Kainszeichen und Sündenstolz

Ethische Verantwortung angesichts belastender Schuldgeschichte
Eine Bundeswehr-ISAF-Schutztruppe auf Patrouillenfahrt in einem Dorf bei Kunduz, Foto: epd/Stefan Trappe Afghanistan, 2008.
Eine Bundeswehr-ISAF-Schutztruppe auf Patrouillenfahrt in einem Dorf bei Kunduz, Foto: epd/Stefan Trappe
Jedes ethisch verantwortliche Handeln muss hierzulande das "Kainszeichen auf unsrer Stirn", der ungeheuerlichen Verbrechen am jüdischen Volk in der Zeit des Nationalsozialismus, eingedenk bleiben - ohne sich in einen Sündenstolz zu flüchten, der in verantwortungslosem Nichtstun endet. Klaus Beckmann, evangelischer Militärpfarrer, spitzt diese Aussage auf friedenssichernde Militäreinsätze zu.

An der A 61 empfiehlt ein touristischer Wegweiser den Besuch der Wernerkapelle in Bacharach. Wer in der Geschichte der christlichen Judenfeindschaft ein wenig bewandert ist, hält bei dieser scheinbaren Harmlosigkeit irritiert inne. Denn die einst im Rheinland verbreitete Ritualmordlegende um den auf mysteriöse Weise zu Tode gekommenen Tagelöhner Werner zählt zum Übelsten der mittelalterlichen Volksfrömmigkeit. Christen malträtierten und töteten unter ihrem Eindruck ihre jüdischen Nachbarn; Heinrich Heines Erzählung "Der Rabbi von Bacherach" erinnert daran. Der Volksglaube pflegte die blutrünstig judenfeindliche Legende ausdauernd. Erst 1963, im Zuge des Zweiten Vatikanischen Konzils, untersagte das Bistum Trier die Werner-Verehrung. Eine heute in der Wernerkapelle angebrachte Tafel zitiert den Konzilspapst Johannes XXIII. mit einem Bußgebet: "Wir erkennen, dass ein Kainsmal auf unserer Stirn steht. Im Laufe der Jahrhunderte hat unser Bruder Abel in dem Blute gelegen, das wir vergossen, und er hat Tränen geweint, die wir verursacht haben, weil wir deine Liebe vergaßen." Der theologische Gehalt des Zitats wiegt schwer. In der biblischen Urgeschichte nämlich formuliert der Brudermörder Kain beispielhaft jenen Sündenstolz, der eigene Schuld über Gottes Beziehungstreue stellt. Der über die Abweisung seines Opfers gekränkte Kain vergisst Gottes Liebe nicht nur, bevor er seinen Bruder ermordet. Gravierender noch ist, dass er seine Schuld auch hinterher nicht im Horizont schöpferischer Liebe zu sehen vermag: "Zu schwer ist meine Strafe, als dass ich sie tragen könnte." Kain ist im buchstäblichen Sinn trostlos, legt in narzisstischem Stolz alle Hoffnung ab, setzt seine Verbrecheridentität absolut, gegen die Lebenskraft des Schöpfers.

Alle sind Sünder

Das Kainszeichen markiert Gottes Intervention gegen diese verzweifelte menschliche Selbstherrlichkeit. Auch der schlimmste Sünder bleibt Geschöpf und allein Gottes Gericht unterworfen. Kein Mensch darf an Kain Rache nehmen, Gottes Schutz unterläuft die nach Menschenmaß gerechte Verstoßung. Auf dieser Linie erklärt es das Neue Testament zum Merkmal des Gottvertrauens, der Selbstanklage das letzte Recht zu verweigern: "Daran erkennen wir, dass wir aus der Wahrheit sind, dass, wenn unser Herz uns verdammt, Gott größer ist als unser Herz und erkennt alle Dinge." Martin Luther nennt den für das Evangelium verschlossenen, auf sein Selbstbild, eigene moralische Ansprüche und daraus entstandene Schuldvorwürfe fixierten Menschen "verkrümmt in sich selbst". Ohne die billige Ausrede zu stützen, nachts seien alle Katzen grau, kennzeichnet das Kreuz Jesu alle Menschen als rechtfertigungsbedürftige Sünder. Eine Theologie des Kreuzes stellt - durchaus mit narzisstischem Kränkungspotenzial - jedes ethische Konzept vor die Frage, ob Handeln überhaupt ohne Schuld möglich ist. Schließt nicht das Wahrnehmen von Verantwortung unter den komplexen Bedingungen der Geschichte zwangsläufig Schuld ein - oder zumindest die ständige Bereitschaft, handelnd schuldig zu werden? Gibt es in Fragen der Medizinethik, der Friedens- und Sicherheitspolitik, der Welternährung oder der Energiegewinnung Handlungsalternativen, die klar in Gut oder Schlecht zu trennen sind? Lassen sich persönliche Konflikte in jedem Fall schuldfrei auflösen? Dem Menschenbild der Bibel entspricht weder moralische Schwarz-Weiß-Malerei noch wertfreie Prinzipienlosigkeit, sondern die im Einzelfall mühsame und oft strittige Unterscheidung des relativ Besseren vom Schlechteren. Ethik enthält immer das Moment des "Trotzdem" und setzt die im Kainsmal symbolisierte Beziehungstreue Gottes zum sündigen Menschen voraus. Politiker können unter folgenschweren Abwägungen leiden. Soldaten, die in der Friedenserhaltung dienenden Einsätzen Menschen getötet haben, können in eigenen Schuldvorwürfen gefangen sein und den Lebensmut verlieren.

Selbstsüchtiger Verrat

Der Theologe Dietrich Bonhoeffer war an der Vorbereitung des Hitler-Attentates vom 20. Juli 1944 beteiligt. Die Bereitschaft, handelnd Schuld zu übernehmen, verstand er als praktische Einstimmung in das Evangelium von Gottes Liebe, die im Kreuz alles trägt: "Wer sich in der Verantwortung der Schuld entziehen will, löst sich aus der letzten Wirklichkeit des menschlichen Daseins, löst sich aber auch aus dem erlösenden Geheimnis des sündlosen Schuldtragens Jesu Christi und hat keinen Anteil an der göttlichen Rechtfertigung, die über diesem Ereignis liegt." Nicht schuldig werden und sich aus moralischer Verstrickung heraushalten zu wollen, ist für Bonhoeffer selbstsüchtiger Verrat am christlichen Glauben, dient es doch dem moralischen Egoismus und sucht eigene Gerechtigkeit abseits des Kreuzes Jesu. Die historische Schuld der Christenheit wird vorrangig im gespannten Verhältnis des Westens zum Islam thematisiert. Hier steht das moralisierende christliche Selbstbild als Religion der Liebe auf dem Spiel. So bewerten üblicherweise auch christliche Vertreter die Kreuzzüge, das christlich-mittelalterliche Programm zur Eroberung heiliger Stätten, als den Muslimen angetanes Verbrechen und damit als schwere Schuld. Das damalige westliche Christentum verging sich nicht allein an Muslimen, sondern ebenso an Juden und orthodox-byzantinischen Mitchristen. Doch christlicher Sündenstolz, der die Geschichte der Kreuzzüge als Schuld der eigenen Gruppe absolut setzt, tut den damals Handelnden nicht nur im undifferenzierten Urteil Unrecht. Er beeinträchtigt auch die christliche Ethik der Gegenwart. Denn zu deren wichtigsten Aufgaben gehört es, im Namen des Evangeliums mit Anhängern anderer Religionen über Fragen des Menschenbildes und der Menschenrechte zu streiten. Differenzierte Selbstkritik ist dabei fraglos von Nutzen. Aber nicht hilfreich ist eine historisch verfälschende Selbstherabsetzung, am wenigsten bei Gesprächspartnern, die ihre eigene Tradition unkritisch-verherrlichend ins Feld führen. So existieren in Deutschland mehrere Dutzend Moscheen, die der Eroberung Konstantinopels im Jahr 1453 gewidmet sind - und dies keineswegs im Sinne eines muslimischen Schuldbekenntnisses. Christliche Selbstanklage angesichts der Kreuzzüge befördert da kaum einen historisch gerechten Dialog. Wer gegenüber dem Islam das mittelalterliche Christentum auf Gewaltexzesse reduziert, muss sich fragen lassen, ob er heute nicht im Streit um die Menschenrechte die aufklärerische, vom Christentum geprägte Position schwächt und den Unterdrückten in islamischen Ländern schadet. Die Kirchen haben sich um die bürgerlichen Freiheitsrechte wenig verdient gemacht. Doch sind Aufklärung und moderner Grundrechtekatalog im biblischen Menschenbild verankert und finden nicht zufällig kaum Eingang in nicht biblisch geprägte Kulturen. Zu Recht nennt der Staatsrechtler Paul Kirchhof das biblische Axiom der Gottesebenbildlichkeit des Menschen den "radikalsten Freiheits- und Gleichheitssatz der Rechtsgeschichte". Im säkularen Grundsatz der unverlierbaren Menschenwürde - auch des Verbrechers - bildet sich der Symbolgehalt des Kainszeichens ab. Ein des göttlichen Trostes und Auftrags bewusstes Agieren ist Christen, die im Namen des Evangeliums und nicht im Namen eigener Moral auftreten, auch dort geboten, wo historische Relativierung geschehener Verbrechen nicht möglich ist - wie im Fall des Nationalsozialismus und der überwiegenden Haltung der Kirchen zu ihm. Biografisch berührte jüdische Denker wie Eli Wiesel und Hans Jonas sehen in der Nacht der Shoa die Gottesfrage in letzter Radikalität gestellt. Auch die christliche Theologie sieht sich angesichts der von mehrheitlich christlich sozialisierten Deutschen verübten Menschheitsverbrechen mit der religiös existenziellen Entscheidung konfrontiert, was größer sei: Die eigene Schuld an Auschwitz oder die Gnade des Gottes Israels, den Christen den Vater Jesu nennen. Schwerste Verbrechen dürfen niemals mit religiösen Formeln bagatellisiert werden und erst recht darf sich unterlassene juristische Aufarbeitung nicht auf theologische Richtigkeiten berufen. Dennoch: Wer behaupten wollte, Auschwitz habe den allmächtigen und gnädigen Gott widerlegt und zugleich die deutsche Nation für immer ins Unrecht gesetzt, nähme ein Ewigkeitsurteil vorweg.

Klaus Beckmann

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