Give me a hug, please

Über menschliche Leiber, göttlichen Geist und die Kunst
Foto: Privat

When the body says yes, unter diesem Motto stand der Beitrag der Niederlande auf der Biennale in Venedig 2022. Und statt in einem Pavillon wurden die vorbereiteten Arbeiten mit viel Hintersinn in der ehemaligen Kirche Chiesetta della Misericordia aus dem 13. Jahrhundert aufgebaut. Melanie Bonajo, die sich selbst als queere, nicht-binäre Künstlerin versteht, preist sich an als ‚somatischer Coach‘, ‚sexologische Körperarbeiterin‘ und ‚Moderatorin für Kuschelworkshops‘. Die Kirche als Ausstellungsort präsentierte sich prompt wie ein Kuschelzoo. Farbensatte Kissen luden zum entspannten Schauen ein. In Venedig zu sehen war eine Videoinstallation: eine Sequenz zeigte nackte Menschen, die sich berühren, umarmen und die coronabedingte Körperaskese wütend-kuschelig aufheben. Oder eine schwangere Frau wurde von einer Gruppe von Menschen nachhaltig gestreichelt. Eine andere Sequenz zeigte eine hoch diverse Gruppe, die Löffelschlafen praktizierte: Big spoon. „Healing is the new punk“, zitiert Niklas Maak die Künstlerin in seinem Beitrag in der FAZ.[1] Coolness war gestern. Und aggressiver Punk auch. Jetzt herrscht ein anderes Sentiment. Es gibt endlich wieder Lipstick-Spuren auf dem Körper (und der Kleidung). Leiberfahrung ist nicht länger toxisch. Und doch dachte ich beim Bestaunen des Videos die ganze Zeit: Hoffentlich sind alle Kuschelmonster viermal geboostert. Und natürlich wird die Kuschelkunst auch auf Tiere und Pflanzen ausgeweitet. Give me a hug, please. Umarmen statt ausbeuten.

Offenbar kann auch die Kunst mit Heil aufwarten und schließt eine große Koalition mit der Kirche. Darin besteht die nicht eben kleine Kraft der oder dieser Kunst: Sie inszeniert positive Erfahrungen von Heil und zeigt keine Berührungsängste vor religiösem Vokabular. Heil ist hier eine positive leibliche Erfahrungsqualität: körperliche Nähe, das zärtliche Streicheln, der elektrisierende Hautkontakt, die leibliche Geste der Umarmung, die vor der Vereinzelung (und Ausbeutung, wie Melanie Bonajo behauptet) schützt; Löffelschlafen, mit dem ganzen Körper der Partnerin, des Partners Kontakt halten, umarmt werden, um durch das Dunkle der Nacht zu reisen, eingeschlossen die Kunst, sich nachts mehrmals wie Synchronschwimmer umzudrehen, damit auch der/die andere in den Arm genommen wird. Negative Erfahrungsqualitäten müssen deshalb präventiv als Leidensverhinderung bearbeitet werden.

Mittlerin von Heil?

Das ist neu: Heil ist nicht länger Kontrastbegriff zur Sünde. Hoch elegant spielt die Künstlerin auf die verblassende sündentheologische Hintergrundstrahlung an, weil ihre sexnahen Bilder an Augustin erinnern, der frech behauptete, die berüchtigte Erbsünde würde geschlechtlich unter Tage weitergereicht. Keiner kann ihr also entfliehen. Das war gestern.

Aber Einspruch: Geht das? Ist Kunst Mittlerin von Heil? Echt? Ich will nur erinnern: Der Protestantismus wurde seit den heroischen Zeiten der Reformation nicht müde zu betonen: Glaube und Heil sind Zeichen der Gnade und bitte als Geschenk zu deuten! Heilerfahrung wurde mit einer Passivitätsgarantie versehen, die sich unverfügbar einstellt. Von einer Mitarbeit auf Seiten der sündigen Empfänger war nicht die Rede. Beileibe nicht unterschwellig wird diese Sicht der Dinge diktiert von einem mitgeschleiften pessimistischen Menschenbild: Jeder Mensch ist ein Sünder, deshalb ist es besser, ihn ganz aus dem Spiel zu nehmen. Andererseits: Der heilige Geist, in seiner Arbeitsplatzbeschreibung unter anderem zuständig dafür, durch die Kraft Gottes zu wachsen, weht wo er will, bitteschön. Das Zauberwort lautet: Kontingenz, wird anthropologisch als Widerfahrnis gedeutet, das sich zufällig, sprich: unverfügbar ereignet. Aber vielleicht hat der heilige Geist Lieblingsorte, wo er sich zeigt? Kann man Kontingenz, kann man das Unverfügbare inszenieren? Und warum nicht in der Kunst? Oder in der Wissenschaft? Und ist die Natur nicht auch eine Bühne für tragende Erfahrungen des Unverfügbaren? Gibt es eine Roadmap zur den Orten des Heiligen?

Nächster Blog: Borkum, Wattenmeer: Priel-Angst und Brandgans-Trost

 

[1] Niklas Maak: Surrealismus und Krieg: Die Kunstbiennale in Venedig, in FAZ 23.04.2022: https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/kunst-und-architektur/surrealismus-und-krieg-die-kunstbiennale-in-venedig-17975226.html

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Klaas Huizing

Klaas Huizing ist Professor für Systematische Theologie an der Universität Würzburg und Autor zahlreicher Romane und theologischer Bücher. Zudem ist er beratender Mitarbeiter der zeitzeichen-Redaktion.


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