Ansichtssache Ansichtskarte

Ein Punktum
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In Zeiten von SMS, Twitter oder Facebook, schreibt nur noch ein harter kartophiler Kern auf bedruckter Pappe. Ich gehöre dazu.

Alle halbe Jahre wieder dasselbe: Die Postkarten mit Urlaubsgrüßen wandern in den Papiermüll. Platz für die Weihnachtspost. Manche hängen ihre Weihnachtsgrüße auf die Leine, quer durchs Zimmer. Andere dekorieren demonstrativ ihren Küchenschrank: Schaut her, so viele Freunde habe ich.

Heute, in Zeiten von SMS, Twitter oder Facebook, schreibt nur noch ein harter kartophiler Kern auf bedruckter Pappe. Mindestens zur Sommer- und Weihnachtssaison. Ich gehöre dazu, ich gesteh's, eifrig beschreibe ich die bunten Bilder. Der schnelle Gruß zum Anfassen und Hinstellen, gekauft oder sogar selbst gebastelt, hat es mir noch immer angetan. Das weiß mittlerweile auch die Dame am Philatelie-Stand der Deutschen Post, die mir oft genug fein säuberlich noch einen Sonderstempel auf meine Sondermarke platziert.

Seit Anno 1870 gibt es Postkarten. Als "Correspondenzkarte" wurde die Mutter aller Mails von der Postverwaltung eingeführt, Gestaltungsfläche bis heute 105 mm mal 148, 5 mm vorn, hinten dazu die Hälfte. Damals noch ganz schmucklos, ohne Bild, ohne zierlich vorgedruckten Gruß. Und doch wurde das kostengünstige Medium für Kurzmitteilungen ein Verkaufshit. Als im Deutsch-Französischen Krieg 1870/71 die Feldpost-Korrespondenzkarte sogar portofrei befördert wurde, kam der Durchbruch. Und das Bild? Als postalisch korrekt wurden Karten mit Ansicht erst Mitte der 1890er-Jahre zugelassen. So gesehen gibt es die heute oft zitierte "Bilderflut" also seit 120 Jahren.

Um die Jahrhundertwende grüßte man von fernen Ausflugszielen, vom Kaiser-Wilhelm-Denkmal, aus Gera, Mülheim an der Ruhr oder Posemuckel. Auf den Karten aus dem Ersten Weltkrieg umarmte gern ein Musterkrieger seine Braut - im Nachhinein mutet deren anhimmelnder Blick geradezu makaber an.

Dann, in den Fünfzigerjahren, die Autoschlangen am Brenner, Teutonengrill an der Adria, oder, schon etwas feiner, Zeugnisse von Flügen in ferne Länder: (noch) einsame Inseln und exotische Basare. Damit ließ sich renommieren.

Heute werden selbst Geburtstagskarten längst vom Rechner gepostet. Und auf elektronischem Wege erreichen uns ständig Informationen wie "Zug verspätet" oder: "Fahre noch zu Oma". Alles in Echtzeit, nach der Devise "Ich teile mich mit, also bin ich."

Der harte Kern aber schreibt Postkarten. 1954 musste die Deutsche Bundespost 920 Millionen Karten bewältigen, die Deutsche Post befördert heute noch 162 Millionen - immerhin zwei Karten pro Kopf. Statistisch reicht's für alle, was Urlaub und Weihnachten angeht.

Kathrin Jütte

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Kathrin Jütte

Kathrin Jütte ist Redakteurin der "zeitzeichen". Ihr besonderes Augenmerk gilt den sozial-diakonischen Themen und der Literatur.


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