Wilde Kerle

Acidpop. Manche nennen es Jazz
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Ob lyrisch zarte Suchbewegungen, balladenhaftes Meditieren oder quecksilbrige Hektik und windgepeitschte Sturmfahrt - die drei nehmen uns auf viele Reisen mit.

Neulich, am Rand einer Antifa-Demo (Antifas sind die aktuelle Inkarnation der historischen Linksautonomen): Ein nach Alter und Outfit der gepflegten Hippie-Kultur zuneigender Pfarrer erzählt einem Reporter, er habe sich nun auch den Apps geöffnet. Um nicht den Anschluss an die Lebenswelt seiner zwanzigjährigen Tochter zu verlieren. Ehrenwert und gewitzt, wird doch die Smartphone-Erfahrung auch ihm Vergnügen bereiten. Er hätte der jungen Dame aber gut und gern auch das Album "Acid" vom Zodiac Trio geben dürfen, sozusagen als Näherung von seiner Lebenswelt her, und das Stück "Nachteulen" als dringenden Anspieltipp anempfehlen. Lupenreiner schwerer Metalrock! Von verquastem Jazzgefiepe keine Spur, statt dessen die Jungs als wilde Kerle.

An der Gitarre Andreas Wahl, effektiv wie ein Bulldozer bei der Regenwaldrodung, Bernd Oezsevims Schlagzeug-Batterie häckselt selbst größte Stämme, und John-Dennis Renken als Derwisch bläst dazu die Endzeittrompete, mitunter elektronisch frisiert.

"Wir haben unser Zeug aufgebaut, einen Kaffee getrunken und losgelegt", beschreibt Renken die Arbeitsweise im Studio. Toll. Ein faszinierend eingespieltes Trio, das unter Powerjazz firmiert. Metal ist nur eine ihrer Facetten, und der Pfarrer darf genüßlich an alte Zeiten denken, als etwa "Soft Machine" mit ihrem Jazzrock mitten in der damaligen Poplandschaft Anarchie und Wärme verbanden.

Da lässt das Zodiak Trio erneut schwelgen. Ob lyrisch zarte Suchbewegungen, balladenhaftes Meditieren oder quecksilbrige Hektik und windgepeitschte Sturmfahrt - die drei nehmen uns auf viele Reisen mit, sogar in die Wüste: "April" schreitet erhaben, stolz und berührend wie Paul Bowles' Sahara-Reisebericht Taufe der Einsamkeit.

Im Titeltrack geben sie sich kosmonautisch, jedoch ohne vorherbestimmte Flugbahn. Und überhaupt "Acid": kein Schelm, wer an Drogen denkt, wo das Wort "Acid" im Popzusammenhang auftaucht. Hier jedoch ist es irreführend.

Das neue Zodiak Trio-Album arbeitet metallurgisch, so wie Künstler Stahlplatten mit Säure präparieren und dickes nasses Papier darauf legen, das sich über die Zeit wellt und der Erosion unvorhergesehene Muster entlockt. Landschaften werden erreichbar, die es vorher gar nicht gab. Schöpferische Augenblicke, die Zufall vor den Pflug des Schaffens spannen, eben Kunst: zugleich sinnlich und Neverland. Das alte Spiel von Improvisation und Rahmung, Materialität und Veränderung. Acidpop. Manche nennen es Jazz.

Zodiak Trio: Acid. (Traumton/Indigo 2012)

Udo Feist

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