Der Faktor Mensch

Das Gemeindekonzept allein reicht nicht aus
Bei allem notwendigen Nachdenken über Finanzen, Strukturen und Konzepte darf der entscheidende Faktor einer Gemeinde nicht vergessen werden.

Gemeinden brauchen ein Konzept, im besten Falle um zu wachsen, in vielen Fällen, um angesichts sinkender Mitgliederzahlen ihre Arbeit bestmöglich zu organisieren. Die Texte des Schwerpunktes in diesem Monat geben diesbezüglich wertvolle Anregung. Doch es gibt Erfahrungen, die deutlich machen, dass das Konzept allein nicht ausreicht.

Da ist das Paar mittleren Alters, das neu in eine Kirchengemeinde gezogen ist und sich nun zum ersten Mal in deren Gottesdienst aufmacht. Beim anschließenden Kirchencafé soll es darum gehen, erste Kontakte zu knüpfen. Tatsächlich werden sie angesprochen, doch immer wieder wird nur die gleiche Frage gestellt: Ob sie einen Stuhl an ihrem Tisch entbehren könnten? Die Runde von offensichtlich gestandenen Gemeindemitgliedern am Nachbartisch wird immer größer und lebendiger, die beiden Erstbesucher bleiben allein an ihrem Tisch sitzen. Irgendwann ziehen sie frustriert von dannen und haben seitdem keinen Fuß mehr in das Gemeindehaus gesetzt.

Ein zweites Beispiel: Eine Mitvierzigerin geht in den Gottesdienst ihrer Gemeinde, in der sie zwar eher selten den Gottesdienst besucht, wohl aber bereits seit zwei Jahren im Kirchenchor mitsingt, so auch Gottesdienste mitgestaltet hat, und ihre jüngste Tochter vor einigen Wochen von einem der Pfarrer hat taufen lassen. Der andere, mit dem sie durchaus schon ein paar Worte gewechselt hatte, wenn sie den älteren Sohn vom kirchlichen Kinderchor abholte, leitet heute den Gottesdienst, geht vor Beginn durch die Kirchenbänke und begrüßt die etwa zwanzig Besucher mit Handschlag und freundlichen Worten. Schöne Geste, die bei der Besucherin jedoch fatal ins Gegenteil umschlägt, als der Pfarrer sie fragt: "Sind Sie neu hier?"

Menschliche Schwächen

Natürlich: Einzelfälle, menschliche Schwächen, die stets zu verzeihen sind. Ein Pfarrer muss nicht alle Menschen kennen, die sich im Dunstkreis der Gemeinde bewegen. Und es gab bestimmt einen guten Grund, warum sich die Gemeindemitglieder an jenem Sonntag unbedingt im Kirchencafé zusammensetzen mussten. Doch jeder kennt solche Erfahrungsberichte, die den Eindruck stärken, dass in vielen Gemeinden die Mitglieder sich selbst genügen und Fremde lieber distanziert betrachten als sie freundlich anzusprechen. Weil die bestehende Arbeit ja schon so schwer zu organisieren ist. Vielleicht auch, weil es dem ein oder anderen Ehrenamtlichen in der Gemeinde schwerfällt, Unbekannte anzusprechen.

Aber ein freundliches Lächeln kann jeder verschenken, den Rest kann man lernen (zum Beispiel in Mitarbeiterschulungen der Gemeinde), und für einen Gemeindepfarrer gehört das zum Handwerkszeug. Man kann aber auch ein Umfeld schaffen, in dem eine solche Kontaktaufnahme leichter fällt. Es gibt Kirchengemeinden, die laden regelmäßig alle neuen Mitglieder zum Spaziergang durch das Viertel ein oder stehen mit einem Infostand beim Stadtteilfest oder auf dem Wochenmarkt.

Das ist kein überzogener missionarischer Eifer, der sich in der Tat zuweilen übergriffig zeigt und die zu rettende Seele oft wichtiger nimmt, als den Menschen darum herum. Es geht vielmehr darum, bei allem notwendigen Nachdenken über Finanzen, Strukturen und Konzepte den entscheidenden Faktor einer Gemeinde nicht zu vergessen: den Menschen, der in ihr wohnt.

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Stephan Kosch

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