Teilhabe für alle

Theologischer Diskurs
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Der Band bietet ein breites Spektrum theoretischer und praktischer Zugänge zu einem ethischen Thema, das alle angeht und schon im Titel ein Ausrufezeichen verdient hätte.

Der Begriff "Inklusion" macht Karriere - spätestens seit der Verabschiedung der UN-Behindertenrechtskonvention 2006, die auch von der Bundesrepublik Deutschland ratifiziert wurde. "Inklusion" bedeutet: Nicht der bislang als defizitär betrachtete Mensch mit einer Behinderung wird in die Gesellschaft integriert, sondern diese muss sich so verändern, dass allen Menschen überall Teilhabe möglich ist. Die Herausgeber des ersten Bandes einer neuen ökumenischen Reihe deuten im Vorwort an, dass diese veränderte Sichtweise einen Paradigmenwechsel eingeleitet hat, der auch für Diakonie und Kirche massive Veränderungen mit sich bringen wird. Die begriffliche Schärfe von Inklusion und Exklusion muss künftig intensiver in den theologischen Diskurs eingebracht werden: Die Beschäftigung mit der von dem Bielefelder Soziologen Niklas Luhmann entwickelten Grundlagentheorie von Inklusion und Exklusion wäre auch für einige der Beiträge in dem Band hilfreich gewesen - etwa um nicht den gleichen Fehler zu machen, wie die Übersetzer der UN-Konvention, die den Begriff der "Inklusion" mit dem der "Integration" vertauschten.

Die erklärte Absicht der Herausgeber ist vor allem, das Handlungsfeld in Diakonie und Caritas mit Menschen mit Behinderungen zu beleuchten. Die unter drei Aspekten gegliederten Beiträge ermöglichen eine Fülle unterschiedlicher Zugänge. Zum einen zu der Frage, wie Behinderung im Wandel der Zeiten verstanden wurde; im Weiteren zur theologischen Reflexion über das Bezugsfeld Behinderung und Inklusion und schließlich mit Blick auf die potenzielle inklusive Praxis und deren Handlungsfelder in Kirche und Diakonie.

Der Pädagoge Georg Theunissen spricht in Bezug auf die UN-Charta von einem "Empowerment-Konzept", durch das die Rechte auf Inklusion, also auf persönliche Wahl und eigene Entscheidung aller endlich in den Vordergrund gerückt werden. Dabei soll jedoch die Selbstbestimmung nicht absolut gesetzt, sondern sozial eingebettet werden, damit die Anderen und die Umwelt nicht aus dem Blick geraten. Nur so ist eine für alle gleichberechtigte Teilhabe zu gewährleisten und Exklusion zu vermeiden. Diese Argumentation ist auch deshalb schlüssig, weil, wie der Menschenrechtsexperte Heiner Bielefeldt in seinem Beitrag hervorhebt, die UN-Konvention den Universalismus der Menschenrechte insgesamt stärkt. Hier kommt eine zentrale theologische Dimension ins Spiel, wenn die Menschenwürde im Sinne von Gottesebenbildlichkeit und Brüderlichkeit als implizite Prämisse betont wird. Sabine Schäper, Expertin für Heilpädagogische Methodik, weist darauf hin, dass mit der UN-Charta ein Schlüssel zur Entfaltung der universalen Menschenrechte in Umlauf gebracht wurde - hier kann Kirche zur selbstkritisch tätigen "Inklusionsagentur" werden.

Exemplarisch werden in weiteren Beiträgen Situationen aus Gottesdienst, Konfirmandenarbeit, Schule und einem Wohnprojekt vorgestellt. Die Analyse des Feldes der weltweiten Entwicklungszusammenarbeit von Gabriele Weigt, Redakteurin der Zeitschrift "Behinderung und internationale Entwicklung", zeigt, dass Armut und Mangelernährung Hauptursachen für langfristige körperliche Beeinträchtigungen und für die Entstehung von Handicaps sind.

"Inklusion" also ist ein Projekt auf Dauer und bedeutet, auf einen grundlegenden globalen Wandel hinzuarbeiten. Der Band bietet ein breites Spektrum theoretischer und praktischer Zugänge zu einem ethischen Thema, das alle angeht und schon im Titel ein Ausrufezeichen verdient hätte.

Johannes Eurich/Andreas Lob-Hüdepohl (Hg.): Inklusive Kirche. Behinderung - Theologie - Kirche. Kohlhammer Verlag Stuttgart 2011, 264 Seiten, Euro 29,90.

Peter Noss

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