Westküstenrock

Pazifischer Countryrock aus Schottland
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Pazifischer Countryrock, schwebende Harmonien und von Zuversicht domestiziertes Melancholisieren, feine Psychedelik und popleichter Chorgesang - das Album von Teenage Fanclub.

Spielt man "Shadows" mit dem "Teenage Fanclub" Unvertrauten vor und bittet um Einordnung, fällt meist das Stichwort "Westküste", was den Sound voll trifft. Er wird oft mit den "Byrds" verglichen, häufiger mit "Big Star" (obwohl die aus Memphis, Tennessee kamen), die stets Vorbild der "Teenage Fanclub"-Songschreiber und -Sänger Raymond McGinley, Norman Blake und Gerard Love waren. Pazifischer Countryrock, schwebende Harmonien und von Zuversicht domestiziertes Melancholisieren, feine Psychedelik und popleichter Chorgesang sind denn auch Elemente, die auf Westküste tippen lassen.

Eigenständiger Sound- und Songkosmos

Dass "Teenage Fanclub" Schotten aus einem Vorort Glasgows sind, also nur im allerweitesten Sinne Westküste, ist da so über­raschend wie das Vergnügen groß, sie und ihren bei allen Anklängen ganz eigenständigen Sound- und Songkosmos endlich kennenzulernen. Dabei hatte die erste, Krach und Chaos geprägte Platte "A Catholic Education" (1990) anderes erwarten lassen. Doch bereits "Bandwagonesque" (1991) - mit zwar noch grungigen Gitarren, aber gezähmten Riffs - ließ die Konturen der Reise erkennen. "Shadows", ihr mittlerweile zehntes Album, lässt weiter nur auf Fortsetzung hoffen.

Die Songs erzählen unaufgeregt vom Licht nach der Nacht, von erfüllten Augenblicken des Alleinseins, Sorge, Erschrecken, Sehnsucht nach Nähe und Zweisamkeit, deren Wirklichkeit und deren Scheitern. Blicke auf das Leben, wie man sie mit Freunden teilt, aber auch erlebt. Vielstimmig, aber nicht beliebig, aufmerksam und ernst, doch nie verbissen, engagiert, mitunter aufgeregt, aber geborgen. Illusionslose Wahrnehmung, ohne Resignation. Der "Teenage Fanclub"-Sound ist ein perfektes Gefäß dafür und trüge über die zwölf Songs hinaus locker einen Umfang wie etwa Wielands Briefroman "Aristipp und einige seiner Zeitgenossen", dessen wohltuende Weisheit in ähnliche Worte passt wie der Album-Opener: "Sometimes I don't need to believe in anything". Aufmerksam, nicht resigniert!

Ohne den Anspruch zu erheben, geraten "Teenage Fanclub" so ins Klassische und rufen Jaques' berühmte Worte aus Shakespeares Komödie "As you like it" ab: "All the world's a stage,/And all the men and women merely players/They have their exits and their entrances/And one man in his time plays many parts ..." Mit im besten Falle sieben Akten. Alben, die diese Bühne betreten, sind selten. "Shadows" gehört dazu.

Teenage Fanclub: Shadows (PeMa/PIAS 2010)

Udo Feist

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