Schmerzen

Taumel erregend: Anja Plaschg
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Machen wir uns nichts vor - und freuen uns: Hier kommt frappierend kräftig und intensiv, mitten auf Pop-Terrain, das gute alte Kunstlied zurück.

Wie schade. Gerade mal fünfzehn Jahre ist es her, dass die Schweizerin Judith Sarah Fricke am 7. April 1997 vom Perollesfelsen hundert Meter in die Tiefe der Saaneschlucht sprang. Die 17-Jährige folgte ihrem bei einem Autounfall gestorbenen Freund in den Tod. Zehn Tage später erhielt sie, postum, den Literaturpreis des Kantons Freiburg. Die Juroren ahnten nichts von der Tragödie, denn ihre acht prämierten Texte hatte sie wie verlangt anonym eingereicht, darunter das Gedicht "Der Ort zwischen zwei Welten" mit den Zeilen "Ein langes Stöckchen fliegt hinunter/Lange dreht sich‘s in der Luft".

Erschütternd, tragisch und so viel Vergeudung, wie ein Blick in den Band "Zwischenwelten" zeigt, mit dem der Verleger Ricco Bilger Frickes literarischen Nachlass öffentlich machte. Wie schön, dass der nach wie vor in zweiter Auflage erhältlich ist. Schöner aber wäre es gewesen, sie lebte - für sie und für uns.

Irritierend moribundes Glück, für Fricke wie für uns (ja, ja, - "wir sind wie ein Gras, das am Morgen noch sprosst, blüht und sprosst, und des Abends welkt und verdorrt"/Psalm 90), dass uns jetzt Anja Plaschg begegnet, geboren in Gnas in der Oststeiermark. Unter dem Namen "Soap & Skin" legt die 22-Jährige nach dem Debut "Lovetune for Vacuum" mit "Narrow" ein Werk vor, das ebenso schmerzt wie erhebt. Denn der Zyklus der acht Songs ist einzig und allein dem Tod ihres Vaters gewidmet.

"Vater", der einzige mit deutschem Text, eröffnet ihn - und frappiert bereits als pures Gedicht: "Haltet alle Uhren an/hindert den Hund daran/das Rad anzubellen/Wo immer ich aufschlage, find' ich dich /Du fällst im Schatten der Tage/als Stille und Stich/Ich trink‘ auf dich Dutzende Flaschen Wein/ und will doch viel lieber eine Made sein".

Plaschgs Stimme und Klavierspiel reißen alle Dämme ein. Das Beiheftleporello mit Texten und stilisierten Aufnahmen eines Zellbiologie-Lehrbuchs verstärken den Effekt durch die markante Reduktion. Machen wir uns nichts vor - und freuen uns: Hier kommt frappierend kräftig und intensiv, mitten auf Pop-Terrain, das gute alte Kunstlied zurück.

Wir erinnern uns: Das Kunstlied kriecht erkennbaren Einzelnen aus der Seele, nicht namenlosem Volk oder wachsender Tradition, die Ausdruck sucht und Ort. Ergriffensein funktioniert über Identifikation. Das schmerzt - und hilft. Wir staunen: eine junge Frau auf einer Linie mit so jungen Vielversprechenden wie Rimbaud, Dylan - und Fricke. Das Album frappiert auch mit einer Anverwandlung, nämlich dem vom Ende der Achtziger populären "Voyage,Voyage" der französischen Sängerin Claudie Fritsch-Mentrop, bekannt unter dem Namen "Desireless" - darin Zeilen wie: "Voyage et jamais ne revient". Der Psalm-90-Soundtrack ist somit wohl perfekt.

Soap & Skin: Narrow. (Solfo/PIAS 2012)

Udo Feist

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