Fragen stellen ist Bürgerpflicht

Die schwere Aufgabe, alles ehrlich zusammenzudenken
Foto: privat

„Zeitenwende“, „Epochenschwelle“ – Der Angriff Russlands auf die gesamte Ukraine hat auf unserem Kontinent, in unserem Land und in unseren Kirchen ein Beben ausgelöst. Befürworter einer stärkeren Rüstung haben Auftrieb, Fürsprecher von Entspannungspolitik müssen sich erklären, Oligarchen bringen ihre Yachten in Sicherheit, und im Diskurs sind alle bemüht, ihre Schäfchen ins Trockene zu bringen. Uneingestandene Vorurteile, nicht aufgearbeitete psychologische Grunddispositionen und an der Realität zerbrochene Vorannahmen prägen die sich immer weiter aufheizende Sprache. Sieht die Welt heute tatsächlich anders aus als vor dem 24. Februar?

In einer Zeit, in der (vermeintliche) Gewissheiten zerbröckeln und darum nur umso lauter verkündet werden, ist das Fragen stellen Bürgerpflicht.

Ich finde die Waffenlieferungen Deutschlands an die Ukraine richtig. Was nicht heißt, dass Deutschland weiterhin die Waffenkammer der Welt bleiben muss. Die Frage, an wen und zu welchem Zweck aus Deutschland Waffen geliefert werden, ist situativ zu beantworten und darum immer offen.

Ich halte es auch für notwendig, die Bundeswehr auftragsgemäß auszustatten. Das wiederum bedeutet, dass wir endlich klären müssen, für welche gegenwärtigen und zukünftigen Aufgaben die deutschen Streitkräfte im Verbund der NATO-Partner und im Konzert der Europäischen Union gerüstet sein müssen. Diese Frage ist nicht geklärt. Und das wiederum bedeutet, dass wir über einige der vom Kanzler am Sonntag verkündeten Rüstungsanliegen noch gründlich diskutieren werden müssen. Übrigens auch die Regierungsfraktionen und erst recht die Kirchen. Ob eine vertiefte nukleare Teilhabe, bewaffnete Drohnen oder gar eine massive Aufstockung der Bundeswehr den strategischen Notwendigkeiten und unseren sicherheitspolitischen Überzeugungen entsprechen, ist mit einer Kanzlerrede vor dem Bundestag nicht geklärt.

Demokratischer und sachlicher Austausch

In den vergangenen Tagen betonten zahlreiche Kommentator:innen, auch aus den evangelischen Kirchen, dass zu einer friedenserhaltenden Sicherheitspolitik auch das Moment der Abschreckung gehört. In diesem Kontext wird man die Regierungserklärung des Kanzlers und die Geschlossenheit der Regierung in dieser Sache verstehen müssen. Doch „wir“,  das heißt die evangelischen Christen, sind mehr als nur Staatsbürger (in Uniform). Die Abschreckungsqualität der Geschlossenheit muss in ihrer Bedeutung zurückstehen hinter dem demokratischen und sachlichen Austausch von Argumenten, hinter dem Streit sich widersprechender sicherheitspolitischer und friedensethischer Positionen, der so überhaupt nur in einer freiheitlichen Demokratie möglich ist, die die neue Schärfe zu verteidigen angibt.

„Wir“ sind keine Regierungssprecher. „Wir“ sind nicht im Geschäft der Drohung. Deshalb können wir uns einen Rest Ratlosigkeit bewahren. Die Sicherheit, mit der neue Überzeugungen und althergebrachte Meinungen, von denen man meint, sie wären unerhört geblieben, sowie gerade erst Erlerntes in den vergangenen Tagen vorgebracht werden, ist beunruhigend.

In Abwandlung eines Satzes des ehemaligen EKD-Ratsvorsitzenden Heinrich Bedford-Strohm kann gesagt werden: Krieg ist immer etwas Tragisches, immer eine Niederlage. Wenn geschossen wird, sind die diplomatischen Mittel gescheitert – auch wenn sie nicht ausgeschöpft wurden. Was macht man dann erst angesichts eines Gegners, der sein Handeln erkennbar nicht mehr an rationalen Überlegungen orientiert, sondern ohne Rücksicht auf Verluste – besonders in der Ukraine, aber auch in seiner eigenen Bevölkerung – handelt? Inklusive der Drohung, Nuklearwaffen zum Einsatz zu bringen.

Wider das Arsenal bemühter Floskeln!

Das stimmt ratlos. Daran können die vielen Worte, die zahlreichen (Re-)Positionierungen und Erklärungsversuche kaum etwas ändern. Welche Hilfe kann eine Debatte sein, die allzu schnell in die gewohnten Muster, in die traditionellen Sprachbilder zurückfällt, in das Arsenal stets bemühter Floskeln greift? Oder auf der anderen Seite in eine gewaltvolle, martialische Kriegsrhetorik abgleitet, wie sie der hannoversche Landesbischof Ralf Meister gerade kritisierte, inklusive der Neigung, „gewisse Leichtfertigkeit mit historischen Vergleichen" walten zu lassen, wie sie den Deutschen ganz sicher nicht gut zu Gesicht steht. Und natürlich dürfen auch Rückgriffe auf Bonhoeffer nicht fehlen.

Ratlosigkeit also. „Dies nenne ich Diesseitigkeit“, schreibt Bonhoeffer in einem Brief aus dem Gefängnis vom 21. Juli 1944, „nämlich in der Fülle der Aufgaben, Fragen, Erfolge und Misserfolge, Erfahrungen und Ratlosigkeiten leben -, dann wirft man sich Gott ganz in die Arme, dann nimmt man nicht mehr die eigenen Leiden, sondern das Leiden Gottes in der Welt ernst […].“ Nun könnte man sagen: Was schert mich das Leiden irgendeines Gottes, wenn ich doch selbst schlaflose Nächte durchwache?

Wenn ich ein guter Kolumnist wäre, würde ich Sie, liebe Leser:in, hier sowieso mit einem möglichst heißen Hot Take versorgen, der auf einen der zahlreichen Missstände unter den Begleitumständen dieses Krieges abheben würde, Ihnen jedenfalls Recht gäbe mit ihren Sorgen, Befürchtungen, im besten Fall auch Hoffnungen. Mich irritiert aber vor allem, wie selbstverständlich und rücksichtlos „wir“ das Geschehen wieder einmal „zu unserer Sache“ machen. Was macht der Krieg mit uns? 100 Milliarden für Rüstung sind den Deutschen wichtiger als 1000 Panzerabwehrwaffen und 500 Stinger für die Ukraine.

Gehen nicht auch die friedensethischen Grabenkämpfe der letzten Tage an den seelsorglichen Bedürfnissen der Christen vorbei, allzumal derer, die aus der Ukraine oder Russland zu uns gekommen sind und in oder vielmehr am Rande unserer Kirchgemeinden leben?

Die Debatte jenseits der Kirchen nimmt sich noch selbstbezüglicher aus. Keine neue oder als neu empfundene politische Herausforderung, die der deutsche Bürger nicht mit einer Forderung nach Änderung des Grundgesetzes beantwortet oder ihretwegen wenigstens ein neues Schulfach einführen will. Darf‘s ein wenig mehr Wehrpflicht sein? Solche Debatten zielen nicht nur an den strategischen Zielen der Landesverteidigung vorbei, sondern sind potenziell gefährlich. Sie malen mit am Bild einer Gesellschaft im Belagerungszustand.

Entwaffnende Ehrlichkeit

Was ist die Aufgabe der Kirchen? Sie sollten sich Ratlosigkeit leisten, ja, sie offensiv eingestehen. Ehrlichkeit ist entwaffnend. Ehrlich eingestandene Uneinigkeit der Ausgangspunkt eines offenen Dialogs, an dem sich mehr als die bisher üblichen Kombattanten beteiligen können. Eine Ratlosigkeit gleichwohl, die von tiefen inneren Überzeugungen getragen ist und um die Relativität und Kontextualität von Entscheidungen weiß, die aus diesen resultieren.

Pimen I., als Patriarch von Moskau und der ganzen Rus von 1971 bis 1990 Oberhaupt der Russisch-Orthodoxen Kirche, fasste die Aufgabe der Kirchen in einer Rede auf der Weltkonferenz der Religionen für die „Rettung der heiligen Gabe des Lebens vor einer nuklearen Katastrophe“ 1982 in Moskau folgendermaßen zusammen:

„Das Leben in Gott ist der Menschheit gegeben als ein Ziel in der eschatologischen Perspektive, aber in der Kirche Christi ist dieses Leben gegeben auch als eine religiöse Erfahrung im Rahmen des irdischen Lebens. Deswegen muss das irdische Leben nach der Liebe, nach dem Frieden streben. […] Wir, religiöse Vertreter, haben die Verantwortung, Bemühungen zu unternehmen für die Stärkung des Vertrauens zwischen den Völkern und Staaten. Unsere Pflicht ist es, die Angst und Verdächtigungen auszurotten und dazu unsere pastoralen Möglichkeiten zu benutzen. […] Der Friede für die Welt – das soll der Inhalt unserer Predigt sein.“

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