Ermutigung

Frauen in der Kirche
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Es ist gut, dass diese ermutigende Streitschrift wieder Unruhe und Bewegung in die Debatte um die Geschlechtergerechtigkeit in der Kirche bringt. Denn sie scheut die klare Positionierung nicht.

In den vergangenen Jahrzehnten haben Frauen in den deutschen evangelischen Kirchen viel erreicht: Sie haben Einfluss gewonnen, eine neue Unabhängigkeit, und sie werden Pfarrerinnen mit gleichen Rechten. Oft heißt es: Das Thema der Geschlechtergerechtigkeit sei überholt. Die Generalsekretärin des Deutschen Evangelischen Kirchentages Ellen Ueberschär wird angesichts solcher Beruhigungsrhetorik unruhig: Zwar sei es nicht zu leugnen, aber man könne übersehen, dass Frauen nach wie vor besonders die "Kümmerarbeit" der Kirche tragen. Als Bischöfinnen und in anderen Leitungspositionen sind sie dagegen selten zu finden. Deshalb tritt Ueberschär für eine offensive Gleichstellungspolitik ein.

Fürchtet euch nicht! - In drei Richtungen zielt ihre Ermutigung mit diesem zentralen biblischen Satz: Zum ersten fordert Ueberschär die Frauen dazu heraus, nicht ihren Selbstzweifeln nachzugeben, stattdessen Durchsetzungsvermögen zu trainieren und Allianzen zu schmieden, um in den oberen Etagen der Kirchenleitungen mehr an Einfluss zu gewinnen. Zum zweiten richtet sie sich an die Männer, nicht das Gespenst einer "Feminisierung" der Kirche an die Wand zu malen, sondern Frauen in ihrer Karriere zu fördern.

All dies, so Ueberschär, brauche als geistigen Hintergrund das Wissen und die Erinnerung an die Geschichte der Frauen in der Kirche. Im Blick auf die Theologinnen ist hier schon viel geleistet worden. Aber auch andere Gruppen sind für die Geschichte der Gleichstellung wichtig. Ueberschär richtet den kirchenhistorisch differenzierten Blick - in zwei besonders interessanten Kapiteln - auf die Gemeindehelferinnen und Pfarrfrauen, die in den Jahren des Zweiten Weltkrieges die pastorale Arbeit übernommen hatten.

Ebenso notwendig - und gleichfalls nur dem historisch aufgeklärten Blick zugänglich - ist die weitere Aufarbeitung des Familienbildes in der Theologie, damit sich die alte Trias Kinder-Küche-Kirche in einen für viele Frauen wie Männer in der Gegenwart attraktiven Zusammenklang von Beruf, Familie und Glauben verwandeln könne. Ueberschär mahnt "Wiedergutmachung" an, durch eine hartnäckige Auseinandersetzung mit konservativen Familienleitbildern und den Abschied von ihnen in Kirche und Theologie.

Schließlich richtet die Theologin die Perspektive auch auf die Theologie und die feministischen Ansätze darin. Viel Produktives sei damit angestoßen worden, und die emotionale Schärfe im Streit um die Bibel in gerechter Sprache zeige, wie notwendig weitere Arbeit sei. Es sei aber auch eine offene Auseinandersetzung zwischen den Generationen zu führen, ein kritischer Blick auf die Frauenbewegung der Siebziger- und Achtzigerjahre zu werfen und das Verhältnis von Spiritualität und Politik neu zu vermessen.

Anregend erscheint hier, dass Ueberschär die Feministische Theologie als folgerichtige Fortsetzung in der Tradition der Liberalen Theologie verstanden wissen will. Nicht erst die neue Frauenbewegung habe sie hervorgebracht, sondern sie sei bereits in den Emanzipationsbewegungen der Theologie des 19. Jahrhunderts angelegt gewesen. Damit wird ein Faden aufgenommen, den schon Elisabeth Moltmann-Wendel im Blick hatte, als sie 1989 das Buch "Frau und Religion: Gotteserfahrungen im Patriarchat" herausgab, das theologische und religiöse Texte von Frauen aus der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts versammelte.

Begleitmelodie in dem Buch ist eine Auseinandersetzung mit Margot Käßmann: Was kann Frau lernen aus der Geschichte einer charismatischen, machtbewussten und erfolgreichen Frau, die dennoch so plötzlich aus dem Amt der Ratsvorsitzenden zurückgetreten ist? Eine wichtige Frage. Allerdings erscheinen hier manche Einschätzungen Ueberschärs nicht völlig überzeugend und konsistent. Vielleicht fehlt noch der nötige Abstand für die historische Analyse.

Insgesamt ist es aber gut, dass diese ermutigende Streitschrift wieder Unruhe und Bewegung in die Debatte um die Geschlechtergerechtigkeit in der Kirche bringt. Sie scheut die klare Positionierung nicht, über die man streiten kann. Sie erweitert die Geschichte der Frauen in der Kirche um wichtige Perspektiven. Sie ist frei von Wehleidigkeit, aber realistisch im Benennen dessen, was noch zu tun ist. Ellen Ueberschär: Fürchtet euch nicht! Frauen machen Kirche. Kreuz-Verlag,Freiburg i. Br. 2012, 160 Seiten, Euro 15,40.

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Ulrike Wagner-Rau

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