Die Kurve gekriegt

Die Lehre des Ersten Vaticanum vom Primat des Papstes bestimmte auch das Zweite Vaticanum
Die Tiara, die Papstkrone, wird nicht mehr getragen. Foto: akg-images
Die Tiara, die Papstkrone, wird nicht mehr getragen. Foto: akg-images
Welche Impulse vom Zweiten Vatikanischen Konzil für die Ökumene ausgingen, schildert Joachim Frank. Der Kölner Journalist, der sein Theologiestudium an der Päpstlichen Gregoriana-Universität mit dem Lizentiat abschloss, skizziert auch, wie ein reformiertes Papstamt aussehen könnte.

Auf "Ökumene" setzte das Zweite Vaticanum schon im Namen. Doch nur die wenigsten der 2540 stimmberechtigten Konzilsväter dürften die Einheit der Christen als wesentliches Ziel vor Augen gehabt haben, als sie am 11. Oktober 1962 feierlich in den zur Aula umgestalteten Petersdom einzogen. Denn "ökumenisch" hießen seit jeher die Versammlungen, zu denen Rom alle Bischöfe rief - freilich nur die eigenen.

Bei Papst Johannes XXIII. liegt der Fall anders. Zwar steht dahin, was ihm in dem Moment durch den Kopf ging, als er sich auf der traditionellen Sänfte, der "Sedia gestatoria", über den Petersplatz tragen ließ, um sich am Portal des Petersdoms in die Prozession der Bischöfe zur Eröffnung des Zweiten Vatikanischen Konzils einzureihen. Bekannt ist freilich, was er mit der Kirchenversammlung im Sinn hatte. In verschiedenen Texten hatte Johannes XXIII. seine Absichten formuliert: Das Konzil sollte zu einem "aggiornamento" führen, einer "Verheutigung", freier und eleganter übersetzt: einer zeitgemäßen Gestalt der Kirche. Das Konzil sollte die "Zeichen der Zeit" lesen und den "Unheilspropheten" in den eigenen Reihen eine positive Lektüre der Weltverhältnisse entgegenstellen. Und das Konzil sollte, wie der Papst schon in der Einberufungsbulle vom 25. Januar 1959 betont hatte, der Einheit der Christen dienen und ein "Gastmahl der Brüderlichkeit" werden.

Sprung vorwärts

Erstmals in der Konzilsgeschichte waren Vertreter anderer Konfessionen als Beobachter eingeladen. Sie saßen mit in der Konzilsaula und konnten ihre Sicht bei der Erarbeitung der Dokumente einbringen. Zeitzeugen und Historiker werden nicht müde, zu betonen, dass allein diese ökumenische Präsenz die Stimmung auf dem Konzil veränderte. Darüber hinaus hätten sich die Vertreter der von Rom getrennten Kirchen "bis an die Grenzen ihrer institutionellen und protokollarischen Möglichkeiten eingemischt und tatsächlich insoweit das Konzil auch zu ihrer Sache gemacht", berichtet der Konzilsexperte Otto Hermann Pesch. Im Streit über Inhalte und Formulierungen der Konzilstexte wurde das Änderungsmotiv "aus ökumenischen Gründen" zu einem feststehenden Topos.

An solche atmosphärische und verfahrenstechnische Details zu erinnern, ist umso wichtiger, als das Konzil heute vor allem durch seine Beschlüsse wahrgenommen wird: 16 Konstitutionen, Dekrete und Erklärungen. Im Kampf um die Deutungshoheit pochen die einen auf die Texte, den Buchstaben, die anderen auf den Geist des Konzils. Doch beides lässt sich nicht voneinander trennen. Die vom Papst vorgegebene und von den Konzilsvätern selbstbewusst aufgenommene Grundintuition eines "Sprungs vorwärts" ist der hermeneutische Schlüssel für das Verständnis der Texte, die ihrem Genre gemäß oft Kompromisscharakter haben.

So nimmt die Lehre des Ersten Vaticanum vom Primat des Papstes, die ökumenisch wohl sperrigste Selbstbestimmung der römischen Kirche, auch im Nachfolgekonzil einen zentralen Ort ein, besonders in der Konstitution "Lumen Gentium" über die Kirche und ihre Verfassung. Auf diesen Textbefund können sich die Verteidiger der päpstlichen Autorität berufen. Doch schon 1966 bedauerte der Konzilsberater und -interpret Karl Rahner, der Text habe die traditionelle Lehre "in allzu ängstlicher Wiederholung zu oft eingeschärft". Es sollten auch die konservativen Konzilsväter den Aussagen über die Autorität des Bischofskollegiums und das Prinzip der Kollegialität zustimmen (können). Schließlich handelte es sich bei den Ergänzungen und Fortschreibungen des Konzils nach Rahner um eine "so explizit vom außerordentlichen Lehramt noch nicht vorgetragene Lehre". Unbekümmert formuliert: um etwas Neues.

Legitimität bezweifelt

Weil sich das aber partout nicht mit einem bestimmten Verständnis von Dogmengeschichte und einer sich geschlossenen Tradition verträgt, fügte Rahner eilends hinzu, der Inhalt der Lehre vom Bischofskollegium gehe "nirgends wirklich über die traditionelle Lehre hinaus". Man hört fast, wie der Autor beim Verfassen eines solchen Satzes erleichtert aufatmet und murmelt: Puh, gerade noch die Kurve gekriegt!

Was sich womöglich schrullig-katholisch ausnimmt, hat ökumenisch ernstzunehmende Hintergründe und Folgen - bis in aktuelle Diskussionen. So bestreiten die reaktionären Piusbrüder Autorität und Legitimität des Zweiten Vaticanum, weil es in seinen Lehren, etwa zur Religions- und Gewissensfreiheit oder zur Ökumene, unerlaubt mit der Überlieferung der Kirche gebrochen habe. Darauf reagierend, betont wiederum Papst Benedikt XVI., das Konzil stehe voll in der Kontinuität mit der Tradition.

Freilich wird man kaum umhin kommen (wollen), bestimmte Lehraussagen des Konzils als Reform, Neubestimmung früherer Positionen zu werten. So hatte es Johannes XXIII. beabsichtigt, und das schlug sich zum Beispiel auch in der Kirchenkonstitution nieder. Deren Einleitung hält fest, das Konzil wolle das Wesen der Kirche und ihre Sendung "eingehender" erklären. Der Komparativ wäre unnötig, wäre in der Vergangenheit schon alles optimal gesagt und erklärt worden.

Kopernikanische Wende

Otto Hermann Pesch erinnert daran, dass Papst Gregor XVI. (1831 bis 1846) die Religions- und Gewissensfreiheit als "deliramentum", Wahnvorstellung, verurteilt hatte. An diesem Punkt habe das Zweite Vaticanum zweifellos eine "kopernikanische Wende" vollzogen - zum Guten und Wahren wohlgemerkt.

Ähnliches gilt für die Ökumene. Das Konzil räumt mit der Vorstellung auf, die Einheit der Christen sei nur als Rückkehr der von Rom getrennten Gemeinschaften unter das Kirchendach der "Una Sancta" vorstellbar, wo sie am Eingang von Papst und Bischöfen in einer Art geistlicher Leibesvisitation auf ihre Rechtgläubigkeit geprüft werden. Noch 1950 hatte das Heilige Offizium, Vorgängerin der heutigen Glaubenskongregation, vor der Vorstellung gewarnt, die getrennten Christen könnten "der Kirche (sic!) mit der Rückkehr zu ihr etwas Wesentliches bringen, dessen sie bis dahin entbehrte".

Wie wohltuend hebt sich davon das Konzilsdekret "Unitatis Redintegratio" ab. Und wie fortschrittlich im besten Sinne ist die im Geist des Konzils verfasste Ökumene-Enzyklika "Ut unum sint" Papst Johannes Pauls II. von 1995. Darin heißt es, in den getrennten Kirchen träten "gewisse Aspekte des christlichen Geheimnisses bisweilen sogar wirkungsvoller zutage" als in der römisch-katholischen Kirche, so dass diese von jenen auch bereichert werden könne.

Sack voll Wahrheiten

Selbstkritische Reflexion, das Wissen um notwendige Reinigung und Erneuerung - getreu dem Motto "ecclesia semper reformanda" - markieren die Geisteshaltung des Zweiten Vatikanischen Konzils. Kardinal Karl Lehmann, der zur Zeit des Konzils als Priesteramtskandidat im Germanicum in Rom lebte und studierte, ist dafür ein authentischer und beredter Zeuge. Welche Erneuerung sich auf dem Konzil vollzog, illustriert er mit einer kleinen Episode aus dem Oktober 1962.

Auf einer Zugfahrt von Rom nach Deutschland war Lehmann zufällig dem niederländischen Jesuiten Sebastian Tromp begegnet. Der "Hoftheologe Pius XII." war an der Erarbeitung von Vorlagen für das Konzil beteiligt. "Er konnte sich nichts anderes vorstellen", erinnert sich Lehmann, als dass die Vorlagen innerhalb weniger Wochen so akzeptiert werden würden, schließlich sei das theologische Lehrgebäude der katholischen Kirche so gut wie vollkommen. Im Grunde fehle nur noch ein großes Thema: dass nämlich die Menschheit von einem einzigen Menschenpaar, Adam und Eva, abstamme. "Als ich etwas ungläubig reagierte, sagte Tromp mir nur noch: 'Die Kirche hat einen Sack voll Wahrheiten, der ist immer gleich, und dann schüttelt man ihn gelegentlich, und so kommt mal das eine, mal das andere oben zu liegen.'" Und so werde es auch beim Zweiten Vatikanischen Konzil sein. "Man kann sich vorstellen", schließt Lehmann, "welch ungeheure Katastrophe es für so verdienstvolle Leute wie Tromp war, dass alles völlig anders kam."

Alles? Das scheint etwas zu optimistisch formuliert. Zumindest lassen die fünf Jahrzehnte seit dem Zweiten Vaticanum noch Luft nach oben: So ist es mit der Einheit der Kirchen nicht entscheidend vorangegangen. Und "das größte Hindernis auf dem Weg zur Ökumene", so hatte Paul VI. schon 1967 eingestanden, ist der Papst selbst.

Ökumenisch oder gar nicht

Das sollte den Inhaber eines Amtes nicht ruhen lassen, das nach römisch-katholischem Verständnis "Garant der Einheit" ist. Er sollte sich nicht mit der "grundlegenden Einheit" im Glauben an den dreifaltigen Gott zufrieden geben und dem, "was er uns an Einheit erhalten hat und immer neu schenkt". Diese Position vertrat Papst Benedikt XVI. im vergangenen Jahr bei der ökumenischen Begegnung in Erfurt.

Unmittelbar nach seiner Wahl vor sieben Jahren hatte der neue Papst in ersten Ansprachen ökumenische Verve erkennen lassen. Aber in der Praxis deutet seither wenig darauf hin, dass Benedikt die Aufforderung seines Vorgängers an die "kirchlichen Verantwortlichen und die Theologen" erneuern oder gar intensivieren will, "eine Form der Primatsausübung zu finden, die zwar keineswegs auf das Wesentliche ihrer Sendung verzichtet, sich aber einer neuen Situation öffnet" (Ut unum sint, Nr. 95).

Nicht zufällig erinnert diese programmatische Vorgabe an Intention und Verfahren des Zweiten Vaticanum. Wenn dessen Anspruch, die "Zeichen der Zeit" zu lesen und zu verstehen, auch seine Erben bindet, dann wird eines zwingend deutlich: In einer pluralen Welt kann die Zukunft des Christentums nicht in der Uniformität liegen, nicht im Gegensatz und gar im Widerspruch zu säkularen Errungenschaften wie der legitimen Vielfalt von Lebensformen. Nur in der eigenen vorbildlich modellhaft praktizierten Pluralität kann die Kirche Sauerteig der Welt sein. An der "versöhnten Verschiedenheit", dem Ziel der ökumenischen Bewegung, hängt zu einem Gutteil die Glaubwürdigkeit des kirchlichen Zeugnisses. Oder, um es in Abwandlung eines berühmten Wortes von Karl Rahner zu formulieren: Die Kirche der Zukunft wird ökumenisch sein - oder sie wird nicht sein.

Ein Papst für alle?

Ansätze sind längst vorhanden, nicht zuletzt durch einen theologischen Vordenker namens Joseph Ratzinger. Aus dem Verhältnis der orthodoxen Kirche zur römisch-katholischen leitete er 1977 zwei Leitmotive ab. Erstens: Bis ins 11. Jahrhundert bestand zwischen Rom und den Ostkirchen Kirchengemeinschaft, ohne dass letztere einen Lehr- und Jurisdiktionsprimat des Papstes anerkannt hätten. Was aber tausend Jahre praktiziert worden sei, könne heute theologisch nicht unmöglich sein. Zweitens: Die von den Papstdogmen des 19. Jahrhunderts geprägte Kirchenverfassung ist nicht als die einzig mögliche und für alle Christen notwendige anzusehen.

Da die Anerkennung von Unfehlbarkeit und Jurisdiktionsprimat des Papstes speziell durch die Kirchen der Reformation so unwahrscheinlich ist wie die Heiligsprechung Martin Luthers durch Rom, könnte Kircheneinheit hergestellt werden, indem sich die Kirchen - so Ratzinger seinerzeit - in ihrer jeweiligen Gestalt als rechtgläubig und rechtmäßig anerkennen.

Damit aber "Einheit im Glauben nicht aus dem greifbaren gesellschaftlichen Bekenntnis in ein bloßes ideologisches Postulat verflüchtigt" wird (Karl Rahner), bedarf die gesamte Kirche - nicht nur aus römisch-katholischer Sicht - handlungsfähiger, mit Befugnissen ausgestatteter Instanzen. Konkret: Es bedarf des bischöflichen Amtes, wobei über dessen Ausübung auf weltkirchlicher Ebene zu sprechen wäre. Unter dem unmittelbaren Eindruck des 11. September 2001 und der folgenden Kriege in Afghanistan und im Irak stellte der damalige EKD-Ratsvorsitzende Manfred Kock fest, dass der Papst gegenüber der nichtchristlichen Welt faktisch bereits die Funktion eines Sprechers wahrnehme. Zugegeben: Solange dieser "Mr. Christianity" sich wie Johannes Paul II. gegen Gewalt und Krieg als Mittel der Konfliktlösung wendet, dürfte er vielen Christen eher aus dem Herzen sprechen als mit dem Verbot von Kondomen und praktizierter Homosexualität.

Ende des Eurozentrismus

Die Reichweite der päpstlichen Autorität in Fragen der Moral dürfte jedenfalls mindestens so strittig sein wie seine Befugnisse in Fragen der christlichen Lehre. Aber das ist - ehrlich betrachtet - innerhalb der römisch-katholischen Kirche schon heute so. Am Beginn des Zweiten Vaticanum stand die katholische Kirche offenkundig an einem Wendepunkt. Pius XII. war in Person und Amtsführung die Apotheose einer monarchischen Kirche: selbstgenügsam, selbstherrlich und zugleich geschichtsvergessen, gewissermaßen aus der Zeit gefallen. Mit Johannes XXIII. und dem Konzil kam, so unerwartet wie notwendig, der Pendelschlag - ein wahrhaft geistesgegenwärtiges Geschehen, angesichts der Herausforderungen für die "Kirche in der Welt von heute", wie der Titel der Konzilskonstitution "Gaudium et Spes" lautet.

Fünfzig Jahre später ist Papst Benedikt XVI. in seiner theologischen und kirchenpolitischen Prägung vielleicht der letzte bedeutende Repräsentant einer eurozentrierten Kirche. Sollte der Heilige Geist ähnlich brausend in die postbenediktinische Kirche fahren wie in die Pius-Kirche, könnte er einen Papst zum Zug kommen lassen, für den Internationalität und Multikulturalität in einem viel grundsätzlicheren Sinn loci theologici darstellen als für Benedikt.

Wo aber Vielfalt an die Stelle von Einheitlichkeit tritt, wo der auf das Petrusamt konzentrierte römische Zentralismus multipolarem Denken weicht und einer neuen Bewertung des kollegialen Prinzips, dort bekommt auch das ökumenische Streben nach "Einheit in Verschiedenheit" neuen Schwung. Und der Papst wird dann vom "größten Hindernis auf dem Weg zur Ökumene" zum eifrigsten Wegbereiter derselben und "einzig und allein dem Willen Christi für seine Kirche" verpflichtet (Johannes Paul II.), den das Johannesevangelium so formuliert: "Sie sollen eins sein, damit die Welt glaubt, dass du mich gesandt hast."

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Joachim Frank

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