"Pfad der Zerstörung"

Die weißen Evangelikalen tun sich mit Präsident Barack Obama schwer
Der frühere Baptistenpfarrer und Gouverneur von Arkansas Michael Huckabee (rechts) ist ein führender evangelikaler Republikaner. Foto: dpa/Erik S. Lesser
Der frühere Baptistenpfarrer und Gouverneur von Arkansas Michael Huckabee (rechts) ist ein führender evangelikaler Republikaner. Foto: dpa/Erik S. Lesser
Die Vorherrschaft weißer Protestanten geht in den USA zu Ende. Und das könnte auch den Einfluss der bisher einflussreichen Evangelikalen schwächen. Wie sie auf die neue Lage reagieren, schildert Konrad Ege, Korrespondent in Washington.

Vor mehr als dreißig Jahren räumte der Evangelist Billy Graham ein, er habe wohl manchmal das „Reich Gottes mit dem amerikanischen Lebensstil verwech­selt“, und das sei ein Fehler gewesen: Denn „Gott ist nicht dasselbe wie Amerika“. Noch heute haben US-Evangelikale gele­gentlich Probleme, Politik und die Verkün­digung des Evangeliums zu unterscheiden. Offenbar sind weltlicher Einfluss und die Präsenz auf den Bildschirmen zu verlo­ckend, selbst wenn man sich dabei ganz schön vertun kann.

Nach der Wiederwahl von Präsident Barack Obama müssten sich die Evange­likalen neu positionieren. Dies geschieht auch, ist aber gar nicht so einfach zu be­werkstelligen.

Der Christlichen Rechten, eine auf die Siebzigerjahre zurückgehenden evange­likalen Bewegung, die sich der Verteidi­gung vermeintlich traditioneller Werte verschrieben hat, ist schon oft das Ende prophezeit worden. Das begann bereits mit der Auflösung der „Moralischen Mehrheit“ des Predigers Jerry Falwell und der gescheiterten Präsidentschafts­kandidatur seines Kollegen Pat Robert­son Ende der Achtzigerjahre. Doch nun sieht es für die US-Evangelikalen wirklich schlecht aus. Der alten Füh­rungsriege fehlen neue Ideen, und junge Evangelikale haben offenbar nicht mehr so viel Lust auf Kulturkampf. Es gebe im­mer mehr Evangelikale, die sich vom kon­servativen Spektrum entfernten, stellt die New Yorker Universitätsprofessorin Marcia Pally fest, eine der Religionsex­pertinnen und -experten, die sich mit den Veränderungen befassen.

Schlafender Gigant

Die Christliche Rechte war der Ver­such, aus einer Bevölkerungsschicht, die eine konservative soziale und reli­giöse Einstellung verband, eine poli­tische Bewegung zu schaffen. Gründer Falwell nannte seine 1979 ins Leben gerufene „Moralische Mehrheit“ ein „Experiment“. Der Prediger, der in den Sechzigerjahren noch verkündet hatte, „Pastoren sind nicht dazu berufen, Poli­tiker zu sein, sondern Gewinner von See­len“, kam in den Siebzigerjahren zu dem Schluss, in den USA existiere eine christ­liche Mehrheit, die bei der Modernisie­rung der Gesellschaft unter die Räder zu kommen drohe. In den landwirtschaftlich geprägten Südstaaten, dem so genann­ten Bibelgürtel, wo auch Falwell lebte, hielt die Industrialisierung Einzug, und mit wachsendem Wohlstand wünschten sich die Bürger dort auch mehr politische Macht.

Die Strategen der Republikanischen Partei erkannten rasch, dass Millionen evangelikaler Christen, die sich aus der weltlichen, vermeintlich sündhaften Po­litik herausgehalten hatten, ein „schla­fender Gigant“ waren. Politiker von Ronald Reagan bis George W. Bush machten sich eine Rhetorik zu eigen, die gegen eine die Gesellschaft gefährdende sexuelle Unmoral, Abtreibung, Homose­xualität und Pornografie antrat. So wur­den die weißen Evangelikalen zum ver­lässlichsten Wählerreservoir. Wer wohl wen ausnutzte? Während Evangelikale ihre Institutionen aufbauten und in der Republikanischen Partei lautstark präsent waren, hielt sich das Engagement führen­der Republikaner für die „christlichen Themen“ eher in Grenzen, zumal sich die Gesellschaft in Richtung mehr Freizü­gigkeit bewegte. Heute befürwortet mehr als die Hälfte der Amerikaner die gesetz­liche Anerkennung gleichgeschlechtli­cher Ehen, und im Kongress sitzen sieben offen lebende Schwule und Lesben.

Aus konservativer Sicht war die Wahl im November 2012 eine Katastrophe. Sie habe die usa auf einem „Pfad der Zerstö­rung“ geschickt, klagt Franklin Graham, Sohn des 94-jährigen Billy Graham und dessen Nachfolger als Chef der „Billy-Graham-Evangelisations-Vereinigung“. Und Robert Jeffress, Pastor einer Mega­kirche, der First Baptist Church in Dallas erklärte, Präsident Obama eröffne dem „Antichrist“ Tür und Tor.

Ende der Vorherrschaft

Die seit der Gründung der USA be­stehende politische Vorherrschaft wei­ßer Christen ist zu Ende gegangen. So wurde Obama mithilfe einer Koalition aus Minderheiten und nicht kirchlich gebundenen Bürgerinnen und Bürgern gewählt. 79 Prozent derer, die den Re­publikaner Mitt Romney wählten, waren dagegen weiße Christen, davon die Hälf­te Evangelikale.

Albert Mohler, Rektor der Theo­logischen Hochschule der Südlichen Baptisten, die die Pastoren der größten und sehr konservativen evangelischen Kirche der USA ausbildet, räumte ein, das Problem sei nicht gewesen, „dass un­sere Botschaften gegen Abtreibung und gleichgeschlechtliche Ehe nicht an die Öffentlichkeit gelangt sind“, sondern dass sich vielmehr „die gesamte mora­lische Landschaft verändert“ habe. „Das zunehmend säkulare Amerika versteht zwar unsere Positionen, aber es lehnt sie ab.“

Wahlkampf machten Republikaner und Tea-Party aber nicht allein mit mora­lischen Fragen, sondern mit dem Kampf gegen „Big Government“, höhere Steu­ern, Sozialprogramme, Klimaschutz und strengere Waffengesetze.

Führende evangelikal geprägte Ver­bände, wie der Family Research Council, die American Family Association, die Faith and Freedom Coalition und American Va­lues unterstützten die Kampagne gegen eine starke amerikanische Bundesregie­rung.

Auch schwarze Protestanten

Spricht man in den Vereinigten Staa­ten im politischen Kontext von „den Evangelikalen“, meint man freilich nur die weißen. Dabei sind auch die meisten schwarzen Protestanten dem evangelika­len Spektrum zuzurechnen. Allerdings bewegen sie sich politisch und gesell­schaftlich in eine ganz andere Richtung. Zwar lehnen auch afroamerikanische Evangelikale Abtreibung und gleichge­schlechtliche Ehen weitgehend ab, aber sie sind Fürsprecher der Marginalisier­ten, kämpfen für soziale Gerechtigkeit und gegen Rassismus. Unter Schwarzen ist die Armutsrate etwa dreimal so hoch wie die unter Weißen. Und Afro-Ameri­kaner wissen aus der modernen Geschich­te der USA und ihrer eigenen Erfahrung: Ohne „Big Government“, einer starken Bundesregierung in Washington, wären die Bürgerrechts-und Antidiskriminie­rungsgesetze nie Wirklichkeit geworden.

Insbesondere hängen den konser­vativen Evangelikalen ihre Ursprünge samt Schwerpunkt im Süden der USA nach: Die Christliche Rechte entstand auch als weiße, gegen die Rassenintegration gerichtete Bewegung, und viele evange­likale Schulen öffneten ihre Türen den Schwarzen erst in den Sechzigerjahren, als die staatlichen Schulen integriert wurden. Und der politische Bundesge­nosse der weißen Evangelikalen ist die republikanische Partei, deren Mitglieder zu rund 90 Prozent weiß sind.

Die Republikaner zeichnen sich über­dies durch eine einwanderungsfeind­liche Politik aus, wobei Einwanderer aus Lateinamerika, mit und ohne Papiere, doch die am schnellsten wachsende Be­völkerungsgruppe der usa stellen. Jetzt scheint eine Liberalisierung des Einwan­derungsrechts, die von führenden Vertre­tern evangelikaler Verbände unterstützt wird, doch möglich.

In ihrem Buch The New Evangelicals zeigt Professorin Pally, dass soziale Ge­rechtigkeit und Klimaschutz von evange­likalen Kirchen zunehmend aufgegriffen werden. Außerdem stünden junge Evan­gelikale der gleichgeschlechtlichen Ehe toleranter gegenüber und befürworteten eher Regierungsprogramme gegen Ar­mut wie auch Obamas Gesundheitsre­form.

Der Moderne anpassen

Doch wie tief die Veränderungen im evangelikalen Lager reichen, ist schwer auszumachen. Besonders schwer haben es die konservativen Evangelikalen wohl mit jungen Frauen. Die landesweit bekannten Sprecher der Evangelikalen sind überwie­gend Männer, die noch an gesellschaft­lichen Modellen festhalten, die vielen Frauen als nicht mehr zeitgemäß erschei­nen, besonders dann, wenn konservative christliche Gruppen auch noch gerichtlich sicherstellen wollen, dass Arbeitgeber bei ihren Belegschaften Krankenversiche­rungsleistungen für die Pille aus „Gewis­sensgründen“ ausschließen dürfen.

Der Kulturkampf um moralische Werte wird sicher nicht aufhö­ren, noch wird die Christliche Rechte verschwinden, denn ihre Organisati­onen und Medien sind zu mächtig, und nach wie vor fühlen sich viele Millionen Amerikaner durch den konservativen Evangelikalismus repräsentiert. Manche Kirchen und Verbände dürften sich aber von nun an bemühen, ihre Botschaft der Moderne anzupassen, auch wenn dies manchen Evangelikalen noch immer unvorstellbar scheint. Ohnehin ist eine gewisse Modernisierungstendenz schon seit langem zu verzeichnen. Noch ein paar Jahrzehnte zuvor galt die Eheschei­dung unter Evangelikalen als unannehm­bar. Heute gehört sie zum Alltag.

So bizarr es vielen Konservativen auch erscheinen mag, dass Präsident Obama noch einmal regiert, es beflügelt doch viele, die am Alten festhalten wol­len, denn nichts motiviert schließlich so sehr wie ein starker Gegner.

Konrad Ege

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