Welt im Umbruch

Drei geistige Heroen

Ein ungewöhnliches Experiment: Der Politikwissenschaftler Herfried Münkler unternimmt es in diesem groß angelegten Buch, Profil, Werk und Wirkung dieser sehr verschiedenartigen, aber wirkungsvollen Zeitgenossen im Jahrhundert der Revolutionen – zwischen 1789 und 1917 – nachzu­zeichnen und zu vergleichen.

Dabei bringt Münkler eine doppelte Leistung zustande: Es gelingt ihm, die bewegten Entwicklungslinien des Denkens und Wirkens des politischen Ökonomen, des Revolutionärs, Komponisten und Dichters sowie des Philosophen und Kulturkritikers aufeinander zu beziehen. Andererseits vermag er die drei geschichtsprägenden Gestalten im Licht der jüngeren Forschung von den Fesseln ihrer Nachwirkung im Sozialismus und im Faschismus zu befreien.

Im Mittelpunkt dieser Welt im Umbruch stehen nach Münklers Deutung für die Altersgenossen Marx und Wagner die Erfahrung der 1848er-Revolution, für den Nachgeborenen Nietzsche die Folgen, welche das politische Scheitern und der wirtschaftliche Erfolg der Aufbruchsgenerationen an Leib und Seele der Menschen hinterlassen. „Marx hat auf die Revolution der sozialökonomischen Verhältnisse, Wagner auf die kulturelle Regeneration und Nietzsche auf die Schaffung eines neuen Menschen gesetzt. Marx hat auf den Umbruch unter der Devise der Befreiung, Wagner unter der Perspektive der Erlösung reagiert, und Nietzsche hat beides als unangemessen verworfen.“ Diese pauschalen Charakterisierungen werden von Münkler biografisch und thematisch in der Konfrontation mit den Zeitumständen und, besonders zwischen Nietzsche und Wagner, untereinander entfaltet. Besonders differenziert, materialreich und farbig wird die Kritik am autoritär-liberalen Bürgertum und seinen Revolten an den auseinanderdriftenden Wegen von Friedrich Nietzsche und Richard Wagner vor dem Hintergrund von Gefolgschaft und Bruch nachgezeichnet: bei Wagner der Weg von der ästhetischen Revolutionierung der Oper, ihrer dichterischen Gestaltung und essayistischen Begleitung zur mythologisch verschlüsselten Gesellschaftskritik im „Musikdrama“. Dabei geriet er, nicht nur finanziell, in Abhängigkeit von der alten Welt. Dagegen Nietzsches lange Reise von der dionysischen Revolution aus dem Geist der Musik und der Kritik an der „Deformation“ durch die christliche Religion hin zur Befreiung der Person im Vitalismus des antiken „Übermenschen“. An Karl Marx arbeitet Münkler heraus, wie sich dessen Verständnis der Revolution angesichts des Scheiterns der Aufstände zu einem in langen Zeiträumen sich vollziehenden Prozess der zwangsläufigen Veränderung der Produktionsverhältnisse und des Bewusstseins umgebildet hat. Marx wird hier als wissenschaftlicher Aufklärer porträtiert und dabei von den ideologischen Überlagerungen seiner Wirkungsgeschichte befreit. Die aktivste Wirksamkeit auf seine Zeitgenossen hat zweifellos Richard Wagner ausgeübt, vor allem durch seine Musik, weniger durch seine Essayistik. Marx und Nietzsche hatten im Wesentlichen erst eine Nachwirkung und waren dabei einer besonders heftigen weltanschaulichen Verzerrung ausgesetzt.

Nach siebenhundert Seiten Lektüre stehen vor der Leserschaft drei geistige Heroen, die in der Reaktion auf das Scheitern politischer Umsturzversuche und einen autoritären Kapitalismus und dessen bürgerliche Welt das kulturelle Bewusstsein selbst umgewälzt haben: geistig, ästhetisch, politisch und sozial. Die Nachwehen der politisch-sozialen und kulturellen Erschütterungen des „langen 19. Jahrhunderts“ (Eric Hobsbawm) mussten im 20. Jahrhundert verdaut werden. Die Beschwerden und Scheußlichkeiten dieses Prozesses können besser diagnostiziert werden, wenn die Profile dieser Rebellen gegen den Zeitgeist unsere Generation begleiten. Herfried Münkler hat sie, grundiert von der umfangreichen jüngeren Forschung, sorgfältig konturiert und in ein teilweise fiktives Gespräch miteinander gebracht und von den Ablagerungen der Wirkungsgeschichte befreit.

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