Anschaulich

Biblisches Judentum

Die Funde von Qumran ziehen noch immer ein so hohes Interesse auf sich, dass das anzuzeigende Buch sensationslüstern mit der Frage beworben wird, ob etwa Johannes der Täufer oder Jesus aus Qumran kamen. Dass solche Thesen im Diskurs längst verabschiedet sind, ficht die Werbestrategen nicht an. Auch dass hier eine „bahnbrechende“ Einführung vorgelegt, „viele gängige Hypothesen verabschiedet“ würden, lässt sich bei aufmerksamem Lesen nicht erkennen.

Die Besonderheit des Buches liegt nicht so sehr in der Darstellung der Qumran-Funde, dafür gibt es andere und zum Teil präzisere Darstellungen. Interessanter ist die Perspektive auf das, was Kratz als „biblisches“ im Unterschied zum nicht-biblischen Judentum bezeichnet. Für Letzteres spiele die biblische Überlieferung keine besondere Rolle. Die Existenz eines solchen nicht-biblischen Judentums wird aus fragmentarischen Nachrichten erschlossen, die von jüdischen Gemeinden aus Ägypten, Mesopotamien und dem Wadi Daliyeh in Israel stammen. Allerdings ist aufgrund der schlechten Materiallage kaum sicheres Wissen über diese Gemeinden gegeben, im Buch selbst werden sie nicht genauer vorgestellt.

Demgegenüber habe das biblische Judentum die Hebräische Bibel als Identitätsmarker und religiöse Bezugsgröße. Dazu kommen Texte, die nicht in den hebräischen Kanon aufgenommen wurden, die Apokryphen und Pseudepigraphen. Ihr Materialbestand hat sich durch die bisher unbekannten Texte aus Qumran dramatisch erweitert. Zusammenfassend werden sie als parabiblische Schriften bezeichnet und dem (nach-)biblischen Judentum zugeordnet, obwohl sie thematisch sehr uneinheitlich sind.

Die ersten Kapitel des Buches zeichnen Fundumstände und die Forschungsgeschichte nach, dazu die ersten Deutungsversuche, die die Siedlung von Qumran mit der Gruppe der Essener in Verbindung brachte. Dann werden Entstehung und Überlieferung der Texte dargestellt, was ein gutes Bild von der Komplexität von Textkritik und -rekonstruktion vermittelt. Es fällt auf, dass die übliche Trennung zwischen den Schriften der Qumran-Gemeinde und Texten anderer Herkunft nicht strikt durchgeführt wird; dies ist ein Ergebnis des weiten Verständnisses von parabiblischer Literatur. Daher wird auch „Qumran“ sehr breit verwendet; der Begriff bezeichnet eher die Bewegung der Frommen über einen längeren Zeitraum hinweg als die konkrete Siedlung und ihre Bewohner.

Im fünften Kapitel werden Schriften vorgestellt, aus denen die Organisation der Gemeinschaft und ihre religiösen Grundansichten rekonstruiert werden können. In Kapitel sechs bis zehn kommt danach der besondere Zugang von Kratz zum Tragen: Die Qumran-Texte werden nicht isoliert, sondern als Teil der umfassenden Literaturgeschichte der Hebräischen Bibel begriffen. Dazu werden verschiedene Diskurse geschildert, die in der Bibel beginnen und in den parabiblischen Schriften weitergeführt werden, zum Beispiel der mosaische Diskurs über die Tora und ihre Entstehung und der Israel-Diskurs über die Deutung der Geschichte. Am ältesten ist der prophetische Diskurs, der bis ins achte Jahrhundert zurückgeht und versucht, das Gottesverhältnis Israels zu bestimmen und künftig zu sichern. Zu nennen sind noch der davidische Diskurs zu Psalmen und Kultus und der salomonische und henochische Diskurs zu Weisheit und apokalyptischem Weltverständnis. So wird anschaulich, wie die bisherige Theologie aktualisiert und der veränderten Situation im hellenistischen Umfeld angepasst wird; das „biblische“ Judentum entsteht. „Qumran“ ist demnach keine einheitliche Größe mit abgeschlossener Theologie, sondern eine intellektuelle Bewegung, die sich im dritten Jahrhundert gebildet hat und deren Mechanismen zur Textdeutung in Christentum und Judentum weiterleben.

Das Buch ist nicht nur eine leicht lesbare Darstellung dieser Qumran-Deutung, sondern auch – trotz zum Teil strittiger Positionen – eine gut verständliche Einführung in Fragestellungen und Arbeitsweisen der alttestamentlichen Wissenschaft.

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