Gewaltfreiheit als einzige Option

Die evangelische Friedensethik muss neu geordnet werden. Ein Impuls aus Baden
Foto: privat
Krieg wird zum global einsetzbaren Mittel von Interessenpoliltik. Rechtserhaltende Gewalt, die die EKD in einer Denkschrift von 2007 für legitim erklärte, zerstört zunehmend die völkerrechtliche Ordnung und produziert ausufernde Gewalt.

Demnächst werden die deutschen Soldaten Afghanistan verlassen. Bald wird es sich herumgesprochen haben, dass ihre "Gefallenen" wieder einmal einen sinnlosen Tod gestorben sind. Zwölf Jahre haben sie vergeblich versucht, im Chaos Ordnung zu schaffen. Vor kurzem hatte der Bischof von Fulda und Präsident von Pax Christi die Bundesregierung ermutigt, "das Scheitern des Militäreinsatzes zu bekennen und auf den Weg der zivilen Konfliktlösung zu vertrauen".

Seit zwei Jahren werfen die USA aus dem Glashaus von Guantanamo mit Steinen nach dem syrischen Diktator Assad. Der syrische Bürgerprotest gegen ein repressives Regime ist längst zum Stellvertreterkrieg mutiert. Die USA und ihre Verbündeten auf der einen, Russland und der Iran auf der anderen Seite kämpfen um geopolitische Positionen. Inzwischen sind zahlreiche Al-Qaida-nahe Kämpfer nach Syrien eingesickert, um dort ihren Gottesstaat zu errichten. Die in der Region einschlägig vorbelasteten ehemaligen Kolonialmächte Frankreich und Großbritannien beliefern mit den USA die Aufständischen mit Waffen. Auch Deutschland ist mit von der Partie: Die deutsche Rüstungswirtschaft hat die Region mit Kriegsmaterial vollgestopft.

Das alles ist erst der Anfang! Die Kriegstrommeln für einen Waffengang mit dem Iran werden schon lange gerührt. Für amerikanische Militärplaner ist die US-Armee "Systemadministrator der Globalisierung". Die gesamte geopolitische Konfliktdynamik wird angetrieben vom Run auf die letzte Tonne fossilen Brennstoffs, bei dem ein Showdown der Atommächte USA, China und Russland vorprogrammiert ist.

In ihrer Denkschrift von 2007 hatte die EKD friedensethisch die "vorrangige Option" für gewaltfreie Konfliktregulierungen und Prävention vertreten, als "ultima ratio" aber den Einsatz "rechtserhaltender Gewalt" für legitim erklärt. Im Widerspruch zu den hehren Prinzipien hat die Politik selbstverständlich, was finanzielle Ausstattung und institutionelle Planung anbelangt, der militärischen Option immer den Vorrang eingeräumt. Und jetzt zeigt sich überdeutlich: Die ethische Einhegung der Gewalt funktioniert nicht. Der Krieg wird wieder zum global einsetzbaren Mittel von Interessenpolitik.

Rechtserhaltende Gewalt produziert ausufernde Gewalt

"Rechtserhaltende Gewalt" zerstört zunehmend die völkerrechtliche Ordnung und produziert ausufernde Gewalt. Zu alldem haben die evangelischen Kirchen geschwiegen. "Speak truth to power!", die Macht mit der Wahrheit konfrontieren, die sie nicht hören kann oder will, ist ein alter friedensethischer Grundsatz der Quäker; eigentlich hätte er auch den deutschen Kirchen nach einer langen - offiziell beklagten - Geschichte der Anpassung an die Macht gut zu Gesicht gestanden.

Wo bleibt das Positive? 24 von 26 Bezirkssynoden der badischen Landeskirche haben ein "Positionspapier zur Neuordnung evangelischer Friedensethik" diskutiert. Dieser Text problematisiert die vorgeschobenen humanitären Begründungen der Kriegseinsätze, die das Eigeninteresse an Machtprojektion und Zugriff auf Ressourcen kaschieren. Die ganze Landeskirche wurde mit der Frage konfrontiert, ob nicht jetzt statt der vorrangigen "aus christlicher Sicht für die Gewaltfreiheit als einzige Option eingetreten werden müsste". Ihre Methoden seien erwiesenermaßen wirksamer, als die öffentliche Meinung wahrnimmt. Allenfalls der Einsatz für die Schaffung echter internationaler Polizeitruppen wäre noch mitzutragen.

In den Diskussionen spielen der Anstoß der Bergpredigt, aber auch die großen ökumenischen Konferenzen, von Amsterdam (1948) bis Kingston/Jamaika (2011) eine Rolle. Ein Studientag der Landessynode hat sich mit den Ergebnissen des bisherigen Diskussionsprozesses beschäftigt, im Herbst werden Beschlüsse zur Sache gefasst. Es gibt Widerstände. Schafft man den Sprung weg vom gewohnten, wenngleich immer wieder furchtbar enttäuschten, zudem angesichts moderner Waffentechnik immer riskanteren Vertrauen auf Militär gestützte Sicherheit? Lässt man sich überzeugen, dass die Methoden der gewaltfreien Konfliktregelung, bisher nie mit vergleichbarer Intensität entwickelt, ausreichende Grundlage einer alternativen Sicherheitspolitik sein können? Nun, wer hofft, dass am Ende die badische Landeskirche sich entschließt, konsequenter Kirche des Friedens zu sein, und ein entsprechender Impuls in die EKD hineinwirkt, hofft immer noch auf ein Wunder. Das Evangelium macht Mut zu solcher Hoffnung - die übrigens auch die politische Vernunft auf ihrer Seite hat: Die Ressourcen der Menschheit reichen nicht für Schwerter und Pflugscharen. Wer Pflugscharen so nutzen will, dass alle satt werden, wird aktiv auf die Schwerter verzichten müssen.

Dr. Wilhelm Wille ist Pfarrer im Ruhestand und Mitglied im Leitungskreis des "Forum Friedensethik in der Evangelischen Landeskirche in Baden".

Wilhelm Wille

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