Grüner wird’s nicht

Alle Jahre wieder: hohe Kirchenaustrittszahlen
Foto: Rolf Zöllner

Kennen Sie noch die Dresdner Bank? 1984 warb sie mit dem Jingle „Mit dem grünen Band der Sympathie …“ und knapp zwanzig Jahre später mit Fußball-Legende Günter Netzer, der auf der Rückbank eines Taxi dem etwas langsamen Fahrer zu knurrte: „Grüner wird’s nicht … .“ Diese miss­mutige Prognose scheint auch für die Entwicklung der Kirchenaustritts­zahlen zu gelten: So ging 2020, im ersten Corona-Jahr, die Zahl der evangelischen Kirchenaustritte um 50 000 auf „nur“ 220 000 im Jahr zurück. Die Gründe dafür mögen vielfältig gewesen sein. Ein häufiger Grund aber könnten ganz banal die stark eingeschränkten Öffnungszeiten der Ämter gewesen sein, die man auch heute noch zum Behufe eines Kirchenaustritts auf­suchen muss. Doch die Erholung war von kurzer Dauer, denn im zweiten Corona-Jahr 2021 erreichten die Austritte mit 280 000 den in absoluten Zahlen höchsten Stand seit 1995. Damals hatte es knapp 300 000 Austritte gegeben – allerdings gab es damals auch noch gut 28 Millionen evangelische Kirchenmitglieder. Heute sind es mit 19,75   Millionen insgesamt deutlich weniger. Insofern gab es 2021 die prozentual höchste Kirchenaustrittszahl überhaupt zu verzeichnen.

Wo soll das hinführen? Wird es auch mal wieder weniger? So wie Anfang der 2000er-Jahre, als auf einmal viel weniger Menschen austraten als in den 1990er-Jahren. So gab es im Jahr 2005 zum Beispiel nur 119 500 Austritte, und damals gehörten noch 25,4 Millionen Protestanten in Deutschland der Kirche an. Das entsprach einer Austrittsquote von weniger als einem halben Prozent!

Für 2021 sind es schon fast eineinhalb Prozent pro Jahr. Schriebe man diese Quote fort, würde es in der Tat 2060 soweit sein, dass sich die Mitgliedschaft der beiden großen Kirchen in Deutschland gegenüber 2020 halbiert hätte wie es vor drei Jahren die „Freiburger Studie“ voraussagte. Diese Studie löste 2019 eine gewisse Über­raschung und kirchen­leitenden Reformüber­legungen aus.

Mit hoher Wahrscheinlichkeit aber wird das Abschmelzen der Kirchenmitglieder in den kommenden Jahren sogar deutlich schneller gehen. Warum? Die Kirchenaustritte könnten eine galoppierende Entwicklung nehmen, schließlich wurden in der jüngeren Vergangenheit und werden auch weiterhin  immer weniger Kinder evangelisch getauft. Und letztlich ist die Zahl der Getauften, die dann mutmaßlich auch die eigenen Kinder taufen lassen, viel wichtiger als die Zahl der Austritte.

Die EKD-Spitze reagierte jüngst recht gelassen auf die unerfreulichen Zahlen. Das ist gut, denn aktivistisches Flügelschlagen wird den Megatrend des Traditions- und Religions­abbruches in unseren Breiten nicht stoppen können. Anders gesagt: Grüner wird’s wohl nicht mit der Entwicklung der
Kirchenaustritte in Deutschland.

P.S.: Die Dresdner Bank gibt es nicht mehr. Sie fusionierte 2009 mit der Commerzbank. Die evangelische Kirche hingegen wird hoffentlich Kirche für das ganze Volk bleiben, egal, wie klein sie auch werden wird. Denn letztlich ist sie keine quantitative, sondern eine qualitative Größe. Und was das angeht, ist sie immer­-grün. 

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