Kabbalisten

Godspeed You! Black Emperor
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Geschrubbte Gitarrenakkorde knüpfen Teppiche zur folgenden Reise. Tibetanisches Tasten mit überstandenen Störgeräuschen - Filmmusik, die in uns Bilder findet...

Wer sich je fragte, ob Postrock eine Zukunft haben werde, wird sich nach dem Anhören des neuen Godspeed-You!-Black-Emperor-Albums sagen, dass Postrock schon immer Zukunft war - und eine wohltuend steile Nische neben all den breiten Wegen des Eingängigen.

Zur Erinnerung: Postrock geht mit Rockmitteln wie Gitarre, Schlagzeug, Bass den Weg in größere Strukturen, der oft ins Orchestrale führt. Aber Rock bleibt, bloß eben diesseits von Mackertum, Zweiminutendreißig-Korsett und selbstverliebter Virtuosität Marke Luftgitarre. Instrumental, die Stimmen stammen allenfalls aus Alltagsfeldaufnahmen, und ohne Berührungsängste zu Jazz, Klassik, Weltmusik - also Botschaften des Regens.

Beschreibungen, die auf Godspeed You! Black Emperor (GY!BE) zutreffen, die selbst aber darauf bestehen, Rock-, nicht Postrockband zu sein, wohl wegen der Punkwurzeln in der Hardcoreszene der USA. Allerdings sind GY!BE mit in der Regel neun Musikern ein genuin kanadisches Phänomen aus Montreal, wo sie seit 1994 immens einflussreich mäandern - mit zahlreichen Nebenprojekten. Sie sind aus dem längst legendären Hotel2Tango heraus, das Treffpunkt, Tonstudio und Konzertplattform ist. Ein linkes Kreativkollektiv, das den in die Verdammnis führenden breiten Weg mit erstaunlichen Klängen verlässt und sie dem Grauen und der Vereinnahmung entgegenstellt.

Sie nehmen sich alle Zeit, die es braucht. "Symphonisch" könnte man es nennen. Sie vertrauen dem einzelnen Ton, schichten Farben - mit Geige, Cello, Glockenspiel, Leierkasten, Dulcimer, Vibraphon, Marimba, Kontrabass und natürlich elektrischen Gitarren. Das dröhnt, schiebt, pfeift, wabert, dampft und hat Ausmaße, so dass das Album mit gerade mal vier Tracks auskommt. Deren Namen sind so kabbalistisch wie GY!BE selbst: Mladic, Their Helicopters Sing, We Drift Like Worried Fire und Strung Like Lights At Thee Printemps Erable. Stimmen, Geigen und sonor tiefes Dudelsackdröhnen eröffnen Mladic, das mit flirrenden Turkpop-Gitarrenfiguren zu orientalischem Taumel wird, und perkussiv wohliger Ermattung am Ende. Es ruft, lockt, schwillt an, schreitet voran. Musikalische Jakobswege außerhalb der Zeit. Wie wir dorthin kamen? Wen schert's. Als ein sich warm spielendes Orchester kommt der nächste Track daher, Bläserbögen streichen darüber, machen Formen sichtbar. Verflüchtigung, Verdichten, Einlassen. Der Flug ist albatrosartig. Geschrubbte Gitarrenakkorde knüpfen Teppiche zur folgenden Reise. Tibetanisches Tasten mit überstandenen Störgeräuschen steht am Ende: Filmmusik, die in uns Bilder findet. GY!BE sind Kabbalisten, mit denen auf Wanderschaft zu sein sich lohnt.

Godspeed You! Black Emperor - Allelujah! Don't Bend! Ascend! Constellation/Cargo 2012, Euro 15,99.

Udo Feist

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