Der Fetisch der 50 Prozent

Karsamstagsgedanken zur Entwicklung der Kirchen in Deutschland
Foto: privat

Haben Sie die neueste Zeitenwende bemerkt? In dieser Woche berichteten Nachrichtenagenturen und zahlreiche Medien, dass erstmals „seit Jahrhunderten“ der Anteil der Kirchenmitglieder an der deutschen Bevölkerung unter 50 Prozent gesunken sei. Vielleicht sind auch Sie mit mir gemeinsam über die exakte Kirchenmitgliedschaftserhebung, sagen wir, seit der Reformationszeit überrascht, aber bleiben Sie dran:

Carsten Frerk, Sozialwissenschaftler der Forschungsgruppe Weltanschauungen in Deutschland (fowid), einem Projekt der religionskritischen Giordano-Bruno-Stiftung, hält fest: „Es ist eine historische Zäsur, da es im Ganzen gesehen, seit Jahrhunderten das erste Mal in Deutschland nicht mehr ›normal‹ ist, Kirchenmitglied zu sein.“ Doch trösten wir uns, denn die Agenturmeldung ergänzt: „Da es außerhalb der großen Kirchen noch ein paar Millionen weitere Christen gibt, zum Beispiel Freikirchler und Christlich-Orthodoxe, liegt die Quote der Christen hierzulande nach wie vor bei mehr als 50 Prozent.“

Ja, was denn nun? Ich lehne mich weit aus dem Fenster und sage: Es ist egal. Die 50-Prozent-Marke ist jedenfalls in keinem Fall so bedeutsam, wie sie von den Medien und von ohnehin beunruhigten christlichen Religionsbediensteten empfunden wird. Wohl gibt sie gute Schlagzeilen her, die die immer wiederkehrenden Kirchenmitgliedschaftszahlen-Artikel gut gebrauchen können.

Seit Jahr und Tag veröffentlichen die beiden großen Kirchen ziemlich exakte Mitgliedschaftszahlen. In diesem Jahr sind die EKD und einige Landeskirchen damit sehr früh dran gewesen. Was man damit gewinnen wollte, bleibt unklar. Im Juni werden zum gewohnten Termin die römisch-katholischen Bistümer nachziehen, die wohl zum dritten Mal in Folge mehr Austritte als die evangelischen Kirchen vermelden werden. Das ist eine Folge der tiefen Vertrauenskrise im Anschluss an den Skandal des sexuellen Missbrauchs und die versemmelte Aufarbeitung desselben. Auch die evangelischen Kirchen sind von diesem Sog zum Teil betroffen. Da auch bei ihnen, was die Aufklärung und Aufarbeitung von Missbrauchsverbrechen in den eigenen Reihen angeht, viel im Argen liegt, geht das schon in Ordnung. Überhaupt: Den größten Anteil am Schrumpfen der beiden großen Kirchen macht sowieso der unvermeidliche demographische Wandel aus. Oder positiv geframed: Die Abberufung der starken Kirchenjahrgänge in die himmlische Ruhe.

Verfall nicht nur miterlebt, sondern bezeugt

Zu diesen festen Terminen, die seit jeher dem Gejammer über sinkende Mitgliedschaftszahlen gewidmet sind, treten die großen Feste des Kirchenjahres, zu denen – wenn überhaupt noch über „die“ Kirche berichtet wird – des bedauerlichen Zustandes des christlichen Kultus gedacht oder eben ganz generell der Schwund religiöser Bindung und damit Orientierung betrauert wird. Im Wesentlichen ist dies alles eine bürgerliche Kasualie, die der Selbstversicherung darüber dient, den Verfall der abendländischen Kultur nicht nur miterlebt, sondern auch bezeugt zu haben.

Die Deutungen und Besserungsvorschläge unserer Tage unterscheiden sich nicht von denen, die bereits seit Jahrzehnten vorgetragen werden. Überhaupt darf man sich, religionssoziologisch einwandfrei, mal fragen, was denn seit dem Jahr 2000 wirklich so anders geworden sein soll? Das sind immerhin auch schon 22 Jahre, also keine kurze Zeit. Ja, die Missbrauchskrise halt! Okay, aber anders als es auch jetzt geschwind von Expert:innen verlautbart wird, treten Menschen aus den Kirchen eher weniger aus Empörung über fernes Leid aus, sondern a) wenn sie jünger sind, weil ihnen „die“ Kirche nichts (mehr) gibt oder b) wenn sie älter sind, weil sie konkrete, persönliche Enttäuschungen und schlechte Erfahrungen gemacht haben.

Es gehört wenig Fantasie dazu, sich vorzustellen, dass darunter zwar nicht der Allgemeinzustand der evangelischen Predigt oder die Frage des Alten Ritus in der katholischen Kirche zählen, sehr wohl aber das Erleben eines konkreten Priesters oder einer konkreten Pfarrerin im persönlichen Nahkontakt zum Beispiel im Falle des Ablebens einer Verwandten oder auch eine lieblose Kasualgestaltung bei Taufen oder Trauungen. Und ja, die Kirchen verlieren auch Mitglieder, weil sie ihnen zu verschlossen und rückständig (katholisch) oder zu offen und „linksgrünversifft“ (evangelisch) sind. Diese Zusammenhänge sind unter den Schlagwörtern Individualisierung und Pluralisierung in den vergangenen Jahrzehnten – evangelisch gesprochen – durchdekliniert worden.

Nun also weniger als die Hälfte! So ist das halt, würde ich meinen. Man wird sich daran gewöhnen, den Hinweis darauf als Argument in Debatten nun häufiger zu hören zu bekommen. Was ist zum Beispiel mit dem Tanzverbot an Karfreitag? Ist das Verbot nicht einfach nur überholt und unzeitgemäß, sondern einer Gesellschaft, die sich mehrheitlich keiner Kirche mehr zugehörig fühlt, nicht mehr zuzumuten? Wie viel „Christentum“ in der Öffentlichkeit und in den Institutionen unseres weltanschaulich neutralen Staates ist zumutbar, wenn doch die Hälfte (bald: „mehr als die Hälfte“) der Leute keine Kirchensteuer mehr zahlt?

Anliegen inhaltlich begründen

Meine Antwort ist: Gerade so viel wie auch vor Erreichen der „historischen Zäsur“. Wenn das beste Argument für das Tanzverbot an Karfreitag (nur als Beispiel) wirklich das Mehrheitsargument war, dann weg damit! Die Kirche muss inhaltlich begründen, was ihre Anliegen sind. So war das schon länger, auch wenn ich zugebe, dass es natürlich in den Kirchen auch Leute gibt, die sich auf der Mehrheit bisher ganz gut ausgeruht haben. Die Minderheitensituation trägt den Kirchen die inhaltliche Fokussierung auf.

Dazu gehört die für die aufgeblähten Kirchenapparate unbequeme Erkenntnis, dass Menschen bei der Kirche nach Frömmigkeit, nach Glauben suchen. Und, wenn sie den dort nicht finden, zurecht die Frage nach dem Sinn des ganzen Unterfangens stellen. Alle Hinweise auf die Bedeutung der Kirchen für „den gesellschaftlichen Zusammenhalt“, das großartige diakonische Engagement und den Fortbestand von Werten und Traditionen werden dadurch nicht entwertet, aber ins richtige Licht gerückt.

„Kirche, puh, muss man da gläubig sein?“ Diese Frage habe ich hier bei mir im Osten schon hundertfach gehört. Übrigens sehr häufig von den jungen Menschen, die aus Westdeutschland hierher zum Studium kommen, also Fleisch vom Fleische der bürgerlichen Kirchen sind. Die Antwort darauf darf kein bundesrepublikanischer Sermon über dies oder das sein, dem man vor allem die Scham über die eigene religiöse Tradition abschmeckt. Ja, in der Kirche wird geglaubt, oder es ist keine Kirche mehr.

In der Beschränkung, so verkünden es die Kirchen seit jeher während der vorösterlichen Fastenzeit, liegt Freiheit. Freiheit, sich von manchen Ansprüchen frei zu machen, die man sich in selbstverliebter Allzuständigkeit aufgehalst hat. Kirche muss nicht allen gefallen! Sie muss nicht von allen verstanden, von allen wertgeschätzt, von allen respektiert werden, auf alles eine Antwort haben, damit ich in ihr Trost erfahre und Halt im Glauben finde. Sie darf sogar gerne im Konzert der unterschiedlichen Religionen als Schwester unter Schwestern eine ganz eigene Stimme erheben, die auch mal hübsch unverständlich und unverstanden verhallt. Die Kirche ist nicht die Heilanstalt des Landes, sie verkündet das Heil. Ich bleibe gerne Mitglied einer Kirche, die ihrer eigenen Verkündigung traut.

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