser zwei Papiere?

Wie ein später Reflex darauf klingt die Erinnerung des früheren thüringischen Ministerpräsidenten Dieter Althaus (CDU), der dem Sozialwort von 1997 "seine Stärken in der Analyse" attestiert, aber auch Weltfremdheit bei den Lösungsangeboten und das Fehlen echter Entscheidungshilfen. "Als ich einmal im Gespräch mit einem der Autoren des Papiers genau das beklagt habe", erzählt Althaus, "gab er eine für mich ernüchternde Antwort: 'Das ist nicht unsere Aufgabe, als Kirche Antworten für Lösungen zu geben.' - 'O doch', sagte ich, 'das ist genau auch die Aufgabe der Kirche!'" Dem neuen Papier fehlt am Ende beides: die Schärfe in der Diagnose und die Substanz in der Therapie.

Wären dann - wenn die Kirchen schon meinen, sich äußern zu müssen - womöglich zwei Papiere in belebender Konkurrenz besser gewesen, wie Rainer Hank es in der FAZ empfahl? Was naheliegend zu sein scheint, wäre gleichwohl perspektivisch falsch. Zum einen geht es bei den Fragen der Wirtschafts- und Sozialordnung nicht, wie Hank leichthin behauptet, um Themen abseits des Verkündigungsauftrags der Kirchen, sondern um ihr "Kerngeschäft": die Sorge um das menschliche Wohl - nicht erst im Himmel, sondern hier auf Erden. Zum anderen werden die Kirchen in ihrer Positionierung zu ihren zentralen Anliegen immer mehr auf gemeinsames Auftreten angewiesen sein, wollen sie im Diskurs nicht zur quantité negligeable werden - einer zu vernachlässigenden und obendrein auch noch untereinander zerstrittenen Größe: "Wenn die Christen noch nicht mal selber wissen, was sie eigentlich wollen, was sollen wir uns damit herumschlagen…?" Um dem zu wehren, ist bei allem Lob der protestantischen Vielfalt ein lutherisches "Hier stehen wir" angebracht.

Die Schwierigkeit, das sei eingeräumt, besteht nun aber offenkundig darin, dass katholische und protestantische Kirche auf vielen Themenfeldern auseinanderdriften. Mag also sein, dass das neue Sozialwort den Fliehkräften ein zentripetales Moment entgegensetzen sollte. Als Versuch ehrenwert, hätte er dennoch wenn nicht als gescheitert zu gelten, so doch als Dämpfer der Hoffnung auf ein (wieder) engeres Miteinander. Festhalten müssen die Kirchen gleichwohl daran. Denn in Deutschland gilt für sie in Abwandlung ein berühmtes Wort Karl Rahners: Ihre Zukunft wird ökumenisch sein, oder sie wird nicht sein.

Joachim Frank

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