Vom Massenmedium zum Unikat

Das Berliner Kupferstichkabinett zeigt die erstaunliche Geschichte des Holzschnitts
Giuseppe Scolari, „Hieronymus in der Wüste“, 1592–1607, Holzschnitt.
Fotos: © Staatliche Museen zu Berlin, Kupferstichkabinett/Dietmar Katz
Giuseppe Scolari, „Hieronymus in der Wüste“, 1592–1607, Holzschnitt.

Das Berliner Kupferstichkabinett will in einer Reihe von Ausstellungen verschiedene druckgraphische Techniken in den Blick nehmen. In diesem Sommer starten sie mit dem Holzschnitt, der in der Vielfalt seiner Möglichkeiten von 1400 bis in die Gegenwart vorgestellt wird.

Es war nicht nur die Erfindung des Buchdrucks, die der Reformation zu rascher Verbreitung verholfen hat. Eine vermutlich ebenso große Rolle spielte dabei der Holzschnitt, mit dem sich Schrift und Bild auf einem Blatt vereinen und vervielfältigen ließen: ein erstes Massenmedium – bestens geeignet zur Herstellung von Flugblättern. Wer Holzschnitte nur als gerahmte Kunstwerke kennt, wird es kaum wissen, dass sie ursprünglich vor allem für den Gebrauch im Alltag bestimmt waren: als Andachtsbildchen, Spielkarten, Möbeldekorationen oder eben Flugblätter.

Der erstaunlich reichen Geschichte des Holzschnitts kann man in diesem Sommer im Berliner Kupferstichkabinett bis zum 11. September nachgehen und wird am Eingang gleich mit einer aus dem Holz eines Druckstocks geschnittenen Botschaft des Künstlers Nasan Tur empfangen: GEBEN IST NEHMEN. Nicht aus dem Mittelalter, sondern aus dem Jahr 2017 stammt das Werk und kann gewissermaßen als eine Beschreibung des Druckvorgangs beim Holzschnitt verstanden werden: Vom Druckstock wird Material weggenommen, er nimmt die Druckfarbe an und gibt sie schließlich an das Papier ab. Dieses Hochdruckverfahren war im neunten Jahrhundert in China schon bekannt, hat Vorläufer in verschiedenen Textilstempeln, konnte sich in Europa aber erst durchsetzen, als es möglich war, Papier preiswert zu produzieren: Die erste deutsche Papiermühle entstand 1390 in Nürnberg.

Bilder gab es nun nicht mehr nur in Kirchen und Palästen, sie waren als Holzschnitte vervielfältigt erschwinglich, man konnte sie – gewiss eine Sensation – zu Hause haben. Den Anfang machten die Heiligenbilder, die sicher nicht nur zur Andacht, sondern auch zum persönlichen Schutz zum Beispiel gegen die Pest erworben wurden. Um sie zu produzieren, entwickelte sich ein arbeitsteiliges Handwerk: Der Reißer legte den Entwurf auf dem Holzstock an, der Formschneider schnitt ihn zu, dann kam der Drucker an die Reihe und schließlich der Maler – die frühen Holzschnitte hatten in der Regel nur wenige Konturen und waren dafür bestimmt, koloriert zu werden. Funktional dachte man bei der Herstellung der Vorlagen: Mit Hilfe von Wechselstöcken konnte aus einer Heiligen Ursula schnell eine Heilige Dorothea gemacht werden, indem nur ihre Attribute ausgetauscht wurden. Aber es zog mit den preiswerten Bildern nicht nur die Frömmigkeit in die Privatgemächer ein, sondern auch die Möglichkeit zum Kartenspiel, was auf einem kunstvollen Holzschnitt aus dem frühen 16. Jahrhundert zu den Prassereien gezählt wird, denen sich ein „verlorener Sohn“ hingibt.

Wie auf Instagram

Und es wurden – wie heute auf Instagram – Sensations-Bilder feilgeboten, deren berühmtestes gewiss das indische Rhinozeros von Albrecht Dürer ist. Dürer zeichnete es nach der Beschreibung eines in Lissabon ansässigen Buchdruckers. Sein Holzschnitt wurde ein Riesenerfolg und prägte lange Zeit die Vorstellung vom Aussehen dieses Tieres. Zuvor schon hatte Dürer bewiesen, dass feinste Linienkunst im Holz genauso möglich war wie im beinahe gleichzeitig entdeckten Kupferstich. Davon zeugt in der Ausstellung ein noch im 15. Jahrhundert entstandener Holzstich, auf dem ein faltenreich gewandeter Samson einen üppig gelockten Löwen besiegt. Zu Unrecht ist der Formschneider, der Dürers Zeichnung auf den Druckstock brachte, unbekannt geblieben. Da waren die Italiener weiter, bei denen die Formschneider als Künstler nicht unbenannt blieben: Ein großes Venedig-Panorama „nach Tizian“ zeugt im Kupferstichkabinett davon, dass es den Holzschnitt auch im Wandformat gab, wozu dann nicht weniger als 14 Druckstöcke nötig waren.

An räumlicher Tiefe und Plastizität gewannen die Holzschnitte der großen Künstler, als zu Beginn des 16. Jahrhunderts sowohl in Italien als auch in Deutschland mit Farbe auf den Druckstöcken experimentiert wurde – so raffiniert, dass die Linien sogar zurücktreten konnten. Daneben empfahl sich der Holzschnitt aber vor allem, weil er sich als Hochdruckverfahren mit dem Buchdruck verbinden ließ: 1534 erschien die erste mit kolorierten Holzschnitten illustrierte Bibel in Weimar, gegen Ende des 16. Jahrhunderts dann die höchst eindrucksvolle „Schedelsche Weltchronik“ mit über 1800 erklärenden Bildern. Inzwischen hatte man allerdings eingesehen, dass sich Kolorierung und hohe Auflage nicht miteinander vertrugen. Umso mehr Mühe gab man sich nun mit der Linienführung – das bereitete den Weg für künstlerische Höchstleistungen.

Als eine kostengünstige Technik der Illustration sollte der Holzschnitt dann im 19. Jahrhundert noch einmal einen Boom erleben, nachdem er im 17. und 18. Jahrhundert zugunsten der vermeintlich feineren Tiefdruckverfahren ziemlich in Vergessenheit geraten war. Aber nun hatte man in England das Verfahren des Holzstichs (die Xylographie) erfunden, bei dem auf härterem Holz nicht mehr geschnitten, sondern gestichelt wurde – eine Methode, die feinste Zeichnung und hohe Auflagen erlaubte. Das entsprach sowohl dem Geschmack als auch dem Bedarf der Zeit, in der immer mehr Menschen mit Zeitschriften, Taschenkalendern und Unterhaltungsliteratur umgingen. Solange Fotos noch nicht gedruckt werden konnten, blieb der Holzstich das Mittel der Wahl für alle Arten von illustrierter Literatur. Ausgeführt wurde er vom Berufsstand der Xylographen, bis heute vertraut geblieben ist er dank der unvergänglichen Bildergeschichten von Wilhelm Busch, aber auch der reich umrankten Märchenbilder von Ludwig Richter und der Bilderbibel von Julius Schnorr von Carolsfeld. Dabei spielte insbesondere in Deutschland gar nicht nur das innovative Verfahren eine Rolle, sondern auch die romantische Rückbesinnung auf die altdeutschen Meister.

Aber als 1867 durch die Pariser Weltausstellung japanische Farbholzschnitte in Europa bekannt wurden, war auch das Interesse der künstlerischen Avantgarde wieder geweckt: Ihr Farbenreichtum und die flächige Komposition faszinierten und inspirierten Künstler wie Vincent van Gogh, Claude Manet und Camille Pissaro.

Manche bemühten sich, die andersartige Technik zu erlernen, bei der es vor allem auf die Kolorierung zahlreicher Druckplatten mit einem Pinsel ankommt, um eine aquarellähnliche Wirkung zu erzielen. Zugleich ging es den Künstlerinnen und Künstlern zu Beginn des 20. Jahrhunderts auch darum, Prägnanz und Ausdrucksstärke durch Vereinfachung der Formen zu erreichen – über den Jugendstil führte der Weg zum Expressionismus. Zwei berühmte Bilder verdeutlichen in der Ausstellung den dazwischen liegenden Bruch: „Der Kuss“ – einmal als fließend dekoratives, symbolistisches Werk von Peter Behrens und dann das auf eine Silhouette reduzierte innige Paar von Edvard Munch, der mit der spröden Materialität des Druckstocks bewusst umgeht.

Reduktion und Ursprünglichkeit

Darin folgen ihm die expressionistischen Künstler der Brücke, die nach Reduktion und Ursprünglichkeit suchen. Sie schneiden ihre Druckstöcke selbst und verstehen ihre ebenfalls selbstgefertigten Drucke als Unikate. Ernst-Ludwig Kirchner, Karl Schmidt-Rotluff und Käthe Kollwitz sind in der Ausstellung eindrucksvoll vertreten, weil das Kupferstichkabinett ihre Werke großzügig ankaufte und auch vor den Nationalsozialisten rettete.

In der Gegenwart schließlich, dem Zeitalter von Siebdruck und massenhafter digitaler Bildproduktion, ist es dann gerade die Langsamkeit des Holzschnittverfahrens, die Widerständigkeit und Naturnähe des Materials, das Künstlerinnen und Künstler reizt, Strukturen in besonderer Weise sichtbar zu machen oder auch wie Gerhard Altenbourg nur noch eine „verwehte Spur“ in die Maserung einzutragen. Werke unter anderen von Joseph Beuys, Georg Baselitz, Anselm Kiefer zeugen davon, dass die Zeit des Holzschnitts keineswegs vorbei ist. Es gibt viel zu entdecken in der angenehm konzentrierten Ausstellung, die von der ursprünglichen Begeisterung über die Möglichkeiten eines Massenmediums im Mittelalter zur Wiederentdeckung des Holzschnitts als einer Kunst der handwerklichen Mühe und Naturnähe führt. Als ausgesprochen schön und informativ ist auch der reich ausgestattete Katalog (Verlag Hatje und Cantz, 208 Seiten, Euro 38) zu empfehlen. 

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Angelika Obert

Angelika Obert ist Pfarrerin im Ruhestand in Berlin. Sie war bis 2014 Rundfunk- und Fernsehbeauftragte der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz für den Rundfunk Berlin-Brandenburg (rbb).


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