Marathonläufer des Friedens

Ein Hausbesuch bei Friedrich Schorlemmer, kurz vor Ostern
Friedrich Schorlemmer in seiner Wittenberger Wohnung, April 2022.
Foto: Paul-Philipp Braun
Friedrich Schorlemmer in seiner Wittenberger Wohnung, April 2022.

Es ist still geworden um Friedrich Schorlemmer, die Symbolfigur der kirchlichen Friedens- und Umweltbewegung in der DDR. Das Wort des Wittenberger Theologen hatte Gewicht, und es wäre gerade aktuell vonnöten, meint Willi Wild, Chefredakteur der Kirchenzeitung „Glaube und Heimat“ aus Weimar, der Friedrich Schorlemmer in diesen Tagen besucht hat.

Seine Stimme wird vermisst. Und dabei hatte er doch immer etwas zu sagen wenn er gefragt wurde – und ungefragt. Aber meistens wurde er gefragt, wenn es um Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung ging. Er war der personifizierte Konziliare Prozess. Eine Ikone der Friedens und Umweltbewegung. Und nicht zuletzt wurde er oft mit dem streitbaren Reformator verglichen, in dessen Stadt er sich niedergelassen hat. Ein Mann des Wortes, des deutlichen, eindeutigen und kraftvollen.

Die Botschaften aus der EKD wirken in diesen Tagen mitunter orientierungslos: Wenn beispielsweise die Ratsvorsitzende Annette Kurschus verkündet, es gebe kein Richtig oder Falsch in der Friedensethik. Das hat er immer anders gesehen. Frieden schaffen ohne Waffen. Punkt. Das hat auch viel mit der Friedensbewegung in der DDR zu tun. Die per se radikaler, klarer und mutiger war als die auf der anderen Seite. Weil man es ihr abverlangte. Es hat mindestens Mut gekostet, sich zu Friedensgruppen und zur Bergpredigt zu bekennen. Einige mussten für ihren Friedensprotest einen hohen Preis bezahlen.

Mehr als Symbolik

„Schwerter zu Pflugscharen“ (Micha 4) war mehr als ein Spruch auf einem Transparent oder ein Aufnäher auf einem Parka. „Schwerter zu Pflugscharen“, das war die praktische Handlungsanweisung und ein gesellschaftspolitisches Programm, das mit der Aktion beim Kirchentag in Wittenberg 1983, von Schorlemmer inszeniert, ins Licht einer breiten Öffentlichkeit gerückt wurde.

Dabei ging es um mehr als Symbolik. Schorlemmer und seine Mitstreiter machten mit der Aktion deutlich, dass friedensethische Überlegungen nicht nur im Gemeinderaum oder Studentenkeller angestellt werden dürfen. Sie müssen heraus. Handelnde müssen zum Umdenken gezwungen werden, damit das Wettrüsten ein Ende hat. Damit ist er immer angeeckt. Damals in der DDR und auch nach der Wende.

Was sagt er heute zu Putins Krieg in der Ukraine? Was hält er von der 100-Milliarden-Aufrüstung der Bundeswehr und den Waffenlieferungen in Krisengebiete? Er sprach sich damals zur Jahrtausendwende öffentlich gegen die von den USA, der Nato und Europa geführten Militäreinsätze in Serbien, Afghanistan und im Irak aus.

218 Regalmeter auf zwei Etagen

Das Telefon klingelt zweimal. „Ja, bitte?“ Es ist Friedrich Schorlemmers Stimme. Nein, er wolle sich nicht mehr öffentlich äußern. Es gehe ihm nicht gut, sagt er. Die Diagnose laute Lewy-Body-Demenz. Betroffene zeigen neben einer fortschreitenden Gedächtnis- und Bewegungsstörung schnelle Schwankungen der geistigen Fähigkeiten und ihrer Wachheit im Tagesverlauf. Die Krankheit sei zudem verbunden mit Parkinson. Das wirke sich vor allem auf das Kurzzeitgedächtnis aus. Schorlemmer geht offen mit der Erkrankung um. Er benennt am Telefon nüchtern die Einschränkungen und reflektiert sie. Er will in diesem Zustand nicht in die Öffentlichkeit. Er habe Weggefährten erlebt, die sich damit keinen Gefallen getan haben. Diese Peinlichkeit will er sich ersparen.

Er hält kurz inne und meint: „Es ist ja kein Radio oder Fernsehen. Kommen Sie vorbei, wenn es mir wieder besser geht.“ Ich könne gern Christina Neuß bei einem ihrer nächsten Termine im Hause des Theologen begleiten, meint er. Sie ist die Leiterin des landeskirchlichen Archivs und ordnet seit fast zwei Jahren mit ihm zusammen den Vorlass Schorlemmers. Als Vorlass bezeichnet man in der Archivsprache einen Nachlass, wenn derjenige, von dem man das Schriftgut übernimmt, an der Übergabe mitwirkt. Und Schorlemmers Vorlass ist etwas ganz Besonderes, sagt Neuß. 218 Regalmeter auf zwei Etagen in einem Wittenberger Altbau gilt es da zu sichten, zu ordnen und in Archivkisten zu packen. Wir verabreden uns für Anfang April.

Schorlemmer
Foto: Paul-Philipp Braun
 

Friedrich Schorlemmer empfängt uns schon auf der Treppe und bittet uns freundlich herein. „Kaffee oder Tee?“, fragt er und verschwindet summend in der Küche, um das Teewasser aufzusetzen. In der Zwischenzeit kann ich mir ein Bild von seiner Sammelleidenschaft machen. Er habe sein ganzes Leben lang Bücher gesammelt. Viele bekommt er von Autoren direkt. Das kann man an den Widmungen erkennen. „Dein Vaclav“ oder „Deine Margot“ sei da zu lesen, sagt Christina Neuß.

Schorlemmer kommt mit einem Tablett aus der Küche. Er hat Kuchen besorgt, Schoko- und Mohnkuchen. Als wir uns setzen, erzählt er, wie die Krankheit sein Leben verändert hat. „Eben ist es passiert. Gerade wollte ich Ihnen etwas erklären, und jetzt weiß ich nicht mehr, was ich sagen wollte. Ich überlege, aber da ist nichts.“ Es falle ihm schwer, auf sich verändernde Situationen zu reagieren. Er bekomme dann leicht Panikattacken. Das sei sehr unangenehm. „Aber es gibt Schlimmeres. Andere haben Schmerzen. Die habe ich nicht.“

Der 78-Jährige zitiert aus Psalm 90: „Und wenn’s hoch kommt, so sind’s achtzig Jahre, und wenn’s köstlich gewesen ist, so ist es Mühe und Arbeit gewesen.“ Köstlich findet er das nicht. „Wenn die Mutter stirbt, dann sagste nicht: Steht schon im Psalm. Oder wenn ein Kind stirbt – das ist noch schlimmer.“

„Klartext im Getümmel“

Wir kommen auf den Krieg in der Ukraine zu sprechen. Nichts habe ihn so gelähmt wie dieser Krieg. Das sei ihm in den vergangenen 30 Jahren nicht geschehen, aber er habe bisher kein Wort zur Sache gefunden. Kurze Pause. „Ich glaube, Christoph Demke (früherer Bischof der Kirchenprovinz Sachsen) hat mal gesagt, ,die Worte verfaulen uns im Mund‘. Rational gedacht ist da kein Leben, keine Kraft mehr.“ Aber genau darin liege der Widerspruch: „Jetzt gerade müssen wir uns melden, die Öffentlichkeit in der Welt.“ Es brauche „Klartext im Getümmel“, wo die gesamte Weltordnung durcheinander ist.

Die Friedensbewegung wisse auch nicht recht, was sie jetzt machen soll. Es fehle die Einsicht, etwas zu tun, und es fehle die Zuversicht. „Wenn wir keine Zuversicht haben, tun wir nichts, und wenn wir keine Einsicht haben, tun wir das Falsche. „Wir dürfen nicht aufhören, jeden Tag in der Heiligen Schrift zu lesen und uns klar zu werden, dass Menschen lange vor uns, in ebenso großen Schwierigkeiten, nicht aufgegeben haben. Weil wir nicht Aufgegebene sind, geben wir nicht auf.“ Verstummen sei schon schlimm, aber Aufgeben noch schlimmer. „Man muss Ausdauer haben. Für den Frieden muss man Marathonläufer sein.“

Schorlemmer
Foto: Paul-Philipp Braun

 Friedrich Schorlemmer mit Glaube-und-Heimat-Chefredakteur Willi Wild (links) und der Leiterin des landeskirchlichen Archivs in Magdeburg, Christina Neuß, in Schorlemmers Wittenberger Wohnung, April 2022.

Schorlemmer
Foto: Paul-Philipp Braun
 
Schorlemmer
Foto: Paul-Philipp Braun

 

Schorlemmer
Foto: Paul-Philipp Braun
 

Schorlemmer erinnert an Menschen, an denen man sich früher habe ausrichten und aufrichten können. Nennt Fulbert Steffensky, Dorothee Sölle oder Jörg Zink sowie die unbequemen Friedensarbeiter aus der DDR, Heino Falcke, Joachim Garstecki und andere. Wo sind heute Persönlichkeiten wie Mahatma Gandhi, Nelson Mandela oder Desmond Tutu, fragt er.

„Was mir auffällt: in der Friedensbewegung wird nicht mehr gesungen. Die finden Singen uncool. Wie wir damals gesungen haben, das gibt es heute nicht mehr.“ Dabei sei das gerade wichtig, meint er und rezitiert: „Ein jeder braucht sein Brot, sein’ Wein, und Frieden ohne Furcht soll sein. Pflugscharen schmelzt aus Gewehren und Kanonen, dass wir im Frieden beisammen wohnen.“ Die Friedensbewegung habe damals ganz stark von der Rezeption dieses Liedes gelebt oder von den Gedichten Erich Frieds.

Da ist Schorlemmer wieder voll in seinem Element. Häufig spricht er von Zuversicht, und dass man etwas riskieren muss, für den Frieden und für die Bewahrung der Schöpfung. Das war 1993 auch Inhalt seiner Rede, als er den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels bekam. Begründet wurde die Verleihung damit, dass man einen aufrechten und couragierten Mann ehren wolle, der durch seine Worte und Taten seinen Mitmenschen den Glauben an die eigene Kraft wiedergab und sich mit ihnen Gewalt und Unterdrückung entgegenstellte. Das ist bis heute so, trotz des Alters und der Einschränkungen.

Schorlemmer
Foto: Paul-Philipp Braun

 

Schorlemmer
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Schorlemmer
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Christina Neuß sieht in dem Pfarrer ein „Zoon politikon“, einen Menschen als soziales, politisches Wesen, dem die Welt nicht egal ist. Der viel gesagt und geschrieben hat zur Friedensethik, Abrüstung, Gerechtigkeit und zum Umweltschutz. Sehr vieles, was bis heute Gültigkeit besitzt. Ohne Zweifel, eine wichtige Person der Zeitgeschichte.

Diesen Schatz zu bergen und unter seiner Regie zu sortieren, ist eine Mammutaufgabe. Nicht ohne Stolz zeigt er die vielen Regale mit Mappen, aus denen Zettel wie Zungen hervorstehen, darauf steht „Umwelt“, „Frieden“, „Weltpolitik“ oder „Abrüstung“. Da liegen Skizzen, Andachten, Reden, Essays, Korrespondenzen oder ein Spiegel mit einem Artikel, der zu dem Thema passte.

Archivleiterin Christina Neuß, selbst Theologin und Germanistin, gibt sich viel Mühe und investiert Zeit, um die unglaubliche Fülle an Schriftstücken zu sichten und mit Schorlemmer einzuordnen. Die Idee dazu kam von Altbischof Axel Noack. Er und Schorlemmer sind befreundet. Es traf sich gut, dass Neuß mit Schorlemmers Tochter studiert hat. Dadurch bestand eine Verbindung. „Wenn ich sehe, wie die Archivleiterin mit Sinn und Verstand an die Aufgabe rangeht, das gefällt mir und tut mir gut. Da muss ich nichts erklären“, lobt er Neuß.

Es sei schon schmerzhaft, sich von all dem zu trennen. Aber jetzt habe man angefangen, und dann soll es auch zu Ende gebracht werden. „Ich habe das Glück, dass die Arbeit nicht umsonst war und in Magdeburg anstatt im Reißwolf landet.“ Nach drei Stunden verabschieden wir uns. Auch wenn ihn der Besuch sicher angestrengt hat, sagt er zum Abschied: „Das Gespräch mit Ihnen hat mir gut getan.“ Danke, gleichfalls.

(Dieser Text erscheint ebenfalls in der Osterausgabe von Glaube und Heimat – www.meine-kirchenzeitung.de )

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