Heilige Räume für Alleinreisende

Hotelbars - und was wir von diesen lernen können
Foto: Christian Lademann

Eine Woche raus! Die Zehen in Sand bohren und den Wellen des Mittelmeeres zuhören. Wie ein süßes Versprechen stand der Abreisetag in meinem Pfarramtskalender. Der erste Mallorca-Urlaub meines Lebens. Und zum ersten Mal bin ich ganz allein gereist.

Ich hatte mich für einen typischen Pauschalurlaub entschieden, bei dem man mit einer Horde weiterer Touristen aus dem Transfer-Bus vor einem Hotel ausgespuckt wird. Zwischendurch auch mal in der Masse untergehen können, das erschien mir irgendwie attraktiv bei diesem allerersten Single-Urlaub. Dass ich neben den Mittelmeer-Wellen vor allem die Motorengeräusche der Hauptstraße von Can Picafort hören würde, hatte bei der Buchung leider nicht dabei gestanden.

Zum Glück bin ich nicht sonderlich lärmempfindlich und so begann ich furchtlos drauflos zu probieren, wie das gehen könnte, Urlaub mit sich selbst zu machen. Nachdem ich es an Tag 1 eher leidlich mit mir ausgehalten hatte, lief es immer besser. Urlaub allein will nämlich gelernt sein. Ich entwickelte schöne Tagesroutinen, genoss es am Strand durch die Gegend zu träumen und machte abenteuerliche Ausflüge mit mallorquinischen Linienbussen quer über die Insel.

Nur eines passte mit meinem Urlaub schlecht zusammen: wenn ich eine bestimmte Anzahl gesprochener Worte pro Tag unterschreite, werde ich latent unruhig. Ein Glück, lernte ich bald, dass man in solchen Fällen nicht mehr tun muss, als abends die Hotelbar aufzusuchen. Hotelbars sind heilige Räume für allein Reisende. Vielleicht war es dieser Ort, der mich mit seiner ganz eigenen sozialen Logik am allermeisten fasziniert hat in diesem Urlaub.

Uschi und Eberhard

In meiner Hotelbar lernte ich, als ich gerade an einem Gin Tonic nippte, Uschi und Eberhardt kennen. (Ich habe ihre Namen nicht verändert, weil etwas in mir glaubt, dass diejenigen, die man in diesen Bars kennenlernt, irgendwie immer Uschi und Eberhardt heißen…) Uschi und Eberhardt tranken Bier. Jeden Abend eins für jeden und dann noch eins, das geschwisterlich geteilt wurde. Bei dem Teilungsritual lobte Eberhardt den günstigen Bierpreis in der Hotelbar. „Da kannste doch nix zu sagen…!“ sagte er und schaute wechselnd Uschi und mich an und wartete auf zustimmendes Nicken.  Bei jedem Satz, den Uschi sagte, reagierte Eberhardt mit einem eindringlichen wie liebevollen „Ach Uschilein…“, so als brauchte jeder Satz von Uschi diesen Nachklang, um wahr zu sein.

Einen Tisch weiter saß immer die Rumänin, die mir von ihren nächsten Ausflugszielen erzählte und großzügig ihre Salzstangen mit mir teilte. Noch einen Tisch weiter saß  der Brite mit dem gelben Basecap. Mit ihm gab es irgendwie den unausgesprochenen Deal, dass man sich nicht unterhielt und trotzdem war er voll akzeptiertes Mitglied unserer Hotelbar-Community.

Jeden Abend kehrte ich eine Zeit lang ein und verbrachte den Abend mit Uschilein, Eberhardt, meiner Salzstangen-Kumpanin und Gelb-Cap-Brite. Wir waren der harte Kern. Dazu kamen hin und wieder Zaungäste, die sich entweder ins Gespräch einmischten oder in Gelb-Cap--Manier einfach zeitweise schweigend Teil unserer Runde wurden.

Wir erzählten uns von den Erlebnissen des Tages, gaben einander Tipps, was einen Ausflug wert wäre, lachten, zeigten uns die besten Schnappschüsse, ließen die Gläser klirren beim Anstoßen. Eberhardt hielt engagierte Monologe darüber, wie ich mich genau zu verhalten hätte, wenn ich im Meer in einen Strudel gerate und ich hörte ebenso engagiert zu, obwohl ich ahnte, dass ich dieses Wissen bei den paar Metern, die ich ins Meer gehe, nicht brauchen würde. Uschilein war jeden Abend damit beschäftigt, eine neue Ansicht der Bucht in ihren Whatsapp-Status zu stellen, wobei Unterschiede zwischen diesen Bildern wohl keine andere als Uschilein erkennen konnte.

Mit Mallorca-Auge

Am letzten Abend gab es keine großen Abschiedstiraden, kein Austausch von Telefonnummern. Was in der Hotelbar war, bleibt in der Hotelbar. Einzig Eberhardt schob mir ein kleines Mallorca-Auge rüber, das Gehäuse einer Meeresschnecke, die man mit etwas Glück am Strand finden kann. Dann winkten wir einander zu und verschwanden in unsere Leben.

Hier zu Hause an meinem Schreibtisch mit Blick auf das kleine Mallorca-Auge fasziniert mich diese Hotelbar mit ihrer ganz eigenen sozialen Logik immer noch. Nähe bei maximaler Unverbindlichkeit. Gemeinschaft auf Zeit. Dazugehören und nicht festgehalten werden. Und ich frage mich beim langsamen Hinübergleiten in den Arbeitsalltag, ob meine Kirche nicht auch ein klein wenig so sein könnte wie diese Hotelbar. Ich würde hingehen und einen Gin Tonic bestellen.

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