#DiePassion – irritierend anders

Ein TV-Event zwischen Begeisterung und Häme
The Passion, RTL 13.4.2022
Foto: epd
"Die Passion" – die moderne Version der Leidensgeschichte Jesu wurde in Essen am 13. April von RTL in Szene gesetzt. Hier der Schlussegen.

RTL hat mit dem Musical-Event „Die Passion“ kurz vor Ostern TV-Neuland in   Deutschland beschritten: eine moderne Inszenierung der Passionsgeschichte mit bekannten KünstlerInnen und Pop-Songs, die die Gemüter bewegt und irritiert – und das war aus mehreren Gründen gut so, meint Daniel Hörsch von der evangelischen Arbeitsstelle für missionarische Kirchenentwicklung und diakonische Profilbildung (midi) in Berlin.

Für RTL war das Projekt ein voller Erfolg. Durchschnittlich schauten 2,91 Millionen ZuschauerInnen die Übertragung des TV-Events aus Essen, so der Branchendienst DWDL, was einem Marktanteil von 11,1 Prozent entspricht. Vor allem in der Zielgruppe der 14-bis 49-Jährigen konnte die Sendung mit 860 000 ZuschauerInnen punkten. „Mehr junges Publikum erreichte an diesem Abend nur die ‚Tagesschau‘“.

„Die Passion“, sie war auch ein Medienereignis. Kaum ein Leitmedium, was nicht im Vorfeld oder Nachgang zur Sendung darüber berichtete. Dabei reichten die Schlagzeilen und Kommentierungen von Anerkennung bis hin zum feuilletonistischen Verriss.

Es ist erstaunlich, mit welch unverblümter Härte, Leitmedien im Nachgang mit dem TV-Event ins Gericht gegangen sind. Beinahe könnte man den Eindruck gewinnen, als wäre der Musical-Event eine blasphemische Aufführung gewesen. Verena Maria Dittrich bemüht gar die Vergebungsformel des Vaterunsers, um ihre Fremdscham über das angebliche Trash-TV-Format auszudrücken. Andrea Diener von der FAZ stößt in dasselbe Horn, wenn sie vom „Hochamt des Trash-Fernsehens“ schwadroniert oder aber Christian Vock die „Andreasbouranisierung der Bibel“ kritisiert. Man durfte von diesem Event „schon einiges erwarten“, wie das Andrea Diener in der FAZ zurecht konstatierte, ohne dass sie allerdings ausführt, worin ihre Erwartungshaltung bestand.

Ganz anders als Johann Sebastian Bach

Ganz bestimmt konnte man erwarten, dass das Live-Event so ganz anders sein würde als die Passionsspiele in Oberammergau oder die konzertanten Aufführungen einer Matthäus- oder Johannespassion des altehrwürdigen Johann Sebastian Bach.

RTL als Veranstalter ließ erwarten, dass das Format eingepasst sein würde in die Zielgruppenformate des Senders, die von GSZS, über DSDS bis hin zu Reality-Formaten reicht. Entsprechend wundert es auch nicht, dass eine Reihe von Pop-SängerInnen aus entsprechenden Musikformaten in der Passionsgeschichte auftrat. Zu glauben, man würde für die Passion gewohnte Choräle zu hören bekommen, wie „Oh Haupt voll Blut und Wunden“ oder „Oh Mensch, bewein dein‘ Sünde groß“ wäre sicher fehl am Platz gewesen. Vielmehr wurden Titel aus der Popmusik ausgewählt, die zum einen anschlussfähig waren für den Musikgeschmack des Zielpublikums und zum anderen metaphorisch zur Passionsgeschichte passten. Dass das eine Geschmackssache ist, steht außer Frage; im Übrigen gilt dies auch für die Bach’schen Passionen.

Elementarisierung statt Trivialisierung?

Vielfach wurde von Seiten der bildungsbürgerlichen KommentatorInnen die ‚Trivialisierung der Passionsgeschichte‘ bemängelt. Vielleicht war es weniger eine Trivialisierung denn vielmehr der Versuch einer Elementarisierung der Passionsgeschichte, die notwendiger denn je ist, angesichts einer Zeit, in der sich viele Menschen in die „transzendentale Obdachlosigkeit“ (Rüdiger Safranski) begeben haben.

Immerhin: Bei zahlreichen KommentatorInnen in den Leitmedien ist deutlich ein kirchlich-religiöser Sozialisationshintergrund zu erkennen, der unter Umständen auch ursächlich ist für das unausgesprochen brachial anmutende Verteidigen traditionell-hochkultureller Formatierungen der Passionsgeschichte.

Wann hat es das zuletzt gegeben, dass ein TV-Event mit religiösem Inhalt zum Twitter-Trend ansetzte. So geschehen am Mittwoch vor Ostern: nahezu 36 000 Tweets rund um #DiePassion. Ein archaisches Spektakel, das an den römischen Brot-Spiele-Zirkus erinnerte, dabei hat Twitter in Deutschland einen Marktanteil von gerade einmal 6,3% (März 2022) bezogen auf die Social-Media-Kanäle. Umso erstaunter auch die Leitmedien in ihren Kommentierungen angesichts der Häme auf Twitter einerseits und dem Quotenerfolg des TV-Senders andererseits. Was für eine Ambivalenz!

Vielleicht wäre es angezeigter, dem Sturm im Wasserglas einer Twitter-Blase nicht die gesellschaftsrelevante Bedeutung zuzumessen, wie dies häufig der Fall ist. Der Trend auf Twitter zeigt allerdings: auch hier war #DiePassion Gesprächsstoff, vor allem die kritischen Kommentierungen des „Wie“, also die dramaturgisch-musikalische Umsetzung stand im Mittelpunkt. Es ist mit Blick auf die Tweets zu vermuten, dass es sich bei den KommentatorInnen mehrheitlich um der Kirche Fernstehende und der Kirche so oder so grundsätzlich kritisch Gegenüberstehende handelt.

Von Gänsehautmomenten und „Pipi in den Augen“

Ganz anders als auf Twitter ist das Bild, das sich beim Blick auf Facebook-Posts ergibt. Die Kommentierungen zeigen zu einem großen Teil, dass Menschen berührt wurden, auch wenn sie der Kirche fernstehen: „Es war wunderschön, bin nicht gläubig aber bin so gerührt. Ein Lieblingslied nach dem anderen. Vielen Dank für diesen schönen Abend“ oder aber sich AgnostikerInnen angesprochen fühlten: „Mega!! Ich bin nicht in der Kirche- glaube aber trotzdem an etwas Höheres. Das war so schön- hatte Pipi in den Augen!!!“.

Es scheint gelungen zu sein, durch die Songauswahl und die Identifikation mit den Popsängern bei den ZuschauerInnen eine Emotionalität zu erzeugen, die für Viele nur schwer in Worte zu fassen war. Emilia Handke von Kirche im Dialog der Nordkirche ist zuzustimmen, wenn sie im Nachgang zum TV-Event auf Facebook für sich festhält: „Große Gefühle! Ich wünschte, wir würden das in der Kirche auch öfter schaffen …“ Was wäre eine Kirche ohne diese großen Gefühle, die nichts anderes sind als Momente des Ergriffenseins.

Endlich: Irritation!

Ja, vermutlich wäre Jesus, würde er in der heutigen Zeit leben, ein Influencer, würde sich in Kaufhauspassagen und durch die Straßen der Stadt bewegen, den ÖPNV nutzen und an einer Curry-Wurst-Bude anzutreffen sein. Jesus von Nazareth wirkte auf den Straßen nicht in den Tempeln, so verwunderlich dies für heutige Zeiten auch sein mag, in denen sich kirchliches Leben zumeist in Kirchenräumen abspielt.

Nimmt man den TV-Event, die Kommentierungen in Echtzeit auf Twitter und das Medienecho im Nachgang, als Szenerie, so sind doch zahlreiche KommentatorInnen nichts anderes als scheinheilig anmutende Polemiken und der Versuch, eine Irritation in die Schranken zu weisen. Die Twitter-Gemeinde mutet an wie die Gruppe römischer Soldaten, die am Kreuz Jesu um dessen Kleider buhlten und den Gekreuzigten verhöhnen. Mein Fazit: Etwas Authentischeres als #DiePassion hätte man sich vor Ostern für die Ungeheuerlichkeit der Geschichte hinter der Geschichte der Passion nicht wünschen können!

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Daniel Hörsch

Daniel Hörsch, Sozialwissenschaftlicher Referent Ev. Arbeitsstelle midi (Berlin), Schwerpunktthemen: Kirche in der Pandemie, Wandel der Zugehörigkeiten und Sozialgestalt von Kirche, Kirchenmitgliedschaft, Lebenswelt- und sozialräumliche kirchliche Praxis.


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