Weiter Weg

Gedanken nach dem Ende der ÖRK-Vollversammlung in Karlsruhe
Kunstprojekt bei der ÖRK-Vollversammlung in Karlsruhe 2022
Foto: epd
Fotokunstprojekt "Out of the many, the one face arises" von Wolf Nkole Helzle am 08.09.2022 auf der 11. Vollversammlung des Weltkirchenrates in Karlsruhe.

Leider stieß die eben zu Ende gegangene 11. Vollversammlung des Weltkirchenrates in Karlsruhe kaum auf überregionale öffentliche und mediale Resonanz. Zeitzeichen-Chefredakteur Reinhard Mawick mutmaßt, woran das gelegen haben könnte und sagt, warum es trotzdem unendlich wichtig ist, dass es „so etwas“ gibt.

Das einmalige Ereignis ist vorbei: Vor zwei Tagen endete die 11. Vollversammlung des Weltkirchenrates (ÖRK) in Karlsruhe. Wer nicht dabei war, wird es nie wieder erleben können, denn dass eine ÖRK-Vollversammlung in diesem Jahrhundert wieder in Deutschland stattfindet, ist mehr als unwahrscheinlich. Da sie in der Regel nur alle acht Jahre stattfindet, dürfte es sogar Jahrzehnte dauern, bis wieder mal Europa an der Reihe ist.

Und wie war’s nun? Zufrieden sein dürfen die Veranstalter am Ort: Zum einen klappten der äußere Ablauf und die Organisation sehr gut, zum anderen kann man der Badischen Landeskirche und der Stadt Karlsruhe zu einem fantasievollen und kreativen Beiprogramm gratulieren. Da schaffte es beispielsweise der international renommierte Chorleiter Simon Halsey in zwei Stunden Probe, mehr als 100 internationale Gäste als Sängerinnen und Sänger mit der Kantorei der Karlsruher Christuskirche zu einem grandiosen Chor zusammenzuschweißen, der dann eine Stunde lang Perlen aus bedeutenden europäischen Oratorien wie Haydns Schöpfung, Mendelssohns Elias, Händels Messiah und Bachs Weihnachtsoratorium sang. Jauchzet, frohlocket! Dazu ein schönes Open-Air-Bühnen-Programm, das gut angenommen wurde.

Kaum mediale Resonanz

Aber ob das von den meisten Besucher:innen mit der Vollversammlung und ihrem eigentümlich komplexen Geschehen verbunden wurde? Wohl kaum. Auch klagten viele aus der Kirchen-Bubble schon vor Beginn der Karlsruher Vollversammlung, dass „die Medien“ das Jahrhundertereignis ÖKR-Vollversammlung in Deutschland so wenig wahrnahmen. Das stimmt. Die Vollversammlung erreichte auch nicht nur annähernd die mediale Resonanz eines Deutschen Evangelischen Kirchentags und lag sogar noch deutlich unter dem Aufmerksamkeitslevel einer EKD-Synode. Das liegt daran, dass das öffentliche Interesse an institutionellen kirchlichen Zusammenhängen dramatisch nachgelassen hat und als Folge davon die „Kirchenkompetenz“ der Medien in Deutschland dramatisch zurückgegangen ist. Unter den überregionalen Tageszeitungen etwa hat nur noch die FAZ zwei kompetente und leidenschaftliche Redakteure, die sich für Kirche interessieren und solche Events wie eine Vollversammlung des Ökumenischen Rates der Kirchen in Deutschland als berichtenswert identifizieren (wobei beide noch genügend andere Aufgaben haben). Andere leidenschaftliche und kompetente Redakteur:innen solcher Art haben in den vergangenen Jahren die „säkularen“ Medien verlassen und sind zu kirchlichen Medien gewechselt.

So beschränkte sich Berichterstattung und Analyse der 11. Vollversammlung zumeist auf kirchliche Agenturen, Zeitschriften und Zeitungen und natürlich auf die überaus kompetenten Religionsredaktionen des Öffentlich-Rechtlichen Rundfunks, die es – Gott sei Dank! – noch gibt (und die hoffentlich nicht so schnell geschlossen werden, wie es beispielsweise die EKD mit ihrer Evangelische Journalistenschule jüngst vormachte). Aber für Karlsruhe galt: Keine Tagesschau nirgends. Noch nicht einmal, als Bundespräsident Steinmeier zur Eröffnung eine aufsehenerregende Klartextrede hielt.

Auffällig war aber auch, wie wenig im Vorfeld von Seiten der EKD dieses Treffen „promoted“ wurde, wie es neudeutsch heißt. Selbst in der Bubble der kirchennahen Journalisten herrschte bis Mitte des Jahres große Ratlosigkeit, was genau „das“ in Karlsruhe eigentlich sein soll und sein würde. Möglicherweise hätte da ein proaktiveres Zugehen der evangelischen Kirche auf „die Medien“ im Vorfeld, also eine Art fröhliches Werbe-, Info- und Lernangebot für Medienvertreter:innen, für etwas mehr Verständnis, Interesse und schlussendlich Resonanz sorgen können.

Vor diesem Hintergrund können die Verantwortlichen den gewissen Turbulenzen um Pfingsten herum direkt dankbar sein. Eine Initiative um die ehemalige Kirchentagsgeneralsekretärin Ellen Ueberschär und die Kirchenhistorikerin Katharina Kunter hatte einen Offenen Brief an die EKD und den ÖRK geschrieben, in dem sie die Teilnahme der Delegation der Russisch-Orthodoxen Kirche (ROK) kritisch in den Blick nahmen. Infolgedessen rückte, zumindest in einer kleinen, kirchennahen Öffentlichkeit, die Vollversammlung in den Fokus. Seitdem war einigen Menschen mehr klar, dass die beiden Themen „Teilnahme der ROK“ und „Israel-Palästina“ in Karlsruhe gewisse Wichtigkeit erlangen könnten. Am Ende sorgten dann beide Komplexe zwar auf der Versammlung selbst (und wohl besonders hinter den Kulissen) für eine gewisse Aufregung, aber eben kaum mehr öffentlich. Bisher jedenfalls gab von außen, zum Beispiel von Seiten des Zentralrates der Juden, keine heftigen Reaktion auf die entsprechende Resolution, obwohl der Begriff „Apartheid“ vorkommt. Da dürfte man besonders bei der EKD froh sein, denn manche hatten im Vorfeld befürchtet, dass nach dem Antisemitismus-Skandal der Documenta in Kassel nun ein weiterer dieser Art in Karlsruhe folgen würde.

Das „Dass“ der Versammlung überhaupt

Der Skandal fiel aus. Aber auch sonst blieb der Sinn und Kern dieser Vollversammlung aus der Ferne ungreifbar. Und aus der Ferne kann man ihn trefflich karikieren, jenen Kern, um den so viele Reden auf der 11. Vollversammlung des Weltkirchenrates (ÖRK) in Karlsruhe kreisten und zwar unabhängig vom konkreten Thema: Die Einsicht nämlich, dass man sich in der Weltchristenheit (leider) doch in vielem sehr uneins ist (und das auch noch auf ganz unterschiedliche Weise), aber dass man mit der Kraft Gottes und der Liebe Christi doch gemeinsam unterwegs sei zu Frieden, Versöhnung, Gerechtigkeit und einer Einheit der christlichen Kinder Gottes. Zu jener Einheit, die in Johannes 17,20 f. von Jesus selbst gefordert wird: „Ich bitte aber nicht allein für sie, sondern auch für die, die durch ihr Wort an mich glauben werden, dass sie alle eins seien.“ Wer aber mittendrin saß im Plenum der Vollversammlung und erlebte, wie die Menschen aus den verschiedensten Kirchen, ja Christentümern, gemeinsam diskutierten und sich dabei begegneten, der konnte sich der Kraft dieses Kerns nicht entziehen. Insofern gilt es, vor allem Inhaltlichen, vor allem Greifbaren, das Lob des Spürbaren anzustimmen, das Lob des „Dass der Versammlung überhaupt“.

Denn dass es so etwas Einzigartiges wie den Weltkirchenrat überhaupt gibt, ist unendlich gut, und deshalb kann auch post Karlsruhe nur unterstrichen werden, was Rainer Kiefer, der Direktor des EKD-Dachverbandes Evangelisch Mission Weltweit bereits ante Karlsruhe in zeitzeichen-Gespräch sagte: „(W)enn es den ÖRK nicht gäbe, müsste man ihn erfinden“. Recht hat er, denn auch in der 11. ÖRK-Vollversammlung 2022 manifestierte sich in vielfältiger Form, in Begegnungen, im Gebet und im respektvollen, gewaltfreien(!) Dialog der „Geist, der heilig insgemein lässt Christen Christi Kirche sein“. Aber weiter heißt es im Glaubenslied von Rudolf Alexander Schröder (EG 184) eben auch „bis wir von Sünd und Fehl befreit, IHN selber schau'n in Ewigkeit.“ Der Weg dahin ist nicht nur für den Weltkirchenrat, sondern für die ganze Welt noch weit. Sehr weit.

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