Aus ohne Applaus

Sang- und klanglos wird die Evangelische Journalistenschule (EJS) versenkt
Berlin, Jebensstraße 3, direkt hinterm Bahnhof Zoo. Hier residiert seit 1995 die Evangelische Journalistenschule (EJS) und seit 2000 auch die Redaktion von zeitzeichen.
Foto: epd
Berlin, Jebensstraße 3, direkt hinterm Bahnhof Zoo. Hier residiert seit 1995 die Evangelische Journalistenschule (EJS) und seit 2000 auch die Redaktion von zeitzeichen.

Nach über zweijährigem Hin und Her wurde gestern bekanntgegeben, dass die traditionsreiche Evangelische Journalistenschule (EJS) geschlossen wird. Der Träger, das Gemeinschaftswerk Evangelischer Publizistik, sieht sich außerstande, den Betrieb weiter zu finanzieren. Eine bittere Entscheidung, die nicht nötig gewesen wäre, meint zeitzeichen-Chefredakteur Reinhard Mawick.

Es war ruhig geworden um die Evangelische Journalistenschule (EJS) in Berlin, nachdem im Dezember 2020 der letzte Jahrgang junger Journalistinnen und Journalisten im Rahmen einer Andacht ihre Zeugnisse bekommen hatte. Sehr ruhig. Aber gestern veröffentlichte das Gemeinschaftswerk der Evangelischen Publizistik (GEP) als Träger der Schule in Frankfurt/Main, plötzlich eine Meldung, dass der Betrieb der EJS endgültig eingestellt wird, denn das GEP verfüge „(a)ngesichts der unabweisbaren Aufgabe, in den kommenden Jahren ein Kostenvolumen in Höhe von 1,9 Millionen Euro strukturell abbauen zu müssen“ nicht über die „notwendige Finanzkraft“ – so heißt es in der Meldung.

Vor zwei Jahren, im Februar und März 2020 hingegen war es sehr laut geworden: Als der Plan des GEP, die EJS ersatzlos zu streichen, bekannt wurde, hatten sich mehr als 1 500 Menschen, darunter namhafte Vertreter der Medienszene, in einem offenen Brief für den Fortbestand der EJS ausgesprochen (siehe auch zz.net März/2020 und Mai/2020). Daraufhin wurde von den Verantwortlichen gelobt, die Sache noch einmal zu überdenken, aber die Ausschreibung eines neuen Jahrgangs, der im Februar 2021 hätte beginnen sollen, wurde zunächst auf Geheiß des Rates der EKD ausgesetzt, denn die EKD ist Eigentümerin des Frankfurter Medienwerkes, in dem zahlreiche kirchliche Medien und Projekte aus dem Bereich Öffentlichkeitsarbeit und Verkündigung zusammengefasst sind, unter anderem auch die Nachrichtenagentur epd und eben als externes Anhängsel die EJS.

In der Zwischenzeit geschah nichts, aber dann wurden plötzlich im Frühjahr 2021 hektische Aktivitäten angestoßen, an deren Ende das überarbeitete Konzept einer „EJS 4.0“ stand, dem aber der entscheidende Schönheitsfehler anhing, deutlich teurer zu sein als die etwa 400 000 Euro pro Jahr, die ein Fortleben der EJS mit jeweils 16 Journalistenschüler und zahlreichen anderen Kursen für Volontäre anderer Medien gekostet hätte. Auch wurden Modelle, die zunächst einmal pragmatisch eine Fortführung der EJS ermöglicht hätten – sogar mit deutlich niedrigeren Kosten –, leider nie ernsthaft erwogen.

Unglückliches Timing

Das ist sehr schade, denn die Schließung der Berliner Schule stößt zum einen das große Netzwerk, das die EJS in fast drei Jahrzehnten in der deutschen Medienszene aufgebaut hat, vor den Kopf. Man sollte sich nichts vormachen: Die evangelische Kirche kommt für die Anne Wills dieser Welt meist nur in Form von Kirchenaustrittszahlen und sexuellem Missbrauch vor. Ab diesem Jahr kann man sich in diesen Kreisen nun noch merken, dass das verantwortliche Medienwerk der Evangelischen Kirche in Deutschland seine traditionsreiche Journalistenschule ersatzlos gestrichen hat.

Gerade jetzt, wo alle Welt die mutige Marina Owsjannikowa feiert, die in den russischen Hauptnachrichten die Kremlpropaganda entlarvte und aufgrund des autokratischen Vormarsches die Wichtigkeit freier Berichterstattung allen klar vor Augen steht, ist dies wohl ein unglückliches Timing zu nennen. Und dass nun künftig „bis zu fünf junge Leute“ ein zweijähriges Volontariat im GEP in Frankfurt absolvieren können, ist natürlich besser als nichts, ersetzt aber nicht im Entferntesten eine eigenständige Institution, wie sie die EJS in Berlin mit ihrem Netzwerk und ihrem Freundeskreis ist.

Der ganze Vorgang wirft zum anderen aber auch ein Schlaglicht auf die EKD und ihre Leitungsorgane: Welche Rolle soll im Raum der EKD die journalistische Evangelische Publizistik noch spielen? Eine Publizistik, die gegenüber ihrer Kirche als institutionalisierte Selbstkritik fungiert, die innerkirchliche Meinungsforen betreibt und die als Multiplikatorin zumindest ab und an dafür sorgen kann, dass die evangelische Kirche noch in den säkularen Medien vorkommt. Fragen, die die EKD und ihre Landeskirchen auf dem Weg in die Zukunft bedenken und vor allem entscheiden müssen.

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