Emotional auffangen

Ein Punktum
Foto: privat
Ab welchem Alter ein Film zugelassen ist, entscheidet die Freiwillige Selbstkontrolle (FSK). Dort findet man es beruhigend, wenn brutale Gewaltszenen durch entspannende Se­quenzen emotional aufge­fangen werden.

Hitchcocks Die Vögel: Ich weiß noch, wie gespannt ich vor dem Fernseher saß. Wie alt ich war? Jedenfalls keine sechzehn. Dabei war und ist der Film erst ab sechzehn zugelassen.

Solche Zulassungen erteilt die FSK, die Freiwillige Selbstkontrolle der Film­wirtschaft (sic!). Jüngst gab es einen Konflikt zwischen der Frankfurter Allgemeinen Sonn­tagszeitung (F.A.S.) und der FSK: Die Zeitung behauptete, es würden jede Menge Filme ab zwölf freigegeben, die "vulgäre Dialoge, brutale Gewalt, Pornographie und perverse Sexualität enthalten", berichtete die FAZ am 12. Okto­ber.

Die FSK wies die Vorwürfe zurück. Man dürfe keine Szenen aus dem Zusammenhang reißen, meinte ihr Vorsitzender Folker Hönge. Schließlich werde der ganze Film bewertet. Die F.A.S. habe zum Beispiel einen Film wie Das Parfum auf die Erstickung und den Todeskampf eines Mädchens sowie auf Folter und Massen­gruppensex reduziert. Das deutliche Visualisieren und Verbalisieren helfe den Kindern, die Unterscheidung zwischen Gut und Böse einzuüben. Und überhaupt würden brutale Gewaltszenen in zugelassenen Filmen in der Regel anschließend durch entspannende Se­quenzen emotional aufge­fangen.

Beruhigend.

Gerade angesichts anderer Beispiele ab zwölf freigegebener Filme: Im Film Der fremde Sohn zerhackt ein Verbrecher kleine Jungen mit dem Beil. In Das Leben des David Gale kämpft eine gefesselte nackte Frau mit einer Plastiktüte über dem Kopf ver­geb­lich gegen den Tod.

"Übeltäter waren immerhin keine Helden"

Das Jugendschutzgesetz hält die Persönlich­keitsent­wicklung von Unter-Zwölfjährigen für gefähr­det durch gewaltverherrli­chende Filme oder solche Filme, in denen "der Held antisoziales, destruktives oder gewalttätiges Verhalten" zeigt. In den genannten Filmen aber waren die Übeltäter eben nicht die Helden. Also, ent­spannt euch, so ein bisschen mediale Teilhabe an Folter und Mord dient der Moralentwicklung.

Und die Sexualität? In Hautnah gehe es in kaum einer Szene ohne das Wort "ficken" ab, so die FAZ. Laut Filmlexikon handelt es sich "um ein elliptisch erzähltes Drama um Partnertausch und Psycho-Stress, dessen äußere Handlung allein aus den Dialogen erschlossen werden muss". Ja, man muss den Kindern schon was zutrauen. Die schaffen das schon.

In Sachen Sexualität geht sowieso alles. Fast alles: In Fällen, wo etwa falsche Rollenbilder transportiert werden (letzteres praktisch bei jedem älteren Film­kuss), sind die Prüfer unerbitt­lich. Irgendetwas muss da auch bei Psycho schief gelaufen sein: Der Film ist erst ab sechzehn freigegeben.

Helmut Kremers

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