Weder Mann noch Frau

Warum Gottesbilder nicht absolut gesetzt werden dürfen
August Macke (1887-1914): "Farbige Formen I", 1913. (Foto: akg-images)
August Macke (1887-1914): "Farbige Formen I", 1913. (Foto: akg-images)
Die aktuelle feministische Perspektive auf Gottesbilder in der Bibel entdeckt in der Rede vom Göttlichen neben den männlichen auch weibliche Züge, wie zum Beispiel die Barmherzigkeit Gottes, ihre "Mutterschößigkeit".

"Als ich 'die Ewige' suchte, da antwortete sie mir, aus meiner ganzen Furcht zog sie mich heraus. Die gebeugt sind, riefen - 'die Ewige' hörte und sie befreite sie aus all ihren Bedrängnissen. Fühlt und seht, wie gütig 'die Ewige' ist." (Psalm 34,5.7.9)

Im Rahmen einer Einheit zum Thema "Gerechte Sprache im Gottesdienst" hatte ich den Vikarinnen und Vikaren die Aufgabe gestellt, Psalm 34 im Ganzen nacheinander zweimal zu lesen, in der Version der Bibel in gerechter Sprache (2006) und in der Übersetzung der Lutherrevision (1984). Ich bat sie, den inneren Bildern nachzuspüren, die der jeweilige Text in ihnen auslöste.

"Als ich den HERRN suchte, antwortete er mir und errettete mich aus aller meiner Furcht. Als einer im Elend rief, hörte der HERR und half ihm aus allen seinen Nöten. Schmecket und sehet, wie freundlich der HERR ist." (Psalm 34,5.7.9)

Die Reaktionen waren vielfältig: Erstaunen darüber, wie anders der vertraute Psalm klingt. Einige äußerten, dass sie plötzlich auch die Worte der Lutherversion viel bewusster gehört, sich ihnen manche Passagen ganz neu erschlossen hätten. Ein Vikar sagte, dass Gott durch die Anrede "die Ewige" weiblich geworden sei; das befremde ihn, er hätte Mühe den Text zu lesen. HERR hingegen stünde über jeglicher Geschlechtlichkeit und eröffne ihm eine intensive Beziehung zu Gott.

Persönliche Gottesbeziehung

Eine Vikarin äußerte eine gegenteilige Erfahrung. Sie hätte Mühe, immer HERR zu sagen, die starre herrschaftliche Sprache könne die Botschaft nicht transportieren, die sie vermitteln will. "Der Ewigen" fühle sie sich nahe. Es waren aber auch Vikarinnen, denen die Übersetzung der Bibel in gerechter Sprache fremd war, die Abwehr äußerten, irritiert waren. Ich habe mich gefreut, dass dieser Kurs den Raum bot, sich so offen auszutauschen.

Die Art und Weise, wie Menschen mit und über Gott sprechen, betreffen den eigenen Glauben, die persönliche Gottesbeziehung im Kern. Im Gottesdienst kommen Frauen und Männer mit unterschiedlichen Erfahrungen zusammen, mit jeweils eigenen Bildern von Gott und dem Göttlichen. Feministisch engagierte Frauen berichten, dass sie sich mittlerweile regelrecht ausgeschlossen fühlten, wenn von Gott ausschließlich als "dem Herrn" die Rede sei, sie wünschten sich eine offene Sprache, die der Vielfalt der biblischen Rede von Gott gerecht werde. Diese bietet neben dem Eigennamen Gottes personale und nicht-personale Bilder: Macht, Kraft, Quelle, König, Vater, Burg, Glucke ...

Das Leiden unter menschlichen "Herren", Missbrauch und Gewalt, eine einengende christliche Erziehung - mit diesen Erfahrungen kommen Menschen in den Gottesdienst. Für andere ist das Wort "Herr" tröstlich, sie fühlen sich beschützt. Ihre jeweiligen Gottesbilder basieren auf gesellschaftlichen, biographischen und spirituellen Erfahrungen und Prägungen.

Mir ist es wichtig, den angehenden Pfarrerinnen und Pfarrern zu vermitteln, dass sie mit dieser Unterschiedlichkeit rechnen müssen, mit Verletzungen, positiven und negativen Erfahrungen, mit suchenden, traditionsverwurzelten und verunsicherten Menschen und dass sie dieser Vielfalt der Sprache der Menschen über Gott offen gegenübertreten. Zugleich möchte ich sie ermutigen, auch Neues auszuprobieren und darauf zu bauen, dass Vertrautheit neu wachsen und Irritation auch fruchtbar sein kann.

Fruchtbare Irritation

Ich selbst hatte an diesem Morgen eine besondere Erfahrung gemacht. Ich saß in der Runde als Dozentin, etwas angespannt, in Kürze viel vermitteln zu wollen, konzentriert und zugleich innerlich in Unruhe, am Nachmittag warteten zwei weitere Termine und ein Stapel unbeantworteter E-Mails. Und durch all dies hindurch erreichten mich die Worte des Psalms: "Fühlt und seht, wie gütig 'die Ewige' ist." Ein Mo­ment besonderer Zeit, Ewigkeit - geborgen sein, geschützt vor den "Be­drängnissen", die ich zuvor ganz konkret gespürt hat­te. "Der Ewige" ist in deutschen jüdischen Bibelübersetzungen eine gebräuchliche Wiedergabe des Got­tesnamens. Die Kraft, die diese Gottesanrede hat, hat sich mir im Moment des Hörens erschlossen.

"Wenn Gott Mann ist, ist das Männliche Gott" - Diese Worte der US-amerikanischen katholischen Theologin Ma­ry Daly lösten auch in Deutschland eine engagierte Diskussion über Gottesbilder in Bibel und Theologie aus. Ihr 1973 veröffentlichtes Buch erschien hier 1980 mit dem Titel Jenseits von Gottvater, Sohn und Co. Während Ma­ry Dalys Weg sie aus der christlichen Kirche hinaus führte, richteten andere feministische Theologinnen ihre Arbeit darauf, biblische Traditionen zu stärken, die das patriarchale Gottesbild in Frage stellen.

Erneut war es eine US-amerikanische Theologin, Rosemary Radford-Ruether, die mit dem Entwurf einer feministisch-theologischen Dogmatik auch die deutsche Diskussion entscheidend prägte. In ihrem 1985 auf Deutsch erschienenen Buch Sexismus und die Rede von Gott benennt sie unter der Überschrift "Gott/in aus feministischer Sicht" das Ziel, dass männliche Bezeichnungen für das Göttliche ihren privilegierten Stellenwert verlieren und dass das Elternmodell für Gott in Frage gestellt werde, das Menschen in andauerndem geistigen Infantilismus festschreibe.

Der Dualismus zwischen Natur und Transzendenz, Körper und Geist stellt für sie das Grundproblem des patriarchalen Gottesbildes dar. Für sie ist es der Gott des Exodus, der Gott der Befreiung und des neuen Lebens, der auch für feministische Theologinnen eine Lebensgrundlage bietet: "Wir wissen keinen Namen, der Gott/in, ‚Ich werde sein, der ich sein werde‘ gerecht würde. Erst wenn wir die irreführenden Bezeichnungen für Gott/in nach dem Vorbild der patriarchalen Entfremdung hinter uns gelassen haben, werden wir ihren/sei­nen Namen erkennen."

Unaussprechlicher Name

In 2. Mose 3,14 stellt sich Gott Mose im brennenden Dornbusch vor: "ähjä aschär ähjä", das Verb "h-j-h" heißt "sein": Ich bin da, weil ich da bin. Gott hat einen Namen, der "Dasein", "Leben" bedeutet. Es ist ein Eigenname, der in der Hebräischen Bibel mit vier Konsonanten (Tetragramm) geschrieben wird: "jhwh". Er wurde jedoch seit früher biblischer Zeit nicht mehr ausgesprochen. Der Gottesname ist heilig.

In den Worten des Vaterunsers hat sich bis in unsere Zeit das Verständnis überliefert, Gottes Namen mit Ehrfurcht zu begegnen. In der Hebräischen Bibel gibt es deshalb eine Besonderheit: Überall dort, wo die vier Konsonanten des Gottesnamens stehen: "jhwh", wurden die Vokale eines anderen Wortes eingefügt. Das war der Hinweis, an der Stelle des Namens die Bezeichnung "Adonaj" zu sprechen, eine Anrede, die allein Gott vorbehalten ist. Sie lautet übersetzt etwa "meine Herren".

Martin Luther hat sie dann mit "HERR" in Großbuchstaben wiedergegeben, mit einem Wort, das sich nur in der Schreibweise von einer üblichen Bezeichnung für menschliche Männer unterscheidet. In der jüdischen Tradition wurde allerdings nicht nur Adonaj gesprochen, sondern eine Vielzahl weiterer Ehrfurchtswörter wie ha-Schem ("der Name"), ha-Makom ("der Ort"), "der Ewige" ...

In diese Tradition stellt sich die Bibel in gerechter Sprache. Der Theologe Jürgen Ebach begründet dies im Glossar: "Gott hat in der Bibel einen Eigennamen und darüber hinaus weitere Namen und Bezeichnungen. Gemeinsam halten sie fest, dass Gott stets derselbe, aber nicht immer die Gleiche, stets die Gleiche, aber nicht immer derselbe ist. Das Zugleich der Erfahrung der Einheit und der Erfahrung der Vielfalt Gottes erkennbar werden zu lassen - eben jener Vielfalt, die sich der Einheit Gottes verdankt -, ist ein ganz zentrales Anliegen der Bibel in gerechter Sprache."

Sein Name bedeutet "Leben"

Gott hat einen Namen, der "Dasein", "Leben" bedeutet, Leben schafft, alles Dasein umfasst. Gott übersteigt die Möglichkeiten der Sprache. Was Menschen über Gott und zu Gott sagen, ist ein immer wieder neuer Versuch der Annäherung. Darin liegt der tiefe Sinn des Gebots, sich von Gott kein Bild zu machen - und die eigene Vorstellung des Göttlichen nicht absolut zu setzen.

Die Gewissheit, dass Gott Männlichkeit und Weiblichkeit, ja sogar alle Personalität übersteigt, ist tief in der Bibel verwurzelt. In Hosea 11,9 heißt es: "Denn Gott bin ich und nicht ein Mann" - und zu ergänzen wäre: "auch keine Frau".

Die aktuelle feministische Perspektive auf Gottesbilder in der Bibel entdeckt in der Rede vom Göttlichen neben den männlichen auch weibliche Züge, wie zum Beispiel die Barmherzigkeit Gottes, ihre "Mutterschößigkeit" (Silvia Schroer/Thomas Staubli). Sie beschäftigt sich mit gewalttätigen Zügen des Gottesbildes im Alten und Neuen Testament und deren Wirkungsgeschichte, vor allem aber mit Fragen nach der Lebendigkeit Gottes, nach Gerechtigkeit und Recht, Heilung und einer Spiritualität, die Kraft gibt.

Im Wörterbuch der Feministischen Theologie beschreibt Herlinde Pissarek-Hudelist die Gottesfrage als Frage nach dem Bild Gottes, "mit dem Menschen leben, hoffen, beten, erziehen, sich freuen, leiden, krank werden, ja sterben können." Deshalb gebe es eine enge Beziehung zwischen Gottes- und Menschenbildern und den gesellschaftlichen Zuständen, in die diese eingebunden sind.

Die Bibel bezeugt nicht "Gott selbst", bietet keine ungebrochenen Aussagen über Gott, sondern spricht in bildlicher Sprache, sie beschreibt Gottesbeziehungen. Das Wissen um die Vorläufigkeit aller Bilder und die Begrenztheit der Sprache bedeuten in der biblischen Tradition jedoch keine Beliebigkeit oder abstrakte Distanz zum Göttlichen. Die Gottesbilder, die die Bibel bietet, sind Ausdruck der vielfältigen Beziehungen der Menschen zu Gott, die ihren intensivsten Ausdruck im Gebet finden.

Gott als tröstende Mutter

Ihre Wahrheit liegt darin, dass Menschen zu allen Zeiten ihren je eigenen Zugang zu diesen Worten und Bildern entwickeln, sich selbst im Gegenüber zu Gott verstehen lernen können. Sie bewähren sich dann, wenn sie auch angesichts von Not und Verzweiflung tragfähig sind, Kraft geben. Die Klage ist die Sprache, die es vermag, Schrecken zum Ausdruck zu bringen, erfahrene Gewalt zu buchstabieren. Sie ist Anklage und Hilfeschrei zugleich, sie hilft das Schweigen zu überwinden und bindet Gott in das Geschehen ein, zieht Gott auf die Seite der Opfer. Die Klage schafft einen Raum, in dem Schmerz zum Ausdruck gebracht und neue Hoffnung wachsen kann. "Nahe ist die Ewige denen, deren Herz gebrochen ist, deren Lebensmut zerschlagen ist, die befreit sie." (Psalm 34,19)

Die Bilder Gottes als Retter, tröstende Mutter, als Barmherzigkeit, Zufluchtsort, als Kraft, aber auch als Kriegsherr und König haben in diesen Erfahrungen ihren Ursprung. Wenn sie aus diesem Zusammenhang herausgelöst und absolut gesetzt werden, werden sie missverständlich und missbrauchbar. Die Kraft der Gottesbilder liegt darin, Suchenden einen Ort zu bieten, das Ganz-Andere Gottes zum Ausdruck zu bringen und doch Nähe zu ermöglichen, Menschen in Beziehung mit sich selbst, zu anderen und zum Göttlichen setzen zu können. Und dazu sind nicht einmal Worte nötig (Römer 8,26).

Claudia Janssen ist Studienleiterin am Frauenstudien- und Bildungszentrum der EKD in Hofgeismar und außerplanmäßige Professorin für Neues Testament an der Philipps-Universität in Marburg.

LITERATUR Ulrike Bail: Gegen das Schweigen klagen. Eine inter­textuelle Studie zu den Klagepsalmen Psalm 6 und Psalm 55 und der Erzählung von der Vergewaltigung Tamars. Gütersloh 1998, 246 Seiten, Euro 24,95 (nicht mehr lieferbar). Gerlinde Baumann: Gottesbilder der Gewalt im Alten Testament verstehen. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 2006, 224 Seiten, Euro 49,95. Christine Gerber u. a. (Hg.): Gott heißt nicht nur Vater. Zur Rede über Gott in den Übersetzungen der "Bibel in gerechter Sprache". Vandenhoeck und Ruprecht, Göttingen 2008, 256 Seiten, Euro 19,95.

Claudia Janssen

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